Caspar Hauser in Ansbach


von Markus Zeller (August 2002)



Ansbach, 17. Dezember 1833 - Fünf Jahre nach seinem plötzlichen Auftreten auf dem Unschlittplatz in Nürnberg stirbt Kaspar Hauser, dessen Herkunft nie eindeutig geklärt werden konnte, an einer Stichverletzung. Ansbach, 05. August 2002 - Das Musical über das Schicksal des rätselhaften Findlings feiert vor über 800 Besuchern im komplett ausverkauften Onoldiasaal seine erfolgreiche Premiere.


Sunhild Giess (Caspar als Kind) / Foto: (c) Markus Zeller

Allem Anschein nach sind auch Dramaturgen und Musicalautoren gegenüber Modeerscheinungen nicht gefeit. So ist immer wieder festzustellen, dass klassische Stoffe zu einem gewissen Zeitpunkt „in“ sind und daher fast parallel zueinander unterschiedliche Musicalfassungen zu ein und derselben Geschichte entstehen. Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit sind „Cyrano“ oder „Die drei Musketiere“. Mit der mysteriösen Geschichte um Kaspar Hauser, zuletzt durch die Verfilmung mit Andrè Eisermann in der Hauptrolle und die durch das Nachrichtenmagazin `Der Spiegel` initiierte DNA-Analyse medienträchtig in den Schlagzeilen, verhält es sich ebenso. Bereits im letzten Jahr wurde im schwedischen Malmö ein Musical uraufgeführt, das ebenfalls die geheimnisvollen Ereignisse um Kaspar Hauser als Grundlage hat. Diese bloße Feststellung wird allerdings nicht der Besonderheit der Aufführung von Ansbach gerecht, da es sich hier um eine lupenreine Nachwuchsproduktion und somit im deutschsprachigen Raum um ein absolutes Novum handelt. Bereits im Oktober letzten Jahres gelang es dem jungen Komponisten Heiko A. Neher, eine Try-Out-Produktion seines Kaspar Hauser - Musicals auf die Bühne des Studio-Theaters Stuttgart zu bringen. Die positive Resonanz auf diese Aufführung bestärkte ihn in seiner Absicht, weiter an dem Stück zu arbeiten. Im Rahmen der diesjährigen Kaspar-Hauser-Festspiele der Stadt Ansbach eröffnete sich für ihn die Möglichkeit, einem größerem Publikum eine weiterentwickelte Fassung zu präsentieren.

„Aus tragischem Anlass sehen wir uns gezwungen, die heutige Vorstellung abzusagen!“ Zu Beginn des Stückes verkündet die geheimnisvoll anmutende Gräfin Hochberg dem erschrockenen Publikum die traurige Nachricht, dass der kleine Erbprinz des Hauses Baden soeben gestorben sei. Damit beginnt einer der spannendsten Fälle der Kriminalgeschichte, denn der Tod des Thronfolgers wird zwar offiziell bekannt gegeben, tatsächlich wird er allerdings mit einem anderen sterbenden Kind vertauscht. Wir befinden uns im Jahre 1812 und inmitten der politischen Intrigen der deutschen Kleinstaaterei. Das Musical basiert auf der populären Erbprinzentheorie, wonach der unglückliche Findling der rechtmäßige badische Thronfolger war, der über viele Jahre hinweg in isolierter Gefangenschaft gehalten wurde. Nach seinem unerklärlichen Erscheinen in Nürnberg entwickelt sich Kaspar Hauser für Wissenschaftler und die sensationsgierige Öffentlichkeit zusehends zu einem begehrten Anschauungsobjekt und erlangt sogar über die Landesgrenzen hinaus zweifelhaften Ruhm. In Anbetracht dieser ungewollten Entwicklung der Ereignisse tritt die konkurrierende Erblinie in Gestalt der Gräfin Hochberg auf den Plan und schafft mit Hilfe des von ihr eingesetzten Spions Lord Stanhope Kaspar Hauser schließlich aus dem Weg.


Jessie Roggemann / Foto: (c) Markus Zeller

Die für eine Nachwuchsproduktion außerordentlich hohe Beachtung, die das Projekt bereits im Vorfeld erfuhr, ist nicht zuletzt auf die populäre Besetzung des Stückes zurückzuführen, die sich hauptsächlich aus den Reihen der Stuttgarter `Tanz der Vampire` - Produktion rekrutiert. Jessie Roggemann in der Rolle der Stèphanie de Beauharnais, die leibliche Mutter Kaspar Hausers, kann vor allem in den emotionalen Momenten des Stückes glänzen, in denen sie zwischen Trauer und Hoffnung hin- und hergerissen wird. Mit Martin Berger in den Rollen des Gefängniswächters Hiltel und des Lehrers Daumer kann die Produktion sogar mit einem der profiliertesten Musicaldarsteller aus dem deutschsprachigen Raum aufwarten. Gewohnt souverän und mit viel Gespür für die jeweilige Szene präsentiert er seine Songs. Christoph Trauth als Leopold von Baden sowie als Schuster Beck zeigt eine außerordentlich engagierte Darstellung seiner Rollen und begeistert immer wieder durch seine frische und leidenschaftliche Bühnenpräsenz. Jeanne-Marie Nigl verkörpert die Gräfin Hochberg, die gleichzeitig als Erzählerin des Stückes fungiert. In ihren spektakulären Auftritten kann das Energiebündel das Publikum mitreißen und gesanglich jederzeit überzeugen. Espen Nowacki als Anselm von Feuerbach und Schuster Weickmann sowie Antje Kohler in den Rollen des Mädchens Marie, der Anna Dalbonne und Amme können mit ihren gefühlvoll vorgetragenen Balladen auf sich aufmerksam machen. Als Idealbesetzung des von politischen Mächten als Spielball missbrauchten Kaspar Hauser (als Kind: Sunhild Giess) erweist sich Stefan Poslovski, dem eine anrührende und glaubwürdige Charakterstudie gelingt. Fernab jeglicher Effekthascherei, die sich angesichts der Vorbilder aus Film und Literatur vorschnell anbietet, stellt er die menschliche Tragik der Titelfigur in den Vordergrund und zeigt einen naiven, angstvollen und einsamen Jungen, der bis zu seinem Tod nie die Hoffnung auf ein ganz normales Leben verliert.

In der Rolle des zwielichtigen Lord Stanhope ist Tobias Weis zu sehen, der gleichzeitig die Regie übernommen hat und als Co-Autor für das Buch mitverantwortlich zeichnet. Seine Inszenierung trägt dem Umstand Rechnung, dass es sich bei „Caspar Hauser“ in der Ansbacher Fassung noch keineswegs um eine komplett ausgearbeitete Show handelt, sondern vielmehr die aktuelle Version eines Musicals darstellt, das sich nach wie vor in einer Entwicklungsphase befindet. Dementsprechend präsentiert er eine Aufführungsform, die den Schwerpunkt in die Auflösung der einzelnen Szenen und Entwicklung der Figuren setzt. Ansonsten macht er aus der Not des fehlenden Budgets eine Tugend und lässt die Darsteller nur mit den nötigsten Requisiten agieren, die den jeweiligen Handlungsschauplatz angeben. Die hieraus resultierende Fokussierung auf die tragischen Ereignisse kommen der melancholischen Grundstimmung des Stückes sogar zugute. Kreativer Kopf des Projekts ist Heiko A. Neher, von dem nicht weniger als die Musik, die Songtexte und das Buch stammen. Der junge Komponist entdeckte bereits vor fünf Jahren den Stoff und begann mit der Arbeit an der Adaption für ein Musical. Das vorläufige Ergebnis lässt hinsichtlich der Partitur aufhorchen, denn für ein Nachwuchswerk präsentiert sich diese als außerordentlich melodienreich. Die Musik für „Caspar Hauser“ stellt eine gekonnte Mischung aus gefühlvollen Balladen, kraftvollen Rocksongs und klassischen Ensemblenummern dar, die während der Aufführung vom Komponisten am Piano dargeboten wird, unterstützt wird er dabei von Michael Brücker am Schlagzeug. Songs wie das rockige „Sensation“ oder die Ballade „Dies ist nicht der Himmel“ können dabei besonders überzeugen und beweisen Hit-Qualitäten. Genauso verhält es sich mit „Es ist nicht leicht, ein Prinz von Baden zu sein“, das durch einen geschickten Songaufbau auf sich aufmerksam machen kann und dessen Melodie dem Hörer im Gedächtnis haften bleibt. Dieses Material macht Lust auf eine professionelle Studioeinspielung mit einer großen Instrumentierung. Eingebettet sind die Lieder in eine düstere Partitur, mit der der Komponist die jeweilige Stimmung der einzelnen Szenen trifft. Besonders erfreulich ist zudem, dass es sich bei dem Musical um ein durchkomponiertes Werk handelt, so dass die Geschichte ausschließlich mit den Songs erzählt wird.


Stefan Poslovski / Foto: (c) Markus Zeller

Das Nachwuchsmusical kann somit oft und auch nachhaltig glänzen, versprüht allerdings nicht den unbekümmerten Charme eines Erstlings, weil es an vielen Stellen einen fast abgebrühten Eindruck hinterlässt. Hier waren keine „jungen Wilden“ oder gar Musical-Avantgardisten am Werk, denn die Vorbilder für „Caspar Hauser“ sind nur allzu leicht zu erkennen. Die Macher fühlen sich sichtbar der Gattung des Drama-Musicals, wie Michael Kunze seine Form des Musiktheaters nennt, verpflichtet. Dies stellt für sich betrachtet keineswegs ein Problem dar, ist es doch ein Zeichen dafür, dass der erfolgreichste deutschsprachige Musicalautor deutliche Spuren hinterlässt. Allerdings lässt „Caspar Hauser“ die für ein Nachwuchswerk wünschenswerte Eigenständigkeit vermissen. Die Paten einzelner Songs wie „Der letzte Tanz“ aus `Elisabeth` für Gräfin Hochbergs „Die letzte Partie“ oder „Hier in Wien!“ aus `Mozart!` für die Ensemblenummer „Nürnberg“ sind unverkennbar. Als weiteres Problem stellt sich der Aufbau des Musicals dar, der sich ebenfalls an die beiden Werke von Michael Kunze anlehnt. Dramaturgische Konstruktion und die Motivation der einzelnen Figuren sind jedoch zu ähnlich geraten, ohne die Qualität der berühmten Vorbilder zu erreichen. Dies führt dazu, dass einige vermeintlich wichtige Figuren zwar ausführlich und bedeutungsschwanger eingeführt werden, im weiteren Verlauf des Stückes allerdings die aufgebaute Spannung nicht halten können. Auch wird das Bemühen deutlich, ähnlich wie bei `Elisabeth`, einer eigentlich tragisch endenden Geschichte doch noch ein versöhnliches Bühnen - Happy End hinzuzufügen. Solch ein Kunstgriff muss jedoch in der Geschichte aufgebaut und nicht einfach behauptet werden, so wie hier geschehen. Zudem stolpert das Werk über seine eigenen Ansprüche, denen es leider nicht gerecht werden kann: Bei `Elisabeth` und `Mozart!` handelt es sich um durch und durch künstliche Dramatisierungen auf der Grundlage historischer Fakten. Genau hier liegt der Unterschied zu „Caspar Hauser“, denn durch das Aufgreifen der umstrittenen Erbprinzentheorie wird lediglich Partei ergriffen für eine der möglichen Theorien um die Herkunft des Findlings. Im Übrigen ist dieser Erklärungsansatz nicht neu und künstlerisch auch schon abgefrühstückt, so dass „Caspar Hauser“ im Gegensatz zu Kunzes Werken keine neue interessante Sichtweise auf die Hauptfigur vermittelt. Die Macher wären also gut beraten gewesen, sich bei der Entwicklung der Bühnenfassung eines komplexen Stoffes etwas mehr Originalität zu bewahren und eigene Wege zu gehen. So aber verbleibt der Eindruck einer durchschaubaren Dramaturgie und Darbietung, die sich sämtlicher Musical-Versatzstücke bedenkenlos bedient.


Foto: (c) Markus Zeller

Trotzdem: „Caspar Hauser“ stellt in der Summe eine höchst erfreuliche Nachwuchsproduktion dar, die Hoffnung für die Zukunft macht. Die junge Truppe um Heiko A. Neher hat sich mit der Aufführung in Ansbach schon meilenweit von der rein akademischen Spielwiese der Schulungseinrichtungen entfernt, auf der ansonsten neue Werke entwickelt werden, die jedoch in aller Regel nie vor ein zahlendes Publikum gelangen. Das Stück hinterlässt zwar einen noch unfertigen Eindruck, beweist jedoch ein gehöriges Maß an Substanz. Außerdem gebührt dem aufgebrachten Mut zur Organisation einer Aufführung in Eigenregie Respekt. Mit „Caspar Hauser“ ist ein neues Phänomen in der deutschsprachigen Musicallandschaft in Erscheinung getreten, denn ambitionierte und leidenschaftliche Nachwuchskünstler haben aus eigener Kraft heraus ein neues Musical geschaffen - das ist selten genug, wenn nicht sogar einzigartig. Und sie wissen, wie man das Publikum kriegt: Wenn im letzten Bild die leidgeprüfte Stèphanie de Beauharnais endlich wieder ihren kleinen Sohn in den Armen hält - zeitlebens ein unerfüllt gebliebener Wunsch - und dazu das wunderschöne Leitmotiv des „Reiterliedchens“ erklingt, dann ist das packendes und bewegendes Musiktheater.


Stefan Poslovski, Jeanne-Marie Nigl, Tobias Weis, Antje Kohler, Martin Berger / Foto: (c) Markus Zeller