Mamma Mia!


von Markus Zeller (November 2002)



‚Mamma Mia!’ ist ein Selbstläufer. Auch in Deutschland. Die Reaktion des Publikums auf die deutschsprachige Erstaufführung am 03. November 2002 im Hamburger Operettenhaus lässt daran keinen Zweifel aufkommen. Die Show auf dem Kiez wird nicht nur frenetisch bejubelt, ihr schwappt eine regelrechte Sympathiewelle entgegen. Der Siegeszug des Musicals mit den Hits von ABBA begann bereits am 06. April 1999 im Prince Edward Theatre am Londoner West End, in das seit der Weltpremiere mehr als 2 Millionen Besucher strömten. Weitere Produktionen in Toronto, San Francisco, Melbourne und New York folgten. Weltweit hat ‚Mamma Mia!’ täglich 10.000 Zuschauer. Als ob es an derartigen Superlativen noch nicht genug wäre, gelang ‚Mamma Mia!’ nun mit einem Handstreich die Eroberung des deutschen Publikums, das es fortan lieben wird.


Foto: Brinckhoff, (c): Stage Holding

Wer wie ich die aktive Zeit der schwedischen Popgruppe miterlebt hat, wird sich nur zu gut daran erinnern, dass es durchaus nicht cool war, ABBA zu hören. Umso heißer wurde jedoch im Laufe der vergangenen 20 Jahre die Zuneigung einer immer größer werdenden Fangemeinde für die zeitlosen Songs von Benny Andersson und Björn Ulvaeus. Inzwischen ist der Name ABBA und die damit verbundene Musik zu einer Marke geworden, die sich einer immens breiten Beliebtheit erfreut. Kein Wunder, dass die Bekanntgabe der Entscheidung, das Stück für den deutschen Markt erstmals nicht in Englisch auf die Bühne zu bringen, eine große Zahl von Bedenkenträgern auf den Plan rief. Eine Übertragung der weltbekannten Songs in die deutsche Sprache erschien schier unmöglich oder zumindest als etwas nicht Erstrebenswertes. Für diese schwere und zugleich undankbare Aufgabe konnte Deutschlands Vorzeigeautor Michael Kunze gewonnen worden, während Ruth Deny die Übersetzung der Dialoge übernahm. Das mit Spannung erwartete Ergebnis ihrer Arbeiten überrascht und lässt sämtliche im Vorfeld aufgebauten Vorurteile ins Leere laufen. Wider Erwarten stehen einem zu Beginn des Stückes nicht die Nackenhaare zu Berge, wenn Sophie mit den deutschen Worten „Mich trägt mein Traum“ („I have a dream“) die Geschichte einleitet. Unerwartet harmonisch fügt sich ebenfalls „Danke für die Lieder“ („Thank you for the music“) in den Handlungsablauf ein. Der wichtigste Erkenntnisgewinn der deutschen Produktion von ‚Mamma Mia!’ ist der, dass die Songs auch in einer anderen Sprache funktionieren, dies wird den Weg für weitere nicht-englische Aufführungen ebnen. Einzelne Songtitel wie „Gib mir, gib mir, gib mir“ statt „Gimme! Gimme! Gimme!“ oder „Ich bin ich, du bist du“ für „Knowing me, knowing you“ tun zwar noch ein bisschen in den Ohren weh, schmälern aber nicht den positiven Gesamteindruck, den die Übersetzung ins Deutsche hinterlässt. Michael Kunze ist mit seiner Arbeit das Kunststück gelungen, dem Zuschauer das Vergnügen an den beliebten Songs nicht zu verderben - das ist mehr, als man erwarten konnte.


Björn Ulvaeus u. Michael Kunze / Foto: Malzkorn, (c): SH

Hinsichtlich der Verträglichkeit ist das Experiment über die Eindeutschung bekannter Hits somit gelungen. Allerdings soll hier nicht verschwiegen werden, dass eine solche Übertragung in die jeweilige Landessprache auch einen Nachteil birgt. ‚Mamma Mia!’ im englischsprachigen Original lebt davon, dass die bekannten ABBA - Songs spielerisch ihrem Kontext enthoben und auf höchst unterhaltsame Weise in die Handlung einbezogen werden. In Anbetracht ihres hohen Bekanntheitsgrades geben sie dabei allerdings nie ihr Eigenleben auf, so dass ihre Verwendung in einer dramatisch aufbereiteten Handlung stets den Charakter eines Zitates hat und als solches vom Publikum akzeptiert wird. Im Original funktioniert daher der Kunstgriff, „Our last summer“ für die Befindlichkeit von Donna und Harry einzusetzen, obwohl der Songtext nicht buchstäblich auf die beiden Figuren anwendbar ist. Die spärliche Verbindung zwischen Handlung und Musik liegt darin, dass Donna und Harry eine gemeinsame Vergangenheit haben und der Song den verklärten Rückblick auf eine vergangene Romanze zum Inhalt hat. Eine deutsche Übersetzung vermittelt allerdings den Eindruck, als ob „Unser Sommer“ speziell für diese Situation geschrieben wurde. Hierdurch verliert der Song seine ihm im Original zugedachte Stellvertreterfunktion und das Stück ein wesentliches Element seiner Originalidee.


Foto: Brinckhoff, (c): Stage Holding

Für den wirtschaftlichen Erfolg der En-Suite-Produktion wird sich eine deutsche Fassung allemal als Vorteil erweisen. Den Besuchern der Hamburger Aufführung präsentiert sich ohne das Hemmnis einer Fremdsprachenbarriere eine amüsante, bewegende und jederzeit unterhaltende Musicalkomödie über eine Tochter, die das Geheimnis um ihren Vater enträtseln will. Die Handlung ist auf einer kleinen griechischen Insel angesiedelt, auf der die patente Donna eine Taverne betreibt und damit den Lebensunterhalt für sich und ihre Tochter Sophie bestreitet. Von Männern möchte Donna nichts wissen und Fragen nach Sophies Vater weiß sie stets auszuweichen. Nachdem sich die inzwischen 20jährige Sophie zur Heirat ihres Angebeteten Sky entschlossen hat, wünscht sie sich sehnlichst ihren noch unbekannten Vater herbei, der sie zum Traualtar führen soll. Beim Stöbern in alten Unterlagen ihrer Mutter findet Sophie ein Tagebuch aus längst vergangenen 70er Jahre - Zeiten, dem sie zu ihrer Überraschung entnehmen muss, dass ihre Mutter seinerzeit wohl noch mehr vom männlichen Geschlecht hielt und sage und schreibe drei Samenspender für die vorgesehene Rolle des Brautvaters in Betracht kommen. Kurzerhand lädt sie unter Donnas Namen sämtliche in Frage kommenden Väter zu ihrer Hochzeit ein. Donnas Erstaunen ist nicht schlecht, als die gesamte Ex-Lover-Schar nach so langer Zeit wieder auftaucht: „Mamma Mia! - es geht schon wieder los!“ Turbulent wird es erst recht in dem Moment, als sich die beiden besten Freundinnen von Donna zu den Hochzeitsfeierlichkeiten einfinden. Die haben in Erinnerung an gute alte Zeiten natürlich nichts Besseres zu tun, als das gemeinsame Gesangstrio ‚Donna and the Dynamos’ zu reaktivieren. Für die heiratswütige Sophie und die leidenschaftliche Heiratsgegnerin Donna beginnen bis zur geplanten Hochzeit die zwei aufregendsten Tage in ihrem Leben.


Foto: Brinckhoff, (c): Stage Holding

Autorin Catherine Johnson schuf eine hinreißend amüsante Story, die mit den Hits von ABBA erzählt wird - ein Stück über ABBA ist jedoch nicht daraus geworden. Darin dürfte einer der Gründe für den weltweiten Erfolg der Show liegen, denn ‚Mamma Mia!’ biedert sich beim Publikum nicht mit einer leicht zu durchschauenden Revival - Kost an, sondern erzählt eine sehr heutige Geschichte. Im Gegensatz zu ähnlich gelagerten Produktionen widerstand man hier der Versuchung, eine Nostalgie - Show auf die Beine zu stellen, die inhaltlich und formal von und in der Vergangenheit lebt. Bei ‚Mamma Mia!’ geht es um den ungetrübten Blick auf das, was aus den Träumen von damals geworden ist - das schafft Nähe zum Zuschauer und erweckt sein Interesse, so dass er sich gespannt auf die Geschichte einlässt. Mutter Donna und Tochter Sophie sind die Schlüsselfiguren in diesem Konstrukt und schaffen das Spannungsfeld, indem Donna in Form ihrer drei ehemaligen Liebhaber konkret mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird, während Sophie noch idealisiert in die Zukunft blickt.

Lutz E. Seelig, dem die künstlerische Leitung für die Hamburger Aufführung obliegt, gelingt es scheinbar mühelos, das Erfolgskonzept der Regisseurin Phyllida Lloyd auf die Bühne des Operettenhauses zu übertragen. Dafür kann er auf eine sorgfältig ausgewählte Besetzung der weiblichen Hauptrollen zurückgreifen. Carolin Fortenbacher als Donna scheint die Rolle ihres Lebens gefunden zu haben. Mit enormer Spielfreude gelingt ihr die glaubhafte Darstellung einer männerverachtenden Aussteigerin und Einzelkämpferin, die sich am vermeintlichen Hochzeitstag ihrer Tochter endlich zu ihren Gefühlen bekennt. Daneben meistert sie ihre Gesangspartien, darunter einige der berühmtesten ABBA - Songs wie das Titellied und „Der Sieger hat die Wahl“ („The winner takes it all“), mit einem außerordentlichen Maß an Stimmgewalt. Ganz und gar bezaubernd zeigt sich Katja Berg als ihre Tochter Sophie. Ihre unverbrauchte und sympathische Bühnenpräsenz macht sie zur Entdeckung des Abends. An der Seite solch starker Frauen bleibt für die männliche Konkurrenz nicht allzu viel Raum, denn wie einst bei ABBA, deren Songs fast allesamt aus Sicht der weiblichen Psychologie erzählt wurden, spielen auch bei ‚Mamma Mia!’ die Männer nur die zweite Geige. Dies drückt sich leider auch in der Besetzung aus, denn Jörg Neubauer als Sky sowie Frank Logemann (Sam), Cusch Jung (Harry) und Ulrich Wiggers (Bill) können darstellerisch und vor allem gesanglich nicht mit der übermächtigen Damenriege mithalten. Für Szenenapplaus sorgen hingegen wieder Kerstin Marie Mäkelburg in der Rolle der mannstollen Tanja und Jasna Ivir als keimfreie Rosie, die das furiose Gesangstrio komplettieren.


Foto: Brinckhoff, (c): Stage Holding

Eines der herausragendsten Merkmale der Hamburger Aufführung von ‚Mamma Mia!’ liegt darin, dass bei dieser Show tatsächlich der Funke zum Publikum überspringt. Die Zuschauer juchzen vor Vergnügen, wenn ‚Donna and the Dynamos’, bei der es sich um die ungewöhnlichste Girlgroup handelt, die man sich nur vorstellen kann, Songs wie „Dancing Queen“ oder „Chiquitita“ anstimmen. In diesen Momenten vermitteln die Darstellerinnen den Eindruck, als ob sie genauso viel Spaß an dem Auftritt hätten, wenn sie ihn auf einer privaten Geburtstagsparty zum Besten geben würden. In dieser Leichtigkeit, die die Grenzen zwischen Show und Wirklichkeit verschwinden lässt, besteht seit jeher die größte Schwierigkeit des Unterhaltungstheaters. ‚Mamma Mia!’ löst diese Aufgabe mit Bravour. Dafür sorgt nicht zuletzt die originelle und wirklich sehr witzige Choreographie von Anthony van Laast, die ein engagiertes Ensemble perfekt umsetzt und sogar diverse Tauchutensilien einbezieht. Daneben gewährleistet eine energisch aufspielende neunköpfige Band unter der Leitung von Perrin Manzer Allen sowie ein phantastischer Sound im renovierten und technisch aufgerüsteten Auditorium das richtige Konzertfeeling. Neben einer gehörigen Portion Show ist ‚Mamma Mia!’ jedoch auch reich an berührenden Momenten. Die szenische Auflösung von „Durch Finger rinnt die Zeit“ („Slipping through my fingers“) ist wunderschön gelungen und vermag ein Publikum zu bewegen, das sich zu diesem Zeitpunkt schon längst im ‚Mamma Mia!’ - Rausch befindet.

Der produzierenden Stage Holding ist es gelungen, die Faszination der Erfolgsshow auf eine deutsche Bühne zu transportieren und hat somit trotz der im Vorfeld stark kritisierten deutschsprachigen Fassung wahrlich kein „Waterloo“ erleben müssen. Auch wenn Rollenbilder wie die von Rose (in Deutschland zur ‚Rosie’ mutiert) und Pepper nicht ganz die unverwechselbare Originalität der Produktion in London erreichen - wen interessierts? Das Produktionsniveau der Hamburger Aufführung ist hervorragend, der Ticketverkauf gestaltet sich prächtig und das Genre Musical macht wieder einmal mit positiven Schlagzeilen auf sich aufmerksam. ‚Mamma Mia!’ hat einen für deutsche Musicalverhältnisse in diesem Ausmaß nicht mehr für möglich gehaltenen Medienhype ausgelöst, von dem die ganze Branche profitieren kann. Insofern könnte sich das Musical mit den Hits von ABBA zu einem Glücksfall für den Musicalstandort Deutschland entwickeln, der in dieser Show endlich wieder über eine Produktion verfügt, die das Herzeigen lohnt. ‚Mamma Mia!’ im Hamburger Operettenhaus - perfekt gemachtes Unterhaltungstheater, von dem man noch lange hören wird.


Carolin Fortenbacher (Donna) und Benny Andersson / Foto: Malzkorn, (c): Stage Holding