The Beautiful Game in Dresden


von Markus Zeller (Januar 2003)



Torwandschießen im Foyer, das Einlasspersonal eingekleidet in den Trikots des lokalen Fußballclubs 1. FC Dynamo Dresden - für die Premierenveranstaltungen von ‚The Beautiful Game’ am 24. und 25. Januar 2003 hat sich die Staatsoperette Dresden einiges einfallen lassen. Für die in jüngster Vergangenheit von Schließungsabsichten arg gebeutelte Traditionsbühne eine glänzende Gelegenheit, sich medienwirksam in Szene zu setzen und den angereisten Premierenbesuchern anschaulich vor Augen zu führen, dass man auch in schwierigen Zeiten zu außergewöhnlichen Leistungen imstande ist. Immerhin konnte die deutsche und zugleich kontinentale Erstaufführung des neuesten Webber-Musicals präsentiert werden.


Foto: (c) Iris Schulz

Bereits zu Beginn des Stückes wird vielstimmig die Parole ausgegeben, dass Fußball „geiler als Sex“ ist. Mit ‚The Beautiful Game’ stellt sich ein Musical vor, das sowohl in London anlässlich seiner Welturaufführung im September 2000 als nun auch in Dresden als ultimatives Fußball-Musical angekündigt wurde. Vielleicht liegt darin einer der Gründe für den wirtschaftlichen Misserfolg der Show im West End, denn eines ist ‚The Beautiful Game’ mit Sicherheit nicht: ein Musical über Fußball. Wer mit dieser Erwartungshaltung das Theater betritt, muss zwangsläufig enttäuscht werden, denn dem Zuschauer erschließt sich eine bittere Polit-Story ohne Happy End - das macht das Werk spannend und für eine staatliche Bühne allemal interessant.

‚The Beautiful Game’ erzählt die Geschichte einer jungen Fußballmannschaft aus dem katholischen Teil von Belfast, die 1969 um den Gewinn der Meisterschaft spielt. Pater O’Donnell, der die Jugendlichen mit viel irischem Herzblut trainiert, ist vor allem damit beschäftigt, seine Jungs von der weiblichen Anhängerschaft fernzuhalten. Hoffnungsvollster Spieler der Truppe ist John, der von einem Profivertrag in der englischen Liga träumt. Außerdem träumt er von Mary, die sich allerdings weniger für Fußball, sondern für die Rechte der unter Diskriminierung leidenden katholischen Bevölkerung in Belfast interessiert. Doch wie auch Del, der einzige Protestant in den Reihen der Mannschaft, und Christine, finden Mary und John zueinander. Zugleich wird Belfast von ersten blutigen Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken heimgesucht. Der von den Zielen der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) faszinierte Thomas wirft Del, obwohl sich dieser selbst als einen Atheisten bezeichnet, aus dem Team. Die leidenschaftlich spielende Mannschaft gewinnt schließlich die Meisterschaft und hat bereits am nächsten Morgen in Ginger, der von feindlichen Protestanten nachts zu Tode geprügelt wird, ihr erstes Opfer der sogenannten „Troubles“ zu beklagen. Die Gewaltspirale nimmt ihren Lauf und zieht auch Unbeteiligte in ihren Sog. In der Hochzeitnacht von Mary und John meldet sich der inzwischen in den Untergrund abgetauchte Thomas bei John und bittet ihn um Hilfe bei der Flucht vor der britischen Armee. John will den Freundschaftsdienst nicht ablehnen und hilft Thomas ein letztes Mal aus der Bredouille. Nachdem sich Del und Christine aufgrund der ständigen Anfeindungen gegenüber ihrer konfessionsübergreifenden Beziehung zur Auswanderung in die USA entschlossen haben, scheint auch für John und seine schwangere Frau der Weg in ein friedliches Leben außerhalb des Irrenhauses Belfast frei zu sein: Talentspäher von der englischen Fußball-Liga sind auf John aufmerksam geworden und bieten ihm einen Profivertrag an, doch die Festnahme durch die Polizei wegen seiner angeblichen Kontakte zu IRA-Terroristen macht alle Träume zunichte. In den Gefängnismauern findet er in den eingesperrten IRA-Kämpfern eine neue Familie. Nach seiner Entlassung steht er erneut Thomas gegenüber, der nicht nur John an die Polizei verraten hat. John erschießt Thomas. Er verlässt Belfast, um in London weitere Befehle seiner Einheit auszuführen. Zurück bleiben Mary und der gemeinsame Sohn Sean Kelly, von dem sich die alleingelassene Mutter erhofft, dass er das „herrliche Spiel“ besser spielt als seine glücklosen Eltern.


Foto: (c) Iris Schulz

Autor Ben Elton schuf keine faszinierende Fußball-Story, sondern ein packendes, schnörkelloses Werk über Hass, Intoleranz und Gewalt, das mit dem Vehikel Fußball aus der Sicht von Jugendlichen erzählt wird. Die sich aus dieser Konstellation ergebenden Kontraste nutzt Regisseurin Mei Hong Lin für eine spannende und intensive Erzählform. In der Abfolge von 18 Szenenbildern gibt es immer wieder schockierende Brüche, die stets ihre Wirkung erzielen und nie aufgesetzt wirken. Schüchterne Annäherungsversuche zwischen zwei verliebten Teenagern werden abgelöst von sinnloser Gewalt, an anderer Stelle folgt eine fröhliche Hochzeit der Beerdigung eines Freundes. Allerdings orientiert sich die szenische Auflösung dieser Bilder stark an der Originalinszenierung, so dass die Dresdner Fassung für Zuschauer, die das Werk bereits am Cambridge Theatre im Londoner West End gesehen haben, keine Überraschungen parat hält. Trotz fehlender neuer Regieeinfälle für das Werk muss der jungen Regisseurin bescheinigt werden, dass sie stets die Geschichte in den Griff bekommt und das notwendige Fingerspitzengefühl für die vielen aufwühlenden Szenen beweist. Etwas mehr an Originalität wäre jedoch ihren Choreografien zu wünschen gewesen, die sich hauptsächlich durch die ebenfalls aus London bekannten stilisierten Bewegungsabläufe eines Fußballspiels auszeichnen. Außerdem erweisen sich Tanznummern wie die Gefängnisszene aufgrund der ständigen Wiederholungen von Schrittabfolgen als zu durchschaubar. Mit der stimmungsvoll konzipierten Ouvertüre gelingt ihr zwar ein spektakulärer Auftakt, die offensichtliche ‚Riverdance’ - Anleihe ist jedoch zu plump geraten.


Foto: (c) Iris Schulz

Für das Erscheinungsbild der Produktion wurden die vorhandenen Ressourcen des Hauses optimal genutzt - nie zuviel und nie zuwenig. Die kontrastreiche Vorlage dient als Inspirationsquelle für das Bühnenbild von Thomas Gruber, denn sogar während der Hochzeitsnacht ist der bedrohliche IRA-Schriftzug präsent. Die Kostüme von Diana Pähler präsentieren sich als Retro-Show der 60er Jahre (für den Fall, dass tatsächlich mal ein eingefleischter Fußballfan in Erwartung eines Stückes über seine Lieblingssportart den Weg ins Theater findet, sei ein kleiner Hinweis gestattet: Spieler mit der Rückennummer 1 schießen keine Tore!), während die Lichtgestaltung von Uwe Schmidt die Bühne mit zunehmenden Verlauf des Stückes in ein hoffnungsloses Dunkel taucht. Auch in musikalischer Hinsicht kann ‚The Beautiful Game’ punkten. Die abwechslungsreiche Partitur von Andrew Lloyd Webber wird unter der musikalischen Leitung von Frank Flade überzeugend dargeboten. Daneben sind Chor und Ballett der Staatsoperette weitere Garanten dafür, dass sich ‚The Beautiful Game’ in Dresden vor so mancher Großproduktion nicht zu verstecken braucht.


Foto: (c) Iris Schulz

Schöngeister und Wortkünstler werden die ruppigen Songtexte als unbefriedigend empfinden, jedoch folgt Übersetzerin Anja Hauptmann damit dem kompromisslosen Original. Den unterschiedlichen Reaktionen des jeweiligen Premierenpublikums ist zu entnehmen, dass die deutschen Texte einen außergewöhnlich hohen Gestaltungsspielraum durch das in den Hauptrollen jeweils doppelt besetzte Ensemble zulassen. Die ersten naiven Gehversuche im gemeinsamen Ehebett anlässlich der Hochzeitnacht („Zum Ersten Mal“) von Mary und John gestalten sich in der Interpretation von Martina Haeger und Gerald Michel als köstliche Situationskomödie, während Christina Elbe und Marcus Günzel das Erlebnis eines romantischen Ereignisses vermitteln. Mit „Lieben trotzdem“ („Our kind of love“) gehört Judith C. Jacob der Hit des Abends. Doch nicht nur deswegen kann die erfahrene Musicaldarstellerin den nachhaltigsten Eindruck der Darstellerriege hinterlassen, die von ihr souverän angeführt wird. Stimmlich ohne Tadel und mit viel Gespür für die Rolle der unkonventionellen Christine beeindruckt sie in einer der Schlüsselrollen des Stückes. Ihre Wandlung von einer unbekümmerten Jugendlichen zu einer starken Frau, die notwendige Konsequenzen zieht und im Ausland fernab der Eskalation um ihr privates Glück kämpfen will, vermittelt anschaulich die fatalen Auswirkungen des Nordirland-Konflikts auf die jungen Menschen dieser Region. Jens Winkelmann sowie Christian Theodoridis spielen den kampfbereiten und sich später in theoretischen Revolutionsmodellen verlierenden Thomas. In der Rolle des fußballverrückten Pater O’Donnell sind Hilmar Meier und Wolfgang Amberger zu sehen. Romy Hildebrandt und Mandy Garbrecht als schüchterne Bernadette sowie Maltus Schettler und Christoph Dyck in der Rolle des gutmütigen Ginger können ebenso überzeugen wie Tomasz Dziecielski und René Richter als Langfinger Daniel, dem das Schicksal eines Krüppels beschieden ist. Gerd Wiemer und Michael Seeboth als Christines Freund Del komplettieren das Ensemble, das zwar nicht in allen Fällen typgerecht besetzt ist, allerdings jederzeit ‚auf Ballhöhe’ agiert.


Foto: (c) Iris Schulz

Mit ‚The Beautiful Game’ hat sich die Staatsoperette Dresden nach der erfolgreichen Aufführung von ‚Aspects of Love’ bereits zum zweiten Mal die deutschsprachigen Erstaufführungsrechte für ein Musical von Andrew Lloyd Webber sichern können. Was sich auf den ersten Blick als die Garantie auf einen weiteren Erfolg darstellt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als eine ganz und gar mutige Entscheidung, denn das Sujet des nicht durchkomponierten Werkes ist diesmal ungemein roher und bedient nicht ohne weiteres die Bedürfnisse eines Operettenpublikums, das mit den auf der Bühne dargestellten Exekutionen und Straßenkämpfen seine Schwierigkeiten haben dürfte. In dem politischen Hintergrundthema liegt jedoch auch der Reiz des Stückes, das vor der Realität nicht Halt macht und eine gehörige Portion Ernsthaftigkeit in die Heile-Welt-Sparte ‚unterhaltendes Musiktheater’ trägt. Die Staatsoperette Dresden hat mit dieser Produktion eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass sie für die Zukunft gewappnet ist. ‚The Beautiful Game’ in Dresden: Musical mal anders!