Jekyll & Hyde in Köln


von Markus Zeller (März 2003)



Nach Ethan Freeman in Bremen und Thomas Borchert in Wien gesellte sich am 16. März 2003 ein weiterer Musicalstar in die Riege der deutschsprachigen Jekyll & Hyde - Darsteller: Anlässlich der Premiere des Musical-Thrillers nach der Romanvorlage von Robert Louis Stevenson im Kölner Musical Dome feierten rund 1.700 geladene Premierengäste den Norweger Yngve Gasoy-Romdal für die beeindruckende Interpretation einer der anspruchsvollsten männlichen Hauptrollen, die das Musicalbusiness derzeit zu bieten hat. Die Produktion von ‚Jekyll & Hyde’ an diesem Standort und zu diesem Zeitpunkt stellt im Übrigen ein Novum in der hiesigen Musicallandschaft dar, da sich durch die zeitgleiche Aufführung im Theater an der Wien eine ungewöhnliche Doppel-Präsenz ein- und desselben Stückes im deutschsprachigen Raum ergibt. Komponist Frank Wildhorn wird’s freuen, ist er doch mit seinen neuen Werken in letzter Zeit nicht gerade vom Erfolg verwöhnt worden. Ein Abstecher ins alte Europa, wo man seine Werke noch gebührend zu würdigen weiß, tut da gut: Sichtlich erfreut über die ihm entgegengebrachten Ovationen ließ er sich im Anschluss an die Premierenshow vom begeisterten Publikum feiern.


Foto: (c) Brinkhoff/Mögenburg

Die Kölner Fassung von ‚Jekyll & Hyde’ basiert ebenso wie die Wiener Inszenierung auf der deutschsprachigen Originalversion des Musicaltheaters Bremen. Angesichts eines hinlänglich bekannten Stückes lag somit die Last, der Aufführung die nötige Spannung zu geben, auf den Schultern des Hauptdarstellers. Mit Yngve Gasoy-Romdal wurde für diesen Zweck ein idealer Darsteller gefunden, der stimmgewaltig als Dr. Henry Jekyll und furchteinflößend als Mr. Edward Hyde immer wieder das Publikum in seinen Bann zu ziehen vermag. Dabei scheint es ihm gelegentlich eine große Freude zu bereiten, die Unterschiede zwischen den beiden Seelen von Jekyll & Hyde nicht so plakativ herauszuarbeiten, wie es die hemmungslos polarisierende Vorlage eigentlich verlangt. Seinem Jekyll wohnt bereits Hyde inne und sein Hyde zeigt sogar ansatzweise nachvollziehbare menschliche Züge von Jekyll. Die gemeinsame Schnittmenge im Beziehungsgeflecht der beiden Persönlichkeiten bildet der Wahnsinn, dem Jekyll gegen seinen Willen immer mehr verfällt und Hyde an sich lustvoll akzeptiert. Natürlich birgt solch eine Interpretation auch die Gefahr des Vorwurfs, Gut und Böse nicht entsprechend dargestellt zu haben. Allerdings schafft er hierdurch neue Freiräume, die besonders im zweiten Akt mit zunehmenden Handlungsverlauf in der Interaktion mit den anderen Figuren neue Spannungsmomente erzeugen: Man kann sich nie sicher sein, ob nicht gleich wieder Hyde die Herrschaft über Jekyll übernimmt oder ob Jekyll Gnade walten lässt, obwohl gerade Hyde agiert. Letztlich bleibt das Gefallen dieses Ansatzes dem Geschmack jedes Einzelnen überlassen, für den ‚Pool’ mit möglichen Interpretationen stellt es jedoch zweifelsohne eine Bereicherung dar. Obwohl sich sein Spiel manchmal eine Spur zu gestenreich präsentiert und er sich innerhalb der letzten Jahre hinsichtlich seines deutlich hörbaren Akzents leider nicht weiterentwickelt hat, kann sich der ‚Mozart’ - Darsteller aus Wien und Hamburg mit einer ansonsten glänzenden Leistung endgültig in der ersten Reihe der männlichen Musical-Hauptdarsteller etablieren. Songs wie „Dies ist die Stunde“ oder „Welch Gefühl, so lebendig zu sein“ sind bei ihm bestens aufgehoben und sorgen für Szenenapplaus. Auch der Schlüsselsong der „Konfrontation“ wird von ihm problemlos gemeistert, wenngleich ihm die Tontechnik durch das massive Unterlegen eines Halleffektes in der Rolle des Hyde hierdurch einen Bärendienst erweist, da seine eigentliche Singstimme auf der Strecke bleibt.


Foto: (c) Brinkhoff/Mögenburg

Anna Montanaro als Prostituierte Lucy Harris steht ihm in nichts nach, obwohl sie die weitaus undankbarere Rolle inne hat. Diese wurde seinerzeit vom Komponisten für Gattin Linda Eder konzipiert, deren Qualitäten als Sängerin zwar unbestritten, jedoch wahrlich nicht im schauspielerischen Bereich angesiedelt sind. Die Lucy in ‚Jekyll & Hyde’ darf weder eine persönliche Entwicklung erfahren noch darf sie sich gegen drohendes Ungemach wehren - Lucy hat lediglich attraktiv zu sein und muss außerordentlich gut singen können. Beides erfüllt die Montanaro mit Bravour - doch zufrieden gibt sie sich damit nicht. Das Energiebündel ist ein Garant für starke Frauenrollen - auch in dem Stück, dessen literarische Vorlage so stiefmütterlich damit umgeht. Mit vollem Einsatz und viel Leidenschaft stürzt sie sich in ihre Rolle und strotzt auch noch der unverbindlichsten Textzeile eine gehörige Portion Ausdruck ab - einfach toll! Im Gegensatz zu den Interpretationen ihrer Vorgängerinnen gibt sie eine sehr selbstbewusste Lucy, die sehr wohl die Welt (oder genauer die Männer) kennt und genau weiß, was sie will und wie sie es bekommen kann. Ihre Lucy packt eine Gelegenheit energisch beim Schopf , sofern sie sich ihr bietet und fügt sich nicht einfach in die Rolle des Opfers. Der Mord an Lucy bezieht in dieser Variante seine Dramatik nicht nur aus dem erweckten Mitleid für das arme ‚leichte Mädchen’, sondern aus der persönlichen Tragödie einer jungen Frau, die um ihren großen Traum, der zum Greifen nah die Flucht vor Würdelosigkeit und Demütigung verspricht, betrogen wird. Auch gesanglich und tänzerisch weiß die Montanaro in dieser Produktion wieder einmal zu begeistern: Ihre Solonummern „Schafft die Männer ran“ oder „Ein neues Leben“ gehören zu den Höhepunkten der Show.


Foto: (c) Brinkhoff/Mögenburg

Bereits aus der Bremer Originalproduktion ist Nicole Seeger bekannt, die stimmlich einwandfrei Jekylls Verlobte Lisa gibt. Thorsten Tinney als Lisas Vater Sir Danvers Carew sowie Hans Holzbecher als Jekylls Freund Utterson können ebenso überzeugen wie die stimmgewaltige Brigitte Oelke als Nellie, die ebenfalls bereits in Bremen in dieser Rolle zu sehen war. Mit „Mädchen der Nacht“ gehört ihr im Duett mit Anna Montanaro einer der schönsten Songs des Musicals. In der Rolle von Lisas ehemaligem Verlobten Simon Stride schlägt Frank Rainer Röbling in seiner Darstellung weit über die Strenge: Seine spärlichen Auftritte nutzt er für ein überzogenes Spiel, das es in Zukunft noch einzufangen gilt. Alex Friese als Spider dürfte ruhig ein wenig verschlagener sein, während Tom Zahner in einer ungewohnt kleinen Rolle zu sehen ist: Als Jekylls Diener Poole sind ihm jedoch die wenigen Lacher der Show sicher. Viel Musicalerfahrung bringen Gudrun Schade und Heiner Dresen in den Rollen der Lady Beaconsfield und des Sir Archibald Proops mit. Mathias Schiemann gibt den schleimig-verlogenen Bischof von Basingstoke, Dirk Witthuhn ist als General Lord Glossop zu sehen.


Foto: (c) Brinkhoff/Mögenburg

Regisseur Dietrich Hilsdorf hat sich für die Kölner Inszenierung weitgehend an den beiden Vorgängerproduktionen orientiert, von denen sie nur in kleinsten Unterschieden abweicht. Dabei trägt er geschickt der außergewöhnlich breiten Bühne des Musical Dome Rechnung, die er vollends bespielen lässt. Außerdem ist ihm erneut das Kunststück gelungen, Darsteller und Handlung nicht in der Vielzahl der Spezialeffekte untergehen zu lassen, so dass sich sein ursprünglicher Ansatz für die Inszenierung der Parabel über Gut und Böse auch aus heutiger Sicht noch als der richtige erweist. Nach wie vor gewährleistet der erfahrene Opernregisseur, dass ‚Jekyll & Hyde’ mehr ist als bloßes Spektakel. Wo allerdings nichts rauszuholen ist, muss auch er scheitern. Als Manko des Stückes erweist sich auch in dieser Fassung, dass Autor und Liedtexter Leslie Bricusse nicht für die Bühne, sondern fürs Studio schreibt. Viele Songs thematisieren zwar einen speziellen Aspekt zum zugrunde liegenden Stoff und bringen diesen auch inhaltlich auf den Punkt, jedoch sind sie aufgrund mangelnder Dramatisierung nicht oder nur wenig für eine theatralische Szene geeignet. Daran krankt besonders die Nummer „Gefährliches Spiel“, die noch bis zum heutigen Tag eine überzeugende und schlüssige Umsetzung für die Bühne schuldig geblieben ist. Was während dieser Szene eigentlich zwischen Lucy und Hyde passiert, welche Konsequenzen das hat und wie das darüber hinaus auch noch dargestellt werden kann, bleibt nach wie vor ein Geheimnis, das darin begründet sein dürfte, dass man für die Bühnenfassung partout an diesem Song festhalten möchte. Dem Gespann Montanaro / Gasoy-Romdal muss jedoch bescheinigt werden, dass es in Köln die bisher lebhafteste Version der erotischen Gratwanderung zwischen Anziehung und abstoßender Gewalt präsentiert.


Foto: (c) Brinkhoff/Mögenburg

‚Jekyll & Hyde’ in Köln kann also vor allem durch seine Stars glänzen. Aus produktionstechnischer Sicht kann man das leider nicht behaupten: Da wackelt in bedenklichem Ausmaß Lucys Zimmer beim Hereinfahren, durch den technisch aufwändigen Mord im Bahnhof zu Beginn des zweiten Aktes mogelt man sich irgendwie durch und die Akustik der Show ist schlichtweg zum Abgewöhnen - an dieser Stelle hält die Kölner Produktion einen Vergleich mit den beiden hochwertigen Vorgängern nicht stand. Vielleicht ein Hinweis auf mangelnde Sorgfalt, vielleicht ein Zeichen fehlender Investitionsbereitschaft des Produzentengespanns Thomas Krauth und Michael Brenner - auf jeden Fall ein merklicher Wermutstropfen hinsichtlich der Bewertung einer Produktion, die in ihrer Außendarstellung so gerne mit dem Pfund der technischen Perfektion wuchert. Einfach nur ärgerlich auch das asynchrone Licht während der Schlüsselszene der „Konfrontation“, das den jeweiligen Rollenwechseln ständig hinterherhinkt - von einem perfekten Ablauf war die Show zumindest am Premierenabend noch weit entfernt. Sorry, aber das war alles schon viel besser zu sehen - und zu hören. Das Orchester unter der musikalischen Leitung von Wildhorn-Kenner Koen Schoots ist leider viel zu laut abgemischt, so dass es immer wieder zu Überlagerungen des Ensembles kommt. Neu am Kölner Tondesign von Cedric Beatty sind diabolische Schreie, die den in der Londoner Unterwelt angesiedelten Szenen hinzugefügt wurden. Nach wie vor beeindruckend, trotz der erwähnten Einschränkungen, bleibt das Bühnenbild von Johannes Leiacker, mit dem er bereits in Bremen Maßstäbe für den Musicalbereich setzen konnte. Auch in Köln entfacht die beträchtliche Bühnentiefe des Labortrichters die erhofften Begeisterungsstürme durch das Publikum. Weiterhin gelungen auch das bewährte Zusammenspiel des modernen Bühnendesigns mit den historischen Kostümen im viktorianischen Stil von Renate Schmitzer. Lichtdesigner Hans Toelstede taucht die Bühne in berauschende Farben, während die Choreographie von Bernd Schindowski auch in Köln nicht wirklich auffällt.


Foto: (c) Brinkhoff/Mögenburg

Getreu dem Motto der hin- und hergerissenen Hauptfigur hinterlässt ‚Jekyll & Hyde’ auch in der Kölner Fassung gemischte Gefühle. Nicht ohne Grund blieb auch dem Broadway-Original der ganz große Erfolg versagt, für den das Werk eigentlich über das notwendige Potenzial verfügt. Vieles an ‚Jekyll & Hyde’ vermag das Herz des erwachsenen Musicalbegeisterten im Sturm zu erobern, stelzige Dialogtexte, die Durchschaubarkeit einiger Songs sowie fast unerträglich klischeehafte Frauenrollen lassen dem Verstand jedoch die Gefolgschaft versagen. Sowohl die beiden ‚Jekyll & Hyde’ - Macher als auch der Regisseur der deutschsprachigen Fassung zeigten anlässlich dieser Aufführung leider keinerlei Ambitionen, die Schwachstellen des Musicals auszumerzen. Insofern haftet dieser Produktion der unübersehbare Makel an, lediglich als weitere Verwertungsmöglichkeit eines bereits abgespielten Stückes zu dienen, denn an einer künstlerischen Weiterentwicklung scheint derzeit kein Interesse zu bestehen. Für ‚Jekyll & Hyde’ - Neueinsteiger bietet die Aufführung jedoch die Gelegenheit, ein spannungsgeladenes Musical, das in der deutschsprachigen Fassung wohl seine weltweit spektakulärste Umsetzung erfahren haben dürfte, mit einer melodienreichen Partitur zu entdecken. Für alle anderen bieten Anna Montanaro und Yngve Gasoy-Romdal spannende und zugleich begeisternde Neuinterpretationen der beiden Hauptrollen. ‚Jekyll & Hyde’ in Köln - großes Star-Musical auf teils wackligen Brettern!


Yngve Gasoy-Romdal als Mr. Hyde / Foto: (c) Brinkhoff/Mögenburg