‚Poe’ - Ein Musical stellt sich vor


von Markus Zeller (November 2003)




Foto: Phil Dent, (c): Woolfsongs Ltd

Solche Momente sind selten, in denen sich die Eindrücke des bisher Gesehenen und Gehörten zu dem Gefühl verdichten, soeben Zeuge von etwas Besonderem geworden zu sein. Nach der erfolgreichen Weltpremiere des Musicals ‚Poe’ am 08. November 2003 nehmen auf der kleinen Bühne im Studio Eins der weltberühmten Londoner Abbey Road Studios Steve Balsamo und das ‚Poe’-Ensemble den begeisterten Applaus des Publikums entgegen, während sich der Vater des Erfolges noch hinter den Stuhlreihen aufhält und von dort sichtlich erleichtert das Geschehen aus dem Hintergrund verfolgt. Erst nach Aufforderung durch den umjubelten Hauptdarsteller eilt Eric Woolfson zu den Seinen hoch und bedankt sich bescheiden und so kurz wie möglich beim Publikum. Große Auftritte im Rampenlicht waren und sind seine Sache nicht. Das war schon früher so beim „Alan Parsons Project“, dessen letzter Namensbestandteil Programm war. Nicht die Zurschaustellung der eigenen Person, sondern die zielgerichtete Umsetzung seiner musikalischen Konzepte mit den hierfür passenden Musikern und Interpreten stand dabei stets im Vordergrund. In Zusammenarbeit mit dem Produzenten und Toningenieur Alan Parsons schrieb er in den Jahren 1975 bis 1987 ein Nr. 1 - Album nach dem anderen, verkaufte insgesamt über 45 Millionen Tonträger und schrieb mit ‚Tales of Mystery and Imagination’ Musikgeschichte.

Dort befindet sich auch der Ursprung des Musicals ‚Poe’, denn schon einmal widmete er seine Arbeit dem amerikanischen Schriftsteller Edgar Allan Poe, dem er seinerzeit mit einer bahnbrechenden Vertonung seiner Gedichte und Schauergeschichten ein musikalisches Denkmal setzte. Nach der Trennung von „Project“-Partner Alan Parsons schlug Woolfson eine Karriere als Musicalkomponist ein und veröffentlichte die Werke ‚Freudiana’, ‚Gaudi’ und ‚Gambler’. Die Arbeit an einem neuen Musical - diesmal über Edgar Allan Poe - inspirierte ihn schließlich dazu, das legendäre Kultalbum fortzusetzen. ‚Poe - More Tales of Mystery and Imagination’ wurde im Herbst 2003 veröffentlicht. Das aufwändig produzierte Studioalbum, bei der es sich um die Grundlage für das Musical ‚Poe’ handelt, präsentiert eine gelungene Mischung aus Rock, Klassik und Musical und thematisiert im Gegensatz zu seinem Vorgänger nicht nur das Werk Poe’s, sondern auch dessen ungewöhnlichen Lebenslauf. Nun präsentierte Woolfson der Öffentlichkeit erstmals sein neues Musical, das neben der bereits veröffentlichten Musik weiteres Songmaterial enthält.


Foto: Phil Dent, (c): Woolfsongs Ltd

Nach Sigmund Freud und Antoni Gaudí sowie den Spielerwelten von Dostojewski und Puschkin nun endlich Edgar Allan Poe - Woolfson kehrt mit seinem vierten Musical zu dem Künstler zurück, mit dem seine eigene Karriere begann. Zu Beginn des Stückes sehen wir den jungen talentierten Schriftsteller Edgar Allan Poe, der mit phantastischen Geschichten und einem Gespür für die Sensationsgier der Leserschaft ein kleines Blatt zum Erfolg führt. Reverend Rufus Griswold, ebenfalls Autor und Kritiker, beneidet ihn um diesen Erfolg und hasst ihn dafür, zumal Poe eine bissige Kritik über eines seiner Bücher veröffentlicht. Trotz des einsetzenden Erfolges im Beruf läuft nicht alles glatt in Poe’s Künstlerleben. Traumatisiert von dem frühen Tod seiner Mutter ist er anfällig für Ausflüchte in Opium und Alkohol. Auch sein Liebesleben nimmt bizarre Züge an. Elmira ist die große und zugleich unerfüllte Liebe seines Lebens. Poe heiratet aus einem großen fürsorglichen Gefühl heraus seine junge Cousine Virginia, die von der gleichen tödlichen Krankheit befallen ist wie seine Mutter. Das Gedicht „The Raven“ verhilft ihm schließlich zum künstlerischen Durchbruch, womit er sich dem kommerziell erfolgreicheren Griswold endgültig zum Feind macht. Nach dem tragischen Tod von Ehefrau Virginia beginnt für Poe ein Martyrium aus Trauer, Angst und wirtschaftlicher Abhängigkeit, das ihn schließlich in die Arme von Griswold treibt. Dieser versucht, über Poe’s Werk und Leben die Herrschaft zu erlangen, indem er ihm seine Dienste als Verleger anbietet. Griswold’s Pläne scheinen durchkreuzt, als Poe’s Liebe zu Elmira wieder aufblüht und er daraus neue Kraft schöpft. Ein Zwischenfall in einem Wahllokal mit einer Schlägertruppe der damals allmächtigen Eisenbahn-Industrie wegen seines vorhergehenden Aufbegehrens macht jedoch alle Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft zunichte - Poe’s geschwächter Körper erliegt den Verletzungen. Doch trotz der Bemühungen Griswold’s, mit einem primitiven Nachruf das Andenken an Poe zu beschmutzen und sein literarisches Werk der Lächerlichkeit Preis zu geben, ist die Leidenschaft der Welt für seine Geschichten und Gedichte unsterblich ...


Foto: Phil Dent, (c): Woolfsongs Ltd

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern bleibt ‚Poe’ ganz dicht an der zugrundeliegenden Künstlerpersönlichkeit. Während diese in ‚Freudiana’ gar nicht und in ‚Gaudi’ lediglich als Kunstfigur auftrat, handelt es sich bei ‚Poe’ um ein waschechtes Biographie-Musical, das die Lebensstationen von Edgar Allan Poe zeigt und Zusammenhänge zwischen Lebenslauf und dem literarischen Werk herstellt. Mit diesem Kunstgriff verhindert Woolfson, dass der Hauptrolle seines neuen Musicals der gleiche Makel anhaftet wie den Protagonisten früherer Werke. Erik aus ‚Freudiana’ und Don Parker aus ‚Gaudi’ blieben dem Zuschauer letztlich fremd, weil sie lediglich die Funktion hatten, als roter Faden für die Geschichte eines anderen zu dienen. So musste sich Erik mit den Freud’schen Erkenntnissen der Psychoanalyse herumschlagen und Don Parker wurde mit den gleichen Entscheidungen konfrontiert wie sein berühmtes Vorbild Gaudí. Diese Konstruktionen hievten die Werke auf eine Abstraktionsebene, die sich hinsichtlich der für ein Bühnenstück so wichtigen emotionalen Anbindung des Publikums als wenig geeignet erwies. In ‚Poe’ ist Edgar Allan Poe selbst der Protagonist - wir lernen den Menschen kennen, können uns mit ihm freuen und müssen mit ihm leiden. In dieser Hinsicht ist es auch konsequent, dass das Musical für die Bühne keine reißerische und nach Effekten heischende Umsetzung im Stil der erfolgreichen Hammer-Films-Produktionen erfahren hat.

Besonders deutlich wird dies anhand des Songs „The Pit and the Pendulum“, der eindringlich eine Foltermethode der spanischen Inquisition schildert, bei der sich das todesbringende Pendel in quälend langsamen Schritten seinem Opfer nähert. Regisseur Phil Willmott bietet jedoch keine Eins zu Eins - Umsetzung, die mit einem bühnenfüllenden Pendel mit Sicherheit ihre Wirkung entfaltet hätte, sondern zeigt die Befindlichkeit des leidgeprüften Autoren und den hieraus resultierenden Entstehungsprozess des spektakulären Werkes. Ebenso gelungen präsentiert sich die szenische Auflösung von „The Raven“. In einer sehr schönen Inszenierungsidee lässt er Poe’s berühmtestes Gedicht von dessen Widersacher Griswold rezitieren. Die überraschende Wendung im Verlauf dieses Vortrages, den Griswold erst spöttelnd beginnt, dann aber zusehends von den Worten des verhassten Autorenkollegen eingenommen wird, gehört zu den beeindruckendsten Momenten der Show. Diese Szene nimmt bereits Griswold’s Schicksal voraus, da er letztlich vor der Kraft des Poe’schen Werkes kapitulieren muss. Außerdem gelingt der Inszenierung an dieser Stelle das Kunststück, ein adäquates Ausdrucksmittel für die Dichtkunst von Poe zu finden. In Verbindung mit dem Herzschlagartig aufspielenden Bass, der den Wiedererkennungseffekt zur berühmten Studiofassung des gleichnamigen Songs herstellt, ist das allerfeinstes Musiktheater, mit dem eine weitaus größere Wirkung erzielt wird, als das diverse „Nevermore“-Krächzer mit doppeltem Hall-Effekt je hätten erreichen können.


Foto: Phil Dent, (c): Woolfsongs Ltd

Über welch hohes Potenzial die Musik des Albums ‚Poe - More Tales of Mystery and Imagination’ für eine theatralische Umsetzung verfügt, macht der Song „Tiny Star“ deutlich, mit dem sich Poe seiner Mutter erinnert. In der Bühnenfassung findet sich das Wiegenlied als ständig wiederkehrendes Leitmotiv wieder, das je nach Situation von verschiedenen Rollen interpretiert werden kann und zudem die Möglichkeit eröffnet, die verstorbene Mutter, deren früher Tod sich als prägend für sein Leben erwiesen hat, als Figur auf die Bühne zu holen. Insgesamt haben sämtliche Songs des Albums eine wirkungsvolle Adaption für die Bühne erfahren. Äußerst geschickt wird auch „Immortal“, die Hymne des Albums, in die Bühnenfassung integriert. Der Song, mit dem die künstlerische Unsterblichkeit von Poe zum Ausdruck gebracht werden soll, erhält seine dramaturgische Rechtfertigung dadurch, indem die letzte Szene unmittelbar Bezug nimmt auf eine Situation im ersten Akt, in der geschildert wird, wie eine seiner Schauergeschichten die Angst unter den Menschen verbreitete, lebendig begraben zu werden und deswegen den Verstorbenen Sargglocken beigegeben wurden. Am Schluss des Musicals steht Elmira an seinem Grab und hört eine dieser Sargglocken, woraufhin Poe nochmals als „Astral-Gestalt“ auf der Bühne erscheint - mit einem Raben auf dem Arm. Ein großartiges Schlussbild, wie es wirkungsvoller nicht sein könnte.

Wie schon auf dem zugrundeliegenden Studioalbum wird Edgar Allan Poe von Musicalstar Steve Balsamo verkörpert, dem diese Aufgabe - gelinde gesagt - einfach hinreißend gelingt. Dabei kann der Jesus-Darsteller aus der letzten West End - Produktion von ‚Jesus Christ Superstar’ nicht nur beweisen, dass er ein exzellenter Sänger, sondern auch ein ebenso glänzender Darsteller ist. Mit unglaublich hoher Präzision und leidenschaftlicher Spielfreude schafft er ein facettenreiches und intensives Rollenporträt des unglücklichen Autoren, das die Zuschauer stets gefangen nimmt. Beispielhaft sei hier als Höhepunkt die Szene „Somewhere in the Audience“ erwähnt, in der er unter Tränen den Verlust Virginias beklagt. Es bleibt zu hoffen, dass Balsamo auch für zukünftige Produktionen von ‚Poe’ gewonnen werden kann. Gleiches gilt für Juliette Caton (die Original-Bertrande aus der Londoner ‚Martin Guerre’ - Inszenierung) in der Rolle der Virginia sowie David Burt als Poe’s Widersacher Griswold, die sich beide sowohl in gesanglicher als auch in darstellerischer Hinsicht als Idealbesetzung erweisen.


Foto: Phil Dent, (c): Woolfsongs Ltd

‚Poe’ lebt - wie das eigentlich immer der Fall ist bei Woolfson-Musicals - von der hohen Qualität der Musik, nicht so sehr von der dramaturgischen Raffinesse. Das Buch arbeitet in der derzeitigen Fassung brav die einzelnen Stationen der Poe’schen Biographie ab und kommt über die Rolle des Stichwortgebers für die jeweiligen Songs nicht hinaus. Das ist leider schnell durchschaubar und führt dazu, dass viele Szenen nur Momentaufnahmen sind, denen eine zwingende und sich herleitende Verbindung fehlt. Ansatzweise erinnert die Feindseligkeit Griswold’s gegenüber Poe an die Konkurrenzsituation von Mozart und Salieri aus Peter Shaffers Bühnenstück ‚Amadeus’, ohne allerdings dessen Qualität und Dichte zu erreichen. Wie gesagt, aus dramaturgischer Sicht handelt es sich bei ‚Poe’ nicht um einen Geniestreich, wohl aber um einen musikalischen, denn die Vielzahl wunderschöner Melodien, die Woolfson in ‚Poe’ verarbeitet hat, würde anderen Komponisten für mehrere Musicals ausreichen. Neben der bereits veröffentlichten Musik präsentiert Woolfson für die Bühnenfassung zusätzlich 6 neue Songs, die sich allesamt als erstklassiges Material erweisen. Besonders hervorzuheben sind die kraftvolle Nummer „What Fools People are“, mit dem Griswold seiner für Poe empfundenen Abscheu Ausdruck verleiht, sowie „Blinded by the Light“, eine schlichtweg zum Sterben schöne Ballade über die Romanze zwischen Elmira und Poe.


Foto: Phil Dent, (c): Woolfsongs Ltd

Die Weltpremiere von ‚Poe’ war ein voller Erfolg. Nun liegt es an den zahlreich erschienenen Musiktheater-Produzenten, sich dieses neuen Musicals anzunehmen und es weiterzuentwickeln. Den vielen Musicalfans hierzulande ist zu wünschen, dass es den Weg auf eine En-Suite-Bühne in Deutschland findet, denn musikalisch gibt es derzeit weit und breit nichts Besseres. Die Vorstellung war jedoch nicht nur die Geburtsstunde eines neuen Musicals, sondern gleichzeitig auch der persönliche Triumph seines Schöpfers, der sich für sein Werk 6 Jahre lang Zeit genommen hat. ‚Eric Woolfson is back!’ - mit ‚Poe’ will es der Erfolgskomponist noch mal wissen. Für sein neuestes Musicalprojekt schielte er nicht in Richtung weiterer Verwertungsmöglichkeiten bereits bestehenden Hitmaterials, sondern konzipierte und schrieb ein Stück von Grund auf neu. Und wenn am Schluss Steve Balsamo zu dem Song „Immortal“ mit einem lebenden Raben auf die Bühne zurückkehrt, und dieser mit seinem Flügelschlag im Scheinwerferlicht der Abbey Road Studios eine unvergleichliche Stimmung erzeugt - dem Ort, an dem Woolfson höchstpersönlich der Musikhistorie einige unvergängliche Meilensteine hinzufügte und zu dessen Ruhm er neben den ‚Beatles’ wie kein anderer beigetragen hat - dann wünscht man sich, dass es mehr von solchen Momenten zu erleben gäbe. ‚Poe’ - ein fesselndes und bewegendes Biographie-Musical über Dichtkunst, Liebe und Intrigen mit fantastischer Musik!


"Immortal" - Steve Balsamo als Edgar Allan Poe / Foto: Phil Dent, (c): Woolfsongs Ltd