‚Success! - Ein Päckchen nach Timbuktu’


von Markus Zeller (November 2003)



Ein außergewöhnliches Musical-Päckchen hat uns Heiko A. Neher da geschnürt. Nach der vielbeachteten Aufführung von ‚Caspar Hauser’ im Sommer 2002 präsentierte er am 03. November 2003 im Kölner Gloria Theater sein neuestes Musical, bei dem es sich um kein weiteres historisches Drama, sondern nach eigener Aussage um ein Stück über Starkult und Jugendwahn handelt. Mit ‚Success! - Ein Päckchen nach Timbuktu’ vollzieht er dabei einen waghalsigen Spagat zwischen völlig unterschiedlichen Genres.


Hübsch und naiv: Lilly

Zur Handlung: Köln in der Vorweihnachtszeit. Die schüchterne Lilly und die resolute Monique, die von einer großen Show-Karriere träumt, bewohnen zusammen eine kleine Wohnung. Abgesehen von den völlig unpraktischen, aber liebevoll gemeinten Geschenkpäckchen der etwas verschrobenen Tante Irene aus Timbuktu (gesprochen von Hella von Sinnen) mit einigen Absonderlichkeiten wie ungenießbare selbstgebackene Plätzchen oder Kakerlakengift wird die Idylle der harmonischen Frauen-WG nur ab und an von Nachbar Thorben gestört, der unsterblich in Lilly verliebt ist. Diese schwärmt jedoch nur für Popstar Chris di Pomodoro. Die Freude der beiden Freundinnen ist groß, als sich dieser für eines seiner „Chris-Mas-Spectacular“-Weihnachtskonzerte in der Stadt ankündigt. Nach einem Backstage-Besuch von Lilly und Monique bei dem umjubelten Showstar taucht dieser überraschend vor deren Wohnungstür auf, weil er nach einer rätselhaften Mordserie in seinem Umfeld einen unauffälligen Unterschlupf sucht. Lillys Glück scheint perfekt. Auch Monique verspricht sich von der ungewöhnlichen WG mit Chris di Pomodoro Vorteile für ihre eigene Karriere. Doch der glatte Showstar entpuppt sich als skrupelloser Schlächter, der selbst die Morde an seinen Kolleginnen begangen hat. Thorben erfährt von dessen Plänen, Lilly als nächste umzubringen, damit er seinen ‚Trunk der ewigen Jugend‘ um deren Eigenschaft der naiven Unschuld veredeln kann. Doch Thorben kämpft weiterhin um seine Lilly und rettet sie durch den mutigen Einsatz einer Fruchtbarkeitspuppe, womit er dem fehlgeleiteten Showstar das Leben aushaucht. Die Lösung des nun anstehenden Entsorgungsproblems liegt nahe: Ein Päckchen nach Timbuktu!


Macht doch noch seinen Stich: Thorben

Wie schon sein Vorgänger hinterlässt auch ‚Success! - Ein Päckchen nach Timbuktu’ einen zwiespältigen und unfertigen Eindruck. Das Musical hält sich inhaltlich an keinerlei Konventionen, um sie dann in der formalen Ausgestaltung wieder bedenkenlos zu bedienen. Heiko A. Neher mag einfach erfolgreiche Musicals - dies ist auch seinem neuesten Werk durchweg anzusehen. Vieles an dem Stück ruft sofort Assoziationen mit Songs und einzelnen Szenen aus berühmten Vorbildern wach. Offen bleibt jedoch die Frage, ob es sich bei diesen ‚Anlehnungen‘ um liebenswerte Zitate handelt oder schlichtweg um Plagiate. Buch und Regie beziehen hierzu nicht eindeutig Stellung. Wenn der ertappte Chris di Pomodoro dem flüchtenden Thorben „Niemand verlässt einen Star!“ hinterher ruft, handelt es sich um eine bewusste Anspielung auf ‚Sunset Boulevard’. Damit diese Szene die erwartete Wirkung eines Zitates entfalten kann, muss sie allerdings auch dementsprechend ‚groß‘ inszeniert werden und darf nicht einfach in den Dialogtexten untergehen. Anders verhält es sich mit den dramaturgischen Auflösungen der Schlüsselszenen, die durchaus ernst gemeint scheinen, jedoch allzu offensichtlich an anderen Musicals orientiert sind. Hinsichtlich des Doppellebens von Chris di Pomodoro ließ sich Neher am meisten von ‚Jekyll & Hyde’ inspirieren, während die Szene, in der sich Lilly und Thorben endlich kriegen, sehr stark an das ebenfalls unglaubwürdige Zusammenfinden von Pearl und Rusty in ‚Starlight Express’ erinnert. Dem jungen Musicalmacher ist allerdings auch ein großer Coup gelungen, denn den Sprung zu wagen von einer kleinen netten Geschichte über zwei ungleiche Freundinnen, die mit dem von ihnen angehimmelten Star unter einem Dach wohnen, zu einer Massenmörder-Story mit Frankenstein-Touch - das erfordert Mut. Dieser spektakuläre Stilbruch im Geiste eines Quentin Tarantino, der mit dem Drehbuch zu „From Dusk Till Dawn“ einen ähnlichen Husarenritt zwischen verschiedenen Genres erfolgreich unternahm, macht ‚Success! - Ein Päckchen nach Timbuktu’ zu einem besonderen Musical. Damit beweist Heiko A. Nehers neuestes Werk ein gehöriges Maß an Originalität, das dem Vorgängerstück noch fehlte.

Die herausragendste Stärke Nehers liegt jedoch nach wie vor darin, kraftvolle und vor allem passende Songs für seine Musicalstoffe zu schreiben. Auch ‚Success! - Ein Päckchen nach Timbuktu’ beinhaltet wieder einige starke Titel, die sich vor dem Liedmaterial manch großer Show nicht zu verstecken brauchen und über genügend Hitpotenzial verfügen. Bei „Wenn du jemand kennst, der jemanden kennt“ handelt es sich um eine eingängige und intelligent geschriebene Nummer über die Seilschaften im Showgeschäft. „Niemals kannst du mir entfliehen“ ist ein würdiger Showstopper für den Schluss des ersten Aktes und leitet geschickt die spektakuläre Wendung des Stückes ein. Unumstrittener Höhepunkt der Show ist der Song „Jenseits der Moral“, der in sich die Grundaussage des Stückes konzentriert und mit einer mitreißenden Melodie begeistern kann. Auf die bereits angekündigte CD-Einspielung mit den Highlights des Musicals darf man sich also freuen.


Der Schlächter von Köln

Heiko A. Neher war gut damit beraten, diesmal ein überschaubares 4-Personen-Musical zu schreiben, denn die Produktionskapazitäten stießen bei einem mächtigen Stoff wie ‚Caspar Hauser’ schnell an ihre Grenzen. Ein zusätzliches Problem war die notwendige Mehrfachbesetzung der Solistenrollen, die vom Publikum nie so recht akzeptiert wird. In ‚Success! - Ein Päckchen nach Timbuktu’ können sich Jessie Roggemann (Lilly Muff), Karin Germann (Monique), Martin Bacher (Chris di Pomodoro) und Christoph Trauth (Thorben) auf die jeweiligen Rollen konzentrieren und mit ihren Interpretationen stets überzeugen. Als Publikumsliebling erweist sich vor allem Christoph Trauth, der in der Rolle des verliebten Trottels die dankbarsten Auftritte hat. Wenig glücklich präsentiert sich dagegen die Regie von Christoph Bietz, der viele Gelegenheiten wie das Spannungsfeld zwischen den beiden grundverschiedenen Freundinnen ungenutzt lässt und mit dem Genre ‚Komödie’ seine Schwierigkeiten zu haben scheint. Nebensächliches wie Lillys Plüschslip, der viel zu groß für den viel zu kurzen Rock ist, setzt er dagegen mit einer schier enervierenden Begeisterung immer wieder groß in Szene - warum eigentlich, wird wohl sein Geheimnis bleiben.

Das neue Musical von Heiko A. Neher kann also musikalisch wieder einmal glänzen und verfügt mit der völlig unerwarteten Wendung über eine große eigenständige Idee. Was will man mehr? Dem jungen Komponisten ist zu raten, für zukünftige Produktionen eine Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Dramaturgen anzustreben oder seine Bücher zumindest einer Überarbeitung zu unterziehen, denn hier liegt der Schwachpunkt seiner ansonst wirklich gelungenen Musicals. Also: Eine pfiffigere Dramaturgie, ein Regisseur, der die Stücke wirkungsvoll umzusetzen vermag, dann klappt´s auch mit dem ganz großen Erfolg. Die Melodien sind vorhanden. ‚Success! - Ein Päckchen nach Timbuktu’ - statt „Arsen und Spitzenhäubchen“ ein Musical über „Kakerlakengift und Plüschhöschen“!



v.l.n.r.: Christoph Trauth (Thorben), Karin Germann (Monique), Jessie Roggemann (Lilly Muff), Martin Bacher (Chris di Pomodoro) / Foto: (c) Markus Zeller