‚Das Phantom der Oper’ in Essen

 

 

von Markus Zeller (Oktober 2005)

  

 


Foto: (c) Stage Holding

Weltweit mehr als 100 Millionen Zuschauer, sprichwörtliche Endloslaufzeiten im West End und am Broadway seit der Welturaufführung am 27. September 1986 im Londoner Majestic Theatre sowie mit 25 Millionen verkauften Tonträgern der Einspielung von der  Originalbesetzung das meistverkaufte Cast-Album aller Zeiten - in Umsatzzahlen gesprochen handelt es sich beim ‚Phantom der Oper’ zweifelsohne um das erfolgreichste Musical der Welt. In Deutschland war Andrew Lloyd Webbers Meisterwerk bereits in Hamburg und Stuttgart zu sehen - seit dem 29. September 2005 präsentiert sich die Produktion nun auch im Colosseum Theater in Essen.

 

Klingelnde Kassen sind das eine, künstlerische Qualität oft das andere - dieses Musical vereint nunmehr seit fast 20 Jahren beide wesentlichen Faktoren der unterhaltenden Bühnenkunst zu einer fast einzigartigen Erfolgsgeschichte. Nachdem sich deren Ende zuletzt fast abzuzeichnen schien, entfachte die opulente und vor allem werkgetreue Verfilmung von Joel Schumacher Ende vorigen Jahres (im Übrigen mit einem Einspielergebnis von weit mehr als 100 Millionen Dollar, um bei den Zahlen zu bleiben) eine neue Begeisterungswelle und schürte das Interesse an der Originalshow. Insofern handelt es sich um einen geschickten Schachzug der Stage Holding, das Stück mit diesem Rückenwind neu ins Rennen zu schicken. Flankiert mit der Marketingstrategie, in der Hauptrolle gleich 4 Darsteller während einer Spielzeit zu präsentieren, kann diese Produktion auf ein weitaus größeres Zuschauerinteresse hoffen als es die letzte in Stuttgart für sich gewinnen konnte. Neben dem bewährten Phantom-Darsteller Ian Jon Bourg werden sich mit Thomas Borchert, Ethan Freeman und Uwe Kröger 3 überaus populäre deutschsprachige Musicaldarsteller die Maske in die Hand geben und für spannende Abwechslung auf der Bühne des Colosseums sorgen. Vor allem die Auftritte von Uwe Kröger, der in der deutschen Synchronfassung der Verfilmung nicht ganz unumstritten das Phantom gab, werden das Interesse der Musicalszene auf sich ziehen.


Foto: Brinkhoff/Mögenburg, (c): Stage Holding

Als erster steigt jedoch „Premierenphantom“ Thomas Borchert in den Essener Phantom-Ring, der sich im Anschluss an seine erste Vorstellung über Standing Ovations freuen durfte - zu verdanken hat er dies seinem fulminanten Endspurt im zweiten Akt beginnend mit dem Titel „Von nun an gibt es kein zurück“. Während seine Darstellung im ersten Akt noch von einem anscheinend überdeutlichen Respekt gegenüber der anspruchsvollen Rolle geprägt ist, zersprengt er während der genannten Szene - deutlich spürbar bis in die Zuschauerreihen - sämtliche Rollenzwänge und singt und spielt sich auf eine dermaßen beeindruckende Weise frei, dass man bereits in diesem Moment begeistert klatschend aufstehen möchte - ein solch wutschnaubendes und über sein Schicksal zorniges Phantom gab es schon lange nicht mehr auf der Bühne zu sehen! Gleichwohl versteht er die sensiblen und die leisen verzweifelten Momente hervorzuheben - eine hervorragende Leistung des gebürtigen Esseners, die schon alleine für sich betrachtet den Weg lohnt. Von seinen Darstellerkollegen um ihn herum gibt es leider nicht soviel Positives zu berichten - diese ‚Phantom’ - Produktion scheint ganz auf die Besetzung der Hauptpartie zu setzen. Anne Görner als Christine Daaé gefällt zwar gesanglich, bleibt aber insgesamt doch zu farblos. Ihren Liebhaber Raoul Vicomte de Chagny gibt Newcomer Nikolaj Alexander Brucker, der zwar brav seine Rolle darbietet, jedoch viel zu hölzern wirkt. Den negativen Höhepunkt in der Besetzung stellt Annabel Knight in der Rolle der Meg Giry dar - gesanglich viel zu schwach macht sie zudem mit einem unüberhörbarem Akzent auf sich aufmerksam. Ernst van Looy und Ulrich Wand greifen unspektakulär das auf, was ihnen die Rollen der Theaterbesitzer Monsieur Firmin und Monsieur André anbieten - allerdings wäre auch hier mehr drin gewesen. Ebenso verhält es sich mit Laurie Anne McGowan und Bonifacio Galván, die zwar handwerklich solide die Carlotta Giudicelli und den Ubaldo Piangi geben, diese jedoch weitaus exzentrischer anlegen müssten. Einzig und alleine Gabriele Ramm vermag zu überzeugen - als Madame Giry agiert sie angenehm unaufdringlich, vermittelt jedoch jederzeit eine starke Bühnenpräsenz.


Foto: Brinkhoff/Mögenburg, (c): Stage Holding

Wer den Film noch im Kopf hat, wird sich ungeachtet dessen darüber freuen, dass nun die Möglichkeit besteht, die Original-Bühnenfassung zu sehen und eigene Vergleiche anstellen zu können. Viele werden sich seit langer Zeit wieder einmal das Stück anschauen, andere - vor allem die jüngeren Besuchergruppen - können das Werk neu für sich entdecken. Beim Besuch der Show drängt sich vor allem ein Gedanke auf - nämlich der, um welch nahezu perfektes Musical es sich beim ‚Phantom der Oper’ handelt - ein Umstand, den man in der deutschsprachigen Musicallandschaft erst heute so richtig zu schätzen weiß. Als sich die Produktion Anfang der Neunziger zum ersten Mal einem deutschen Publikum präsentierte, ging es noch um gigantische Investitionsvolumina für Theaterneubauten und örtliche Lokalpolitik, von der bemerkenswerten Qualität des Stückes war jedoch nie die Rede - wahrscheinlich hielt man sie seinerzeit noch für selbstverständlich. Erst heute, nach den vielen künstlerischen und auch wirtschaftlichen Fehlschlägen, neue Musicals mit Qualität und Hitpotential zu kreieren und auf dem Markt zu etablieren (beispielhaft erwähnt sei hier nur die Stage Holdinge - Produktion ‚3 Musketiere’ im Berliner Theater des Westens) weiß man diese zu schätzen.

 

‚Das Phantom der Oper’ ist ein weltweit bewährter Musicalklassiker, der eine nach wie vor packende Partitur sowie eine Dramaturgie mit vielen Tiefen bietet. Dem steht auch nicht entgegen, dass in produktionstechnischer Hinsicht einiges - wie etwa die zum Einsatz kommenden pyrotechnischen Effekte - inzwischen ein wenig antiquiert wirkt. Dieses Musical berührt auch heute noch: Wenn sich dem Zuschauer die Tragik dieses einsamen Menschen erschließt, der seine einzige Hoffnung in der Liebe zu Christine sieht und schlussendlich sein eigenes Schicksal vor der Spieluhr mit dem kleinen Äffchen zur Melodie von „Maskenball“ beweint - das ist auch heute noch einen Kloß im Hals wert. Wenn Musical doch immer so wäre …


Foto: Brinkhoff/Mögenburg, (c): Stage Holding