‚Dracula’ in St. Gallen

 
 

von Markus Zeller (April 2005)

 

 


Thomas Borchert (Dracula) / Foto: (c) Toni Küng

Aufbrausende Panik im theatergerecht transparenten Sarg, eine ätherische Schönheit, die sich im Wahn an ihrem eigenen Blut ergötzt sowie schwarze Liebesschwüre fernab jeden Kruzifixes - der längst im popkulturellen Bewusstsein verankerte Nosferatu treibt seit dem 23. April 2005 auch im Theater St. Gallen sein gar schauriges Unwesen. Dafür verantwortlich zeichnet Komponist Frank Wildhorn, der hier die Europapremiere seines neuesten Werkes präsentiert. Damit hat sich ‚Dracula’ genau dort positioniert, wo es auch hingehört, denn wieder einmal scheint Wildhorn ein Musical geschaffen zu haben, das für die staatlich subventionierte Bühne in Kontinentaleuropa eher taugt als für den hart umkämpften Markt in einer der großen Musicalhauptstädte wie New York oder London.

 

Eigentlich kein Problem, wäre nur der Anspruch des Machers nicht ein anderer. Es ist so eine Sache mit Frank Wildhorn - im Zuge des ‚Jekyll & Hyde’ - Erfolges und einer schier maßlosen Erwartungshaltung an den scheinbaren Nachfolger des Briten Webber war der New Yorker mit 3 zeitgleich laufenden Produktionen für eine kurze Zeit sogar der meistgespielte  Komponist am Broadway. Seine dramatische Musicaladaption des Gruselklassikers über Gut und Böse war auf ihre eigene Art und Weise etwas aufregend Neues und schürte die amerikanische Hoffnung auf einen neuen einheimischen Erfolgskomponisten, dessen Werke vom Broadway aus ihren Siegeszug um die Welt antreten. Inzwischen ist dieser Ruhm längst verblasst - sehr schnell verloren die Nachfolgewerke ihren Ruf als neue Publikumsmagneten und präsentierten sich im Gegensatz zum Erfolgserstling als schlichtweg unausgegoren. Am Broadway kräht inzwischen kein Hahn mehr nach ihm und auch sein neuestes Werk, das nun in St. Gallen zur Aufführung kommt, fiel beim New Yorker Publikum glatt durch und wurde schnell wieder abgesetzt.


Foto: (c) Toni Küng

Zu Recht, wie sich leider viel zu schnell herausstellt. Bereits in der vorsichtig angedeuteten Fellatio-Szene, in der weibliche Vampire dem in die Karpaten gereisten Anwalt Jonathan Harker zu Leibe rücken, wird klar, wo diese St. Gallener Musicalunternehmung enden wird: leider nur in einem bemühten Versuch und somit in der Bedeutungslosigkeit - sozusagen ein echter Rohrkrepierer. Bis zu diesem Zeitpunkt zündete noch keine einzige Melodie, konnte noch keine Inszenierungsidee für das in Aussicht gestellte schaurig-schöne Musicalerlebnis sorgen und die Story offenbarte bereits erste Ermüdungserscheinungen.

 

Diese basiert auf dem Briefroman von Bram Stoker, mit dem der Blutsauger aus Transsylvanien zu einem festen Bestandteil der populären Unterhaltungskultur wurde. Dort wird geschildert, wie Graf Dracula auf Mina Murray, die Verlobte Jonathan Harkers, aufmerksam wird und seine Heimat verlässt, um sich zukünftig in London mit ausreichend Blut zu versorgen. Als Gehilfe vor Ort dient ihm Renfield, dem er allerdings wegen dessen Wissens um ihn schnell den Garaus macht. Als erstes muss jedoch Minas Freundin Lucy Westenra der Anwesenheit des Vampirs in London Tribut zollen. Obwohl mit konkreten Heiratsplänen beschäftigt, kann sie sich dem Bann des Grafen Dracula nicht entziehen und verfällt ihm zusehends, bis er sie schließlich in die Dunkelheit beißt. Selbst inzwischen zum Vampir geworden, bleibt ihr nur das Schicksal eines jeden Geschöpfes der Nacht, dem der Vampirjäger Abraham van Helsing nachstellt - dem Tod durch Pfählung, pikanterweise durch den eigenen Bräutigam. Tatsächlich jedoch ist Mina das eigentliche Objekt der Begierde des Grafen - mehr und mehr vermag er sich ihr anzunähern, bis schließlich auch sie seinem Ruf nicht mehr widerstehen kann. In der weisen Erkenntnis, dass diese Story bereits von jedem Unterhaltungsgenre bis zum Gehtnichtmehr ausgelutscht wurde, fügen die Autoren Don Black und Christopher Hampton (von den beiden stammen Buch und Songtexte zu ‚Sunset Boulevard’) der bekannten Geschichte die nun allerdings neue Wendung hinzu, dass Graf Dracula in seinen Gefühlen zu Mina echte Liebe entdeckt und ihr deshalb den Weg in die ewige Verdammnis ersparen will. Als Liebesbeweis fordert er von Mina, ihn endgültig zu erlösen, um sie vor dem sicheren Tod zu bewahren …


Foto: (c) Toni Küng

„Dracula in Love“ wäre also angesichts eines solch immensen Ausmaßes an romantischer Zuneigung bis hin zu einer für einen Vampir ganz und gar untypischen Verhaltensweise wie Selbstaufgabe der wohl passendere Titel für Wildhorns neues Stück gewesen. Aber selbst diese Bezeichnung wäre nicht ganz zutreffend, denn neben der in Szene gesetzten Liebesgeschichte bedient dieses Vampir-Musical bereitwillig sämtliche Genreklischees, die sich zu diesem Thema anbieten. Diese sind jedoch spätestens seit Roman Polanskis Musicaladaption seines eigenen Filmklassikers ‚Tanz der Vampire’ einfach nicht mehr up to date, da sie hierdurch bereits in einer ironisch gebrochenen Form in der gleichen Sparte vorgelegt wurden. Insofern darf man getrost die Frage stellen, welches Zuschauerinteresse die Autoren mit ihrer Fassung der Dracula-Geschichte zu bedienen beabsichtigten, denn ‚Dracula’ überzeugt weder als Liebesromanze noch als Adaption des klassischen Dracula-Stoffes. Sieht man angesichts der Vielzahl der bereits vorliegenden Bühnenversionen für das Musiktheater von der Notwendigkeit des letzteren ab, sollte jedoch zumindest die neu installierte Liebesgeschichte in einem neuen Musical über den transsilvanischen Blutsauger funktionieren - leider ist auch das dem Autorenteam nicht gelungen: Warum sollte dieser Seelenjäger und Meuchelmörder auf einmal Reue zeigen und beim Anblick eines schönen Gesichts große Liebe verspüren, zumal diese Version einen Grafen Dracula ohne Biographie präsentiert und somit einen Querbezug zu einem ihm bereits bekannten Gefühl nicht herstellt? Als ebenfalls unzureichend erweist sich zudem die Zeichnung der Charaktere, denn das Stück schildert keine berührende Liebesgeschichte, sondern eher ein krankhaftes Abhängigkeitsverhältnis zwischen Täter und Opfer - daher berührt der Tod des Grafen am Ende auch nicht - das schlimmste Attest, das einer als herzergreifenden Liebesgeschichte angelegten Dramaturgie bescheinigt werden kann.

 

Feinheiten mit Detailschärfe bietet die musikalische Seite von ‚Dracula’ ebenfalls nicht - hiernach stand Frank Wildhorn ohnehin noch nie der Sinn. Der Schwermetaller unter den Musicalkomponisten hat sich mit Wonne wieder einmal eines Gruselstoffes angenommen und präsentiert in St. Gallen eine wirkungsvolle und dramatische Musik (Musikalische Leitung: Wildhorn-Kenner Koen Schoots), die stets auf Effekte zielt und keine Grautöne kennt. Bei Wildhorn drohen die Balladen - in ‚Dracula’ wieder einmal üppig und verschwenderisch vertreten - unter ihrem eigenen Zuckerguss zu ersticken, während die spannungsgeladenen Nummern sprichwörtlich sämtliche Pauken und Trompeten auffahren, damit sich dem Zuschauer auch wirklich die Dramatik der zu unterstreichenden (und leider oft nicht erzählten!) Situation erschließt. Gewiss - das macht Spaß und gefällt, so wie es auch durchaus befriedigt, in einen mit Allem belegten Hamburger zu beißen. Auf Dauer jedoch sorgt ein derlei Maß an Reizüberflutung für Langeweile, zumal die Strickmuster der einzelnen Songs allzu deutlich erkennbar sind und den Eindruck entstehen lassen, dass es sich bei sämtlichen Nachfolgewerken von ‚Jekyll & Hyde’ um bloße Variationen des gleichen Materials handelt - den Beweis der musikalischen Vielfalt steht Wildhorn noch aus. Gleichwohl werden sich Songs wie „Ich leb nur, weil es dich gibt“ oder „Du hast mein Wort“ in der Zukunft auf der ein oder anderen Gala wieder finden. Durchaus interessante Ansätze wie in Lucys lustvoll-devoter „Einladung“ sind in ‚Dracula’ leider zu selten zu finden.


Caroline Vasicek (Lucy) / Foto: (c) Toni Küng

Es bleibt die Frage, ob Regisseur Matthias Davids sich der Schwächen des ihm zur Verfügung stehenden Materials bewusst war und mit einer vermeintlich originellen Inszenierungsidee künstlerische Schadensbegrenzung betreiben wollte, oder ob er einfach nur seiner Leidenschaft frönte, Stoffe in eine andere Zeit zu transferieren: Ähnlich wie bei ‚Chess’, das er anlässlich der Aufführung am Staatstheater Kassel unter Inkaufnahme dramaturgischer Unschlüssigkeiten von den 8oer Jahren in das Jahr 1962 verlegte, siedelt er nun eine viktorianische Story in den 50er Jahren dieses Jahrhunderts an - ob diese Verlagerung des Stoffes in eine vermeintlich sexuell prüde Zeit tatsächlich die sexuelle Maßlosigkeit des Vampirs hervorzuheben vermag, sei dahingestellt und darf zumindest bezweifelt werden. Auf jeden Fall handelt es sich bei diesem Versuch um vergebene Liebesmüh, mündet er doch lediglich darin, dass die Darsteller in nicht besonders bemerkenswerten 50er-Jahre-Kostümen (Noelle Blancpain) agieren. Mathias Fischer-Dieskaus Bühnenbild dagegen verweigert dieser Idee die konsequente Gefolgschaft und setzt im Zusammenspiel mit dem Lichtdesign von Fabrice Kebour auf stimmungsvolle Rauminstallationen, die sich nicht im Geringsten um eine zeitgemäße Umsetzung scheren und wahrscheinlich vor allem deshalb so gut funktionieren. Zumindest in dramaturgischer Hinsicht konnte aus der 50er Jahre-Idee anscheinend nur wenig Honig gesaugt werden, da sie keine nennenswerten Auswirkungen auf das Bühnengeschehen hat - insofern kann man sie getrost als entbehrlich bezeichnen.

 

Unentbehrlich scheint für Wildhorns Stücke jedoch der Reiz zu sein, der sich aus der Kombination von Sex, Gewalt und Macht ergibt. Mit viel Fingerspitzengefühl greift Davids dieses Thema auf und unter seiner Regie geraten viele Szenen spannender und vor allem nachvollziehbarer als dies in den Produktionen zu ‚Jekyll & Hyde’ der Fall war. In den Handlungstransportierenden Dialogszenen jedoch scheint auch er angesichts der zumeist unbeholfenen oder einfach nur peinlich schlechten Dialoge den Mut aufzugeben und zu resignieren - ohne weitere Führung gibt er diese an die Darsteller weiter, die aufgrund der oft ungewollt entstehenden Komik sogar Lacher aus dem Publikumsraum hierfür ernten müssen.


Foto: (c) Toni Küng

Dies ist umso ärgerlicher, da diese Produktion mit einer äußerst hochwertigen Besetzung glänzen kann. Vor allem Thomas Borchert in der Titelrolle überzeugt mit kraftvoller Stimme und einem fein abgestimmten Spiel, mit dem er den Grafen Dracula sehr elitär und mit einem ordentlichen Maß an Arroganz ausgestattet zeichnet. Stimmlich verblasst neben ihm ein wenig Ann Christin Elverum - als Draculas Geliebte Mina Murray vermag sie jedoch darstellerisch oft zu glänzen. Die dankbarste Rolle in dem Stück wird von Caroline Vasicek verkörpert, die bisher allem Anschein nach zu Unrecht immer nur das harmlose liebe Mädchen spielen durfte: Als Lucy darf sie sich von einer Susi Sonnenschein in eine skrupellose Blutjägerin verwandeln, die in ihrer Gier selbst vor kleinen Mädchen nicht zurückschreckt. Wie einst Linda Blair in dem Horrorfilm „Der Exorzist“ windet sie sich unter Krämpfen, weist voller Ekel das Kruzifix von sich, schlägt um sich, schreit, winselt, pöbelt, spuckt, faucht und flucht dermaßen beeindruckend, dass es eine wahre Freude ist. Jesper Tydén als Jonathan Harker vermag mit schöner Stimmfärbung zu gefallen, wenngleich er seine Solonummern leider nur mit unüberhörbarem Akzent darbietet. Zudem gereicht ihm die stereotype Ausgestaltung seiner Rolle zum Nachteil, die ihn darstellerisch zu keinem Zeitpunkt fordert. Gleiches Schicksal ereilt auch Christopher Murray in der Rolle des Abraham van Helsing - schade, denn die eindringliche Interpretation des Songs „Nosferatu“ macht Lust auf Mehr. Weitaus mehr Darstellungsfläche erhält hingegen Stefan Vinzberg in der Rolle des durchgeknallten Dracula-Gehilfen Renfield, der mit dem „Lied vom Meister“ ebenfalls zu glänzen weiß. Außergewöhnlich prominent besetzt sind auch die Nebenrollen des Stückes - das schwache Buch degradiert jedoch Marting Pasching (Arthur Holmwood), Frank Winkels (Quincey Morris) und Alen Hodzovic (Jack Seward) als Lucys Brautfreier zu Statisten, die über die Rolle des Stichwortgebers nicht hinauskommen - leicht verdientes Geld.

 

Trotz des enttäuschenden Ergebnisses, dessen Ursachen vor allem in der künstlerischen Qualität des Stückes zu suchen sind, muss dem Theater St. Gallen bescheinigt werden, dass es mit ‚Dracula’ wieder einmal ein Musical präsentiert, das man in puncto Produktionsgröße und überregionaler Relevanz nicht per se von der Repertoireproduktion eines Stadttheaters erwarten kann oder darf - dies relativiert vieles in der Bewertung des Stückes. Der überwiegenden Mehrheit des Publikums wird es ohnehin egal sein - der im deutschsprachigen Raum immer noch wohlklingende Name des Komponisten sowie die überaus prominente Besetzung des Stückes werden dafür sorgen, dass das Stück keine Auslastungsprobleme haben wird. Somit bleibt das rührige Theater St. Gallen weiterhin einer der interessantesten Standorte auf der deutschsprachigen Musicallandkarte - bei ‚Dracula’ fehlt diesmal allerdings der rechte Biss …


Vampirinnen außer Rand und Band ... Jesper Tydén (J. Harker) und Ensemble (Marion Furtner, Ines Hengl-Pirker, Anna Thorén u.a.) / Foto: (c) Toni Küng