Nullvier - Keiner kommt an Gott vorbei

 

 

von Markus Zeller (Mai 2004)

 

 


Foto: (c) MiR

„Die Welt ist zwar kein Fußball“, verfasste einst der deutsche Fußball-Literat Ror Wolf, „aber im Fußball, das ist kein Geheimnis, findet sich eine ganze Menge Welt“. Den gleichen Gedankengang aufnehmend schrieb bereits vor einigen Jahren Ben Elton zu der Musik von Starkomponist Andrew Lloyd Webber das Buch für ein Fußball-Musical (s. Rezension zur Dresdner Aufführung von ‚The Beautiful Game’), anhand dessen er eine packende Geschichte über den Nordirland-Konflikt in Belfast während der ausgehenden sechziger Jahre schildern konnte. Solch hehre Ansprüche hatte Rudi Assauer, seines Zeichens Manager des Kult-Ruhrpottvereins Schalke 04, wohl nicht im Sinn, als er das Musiktheater im Revier damit beauftragte, ein Musical über seinen Club zur Aufführung zu bringen. Vielmehr ging es darum, die diesjährigen Feierlichkeiten anlässlich des 100-jährigen Vereinsjubiläums um ein Stück Kultur zu bereichern. Dies ist den Verantwortlichen um Generalintendant Peter Theiler und Regisseur Matthias Davids auch zur Zufriedenheit aller gelungen: Der „Anstoß“ fand im Rahmen der königsblauen Festwoche am 09. Mai 2004 statt - vom Ergebnis waren sowohl der Vereinspräsident als auch die in königsblau erschienenen Fans hellauf begeistert. Ob sich diese Reaktionen auch bei einem „waschechten“ Musicalpublikum eingestellt hätten, bleibt mehr als fraglich.

 

Dafür ist die Story von Autor Michael Klaus, der sich leider als Grobmotoriker erweist, einfach zu schlicht und durchschaubar geraten. Nicht aus dramaturgischen, da dieser Umstand im weiteren Verlauf des Stückes keine Rolle mehr spielt, sondern aus vereinshistorischen Gründen ist das Musical in den achtziger Jahren angesiedelt - es steht wieder einmal schlecht um den Ruhrpottclub. Die hochbezahlten Fußball-Söldner leisten im vorletzten Spiel der Saison beim Hamburger SV nur noch Dienst nach Vorschrift und stemmen sich nicht mit der gebotenen Leidenschaft gegen den drohenden Abstieg. Nach Volkes und Trainers Wille soll es nun am letzten Spieltag ein Eigengewächs der Schalker Jugend richten - der 17-jährige Jojo Schrader. Der ist zwar mit großem Talent gesegnet, leider aber auch mit ebenso wenig Disziplin. Nach einer durchzechten Nacht versemmelt er prompt das erste Training. Erschwerend kommt für ihn noch hinzu, dass er mit der Cellistin Louisa sämtliche Widrigkeiten einer ersten großen Liebe erfahren muss, während der ausgebootete Kicker-Star Stephan Krause seine Intrigen gegen den neuen Hoffnungsträger spinnt. Am Ende wird jedoch alles wieder gut - Jojo sichert Schalke den Klassenverbleib, Louisa interessiert sich für Fußball (besonders für Schalke) und Stephan Krause wird unter Androhung der Brandmarkung mit dem Emblem des Erzrivalen BVB erfolgreich in die Flucht geschlagen. ‚Schalkiger’ geht’s nimmermehr.


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Den Nachweis ihrer Bundesliga-Tauglichkeit bleiben auch der Komponist und sein Songtexter schuldig. Die Songs von Enjott Schneider und die Lyrics von Bernd Matzkowski verfügen zwar über ein ordentliches Zweitliga-Niveau - dort wird immerhin auch Profi-Fußball gespielt - der Zugang in die Auswahl „Musical des Jahres“ indes wird ihnen mit diesem Werk verwehrt bleiben. Kein einziger der vielen Songs - angesiedelt zwischen klassischem Musical, Swing, Soul und Pop und unter der musikalischen Leitung von Kai Tietje jeweils stilsicher von der Neuen Philharmonie Westfalen vorgetragen - vermag im Ohr haften zu bleiben. Nur einmal setzt die Musik zum tödlichen Pass an: Wenn der obligatorische Stadion-Grölgesang „Steht auf, wenn ihr Schalker seid“ (basierend auf dem Pet Shop Boys - Hit „Go West“) als Motivationshilfe für den jungen Profispross mit vollem Orchestersound daherkommt und sich später sogar noch in glasklaren a cappella - Gesang verwandelt - das hat schon was und macht nicht nur den Fußballfans Spaß.


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Bei allzu viel künstlerischer Limitiertheit in den Möglichkeiten des Leading Teams braucht es eines Spielführers, der dem Spiel der Mannschaft Finesse und Eleganz einhaucht. Hierfür engagierte das Musiktheater im Revier den musicalerprobten Regisseur Matthias Davids. Ihm ist das Kunststück gelungen, aus dem ganzen Stückwerk, das angesichts der fest terminierten  Vereinsfeierlichkeiten in Rekordzeit „erstellt“ werden musste, ein Musical zu formen und zur Aufführung zu bringen, das sich auch so nennen darf. Genügend Zeit für neue Ideen schien ihm allerdings nicht zur Verfügung zu stehen, denn für das Schalke-Musical bedient er sich großzügig bei seinen bisherigen Inszenierungen. Vor allem die Auftritte von Tattooladenbesitzerin Aurora erinnern an „The Life“, das er am Staatstheater Kassel in Szene setzen durfte. Davids’ Erfahrungsschatz an Musicals floss allem Anschein nach auch noch an anderen Stellen unmittelbar in das Buch ein: Nach dem Motto: „Hier lassen wir sie in die Disco gehen - da mach ich dann was aus ‚Saturday Night Fever’“ findet sich auch solch eine Szene in dem Stück. Wenn dann auch dieser Fundus nahezu erschöpft ist, müssen eben noch andere Musicals herhalten - wie etwa ‚The Full Monty’ für eine Inszenierungsidee in der Umkleidekabine der Fußballer. Ebenso erging es seiner Choreografin Melissa King, der leider auch nichts anderes eingefallen ist als das, was man zum Thema Fußball bisher auf Musicalbühnen gesehen hat. Alles in allem ist das zwar nett anzuschauen, aber es will sich beim besten Willen nicht zu einem Gesamtwerk zusammenfügen. ‚Nullvier - Keiner kommt an Gott vorbei’ wirkt an vielen Stellen unfreiwillig komisch - wenn im Friseursalon getanzt wird, dass die Lockenwickler fliegen, dann fragt man sich, was das alles mit Schalke, den Achtzigern und der Geschichte zu tun hat. Außerdem ist die Inszenierung mit ihrer annähernd dreistündigen Laufzeit insgesamt zu langatmig geraten.


Foto: (c) MiR

Das Spielermaterial in den Reihen des Schalke-Musicals hingegen kann sich sehen und vor allem hören lassen. Rasmus Borkowski erweist sich als typgerechte Besetzung des Jojo Schrader, während Carina Sandhaus in der Rolle seiner Freundin Louisa Stegemann überzeugt und immer wieder gesangliche Höhepunkte setzen kann. Sören Kruse als Alt-Kicker Stephan Krause, Evren Pekgelegen als Jojos bester Freund Ümit sowie Richetta Manager in der Rolle der Aurora erweisen sich ebenfalls als sicher am Ball und in der Stimme.

 

Die dankbarsten Auftritte, wenngleich es sich hier um reine Schauspielrollen handelt, haben allerdings Heinz W. Krückeberg als alter Fußballfan und Andreas Windhuis als Gott höchstpersönlich, die für die originelle Rahmenhandlung des Musicals zuständig sind. In dieser müssen sich ein knorriger Schalke-Fan und Gott darüber einig werden, wann denn nun das ‚letzte Stündlein’ oder besser die ‚letzte Minute’ für den „Alten“ zu schlagen hat - nach dem vorletzten Spieltag, dem letzten Spieltag oder gar nach Absitzen der Jahreskarte für die neue Saison. In diesen Szenen gelingt dem Stück all das, woran es an anderer Stelle aufgrund seiner Bemühtheit allzu oft scheitert: Die Dialoge sind herzerfrischend, die Gags zünden und vor allem stellt sich hier ein Unterhaltungswert auf hohem Niveau ein. Nach einer gewissen Zeit fiebert man den Auftritten des ungleichen Gespanns regelrecht entgegen - nur schade, dass man für den mit Abstand besten Bestandteil des Buches keine musicalspezifische Ausdrucksform gefunden hat.


Foto: (c) MiR

„Es ist eine zuweilen bizarre Welt, in der unablässig Gefühlsschübe aufeinanderprallen; Emotionen, die jederzeit in ihr Gegenteil umschlagen können: Entzücken in Entsetzen, Begeisterung in Wut, Verzweiflung wieder in Entzücken“ schreibt Autor Ror Wolf weiter. Davon ist in diesem Musical - mit Ausnahme der erwähnten Schauspielszenen - leider wenig zu spüren. In Anbetracht der nahenden WM 2006 im eigenen Land und des damit einhergehenden Hypes um das runde Leder ist damit zu rechnen, dass dieses Projekt seine Nachahmer finden wird. Für den WM-Standort München, an dem auch Branchenkrösus FC Bayern sitzt, wurde bereits ein weiteres Fußball-Musical angekündigt - es wird spannend zu beobachten sein, wie sich andere der ‚Faszination Fußball’ nähern. Fußball wird auch gerne das ‚Theater des kleinen Mannes’ genannt - ein wenig mehr ‚große’ Musiktheaterkunst hätte es bei diesem Musical schon sein dürfen. Gleichwohl - den Nerv einer zum Feiern aufgelegten Schalke-Geburtstagsgesellschaft hat ‚Nullvier - Keiner kommt an Gott vorbei’ allemal getroffen.


Endlich vereint: Jojo (Rasmus Borkowski) und Louisa (Carina Sandhaus) / Foto: (c) MiR