‚Musicalstars in Concert’: Felix Martin - „Musicals & More“
 
 
von Markus Zeller (September 2006)
 
 
 


Foto: Matthias Heyde

„Wer versteht, was Liebe ist?“ – während die ersten Töne des Andrew-Lloyd-Webber-Hits aus dem Theaternebel hervorklingen, bahnt sich der Star des Abends seinen Weg durch die vollbesetzten Zuschauerreihen in Richtung Bühne – mit Felix Martin stellte sich am 16. September 2006 bereits der dritte Musicalkünstler im Rahmen der Veranstaltungsreihe ‚Musicalstars in Concert’ im Ebertbad in Oberhausen vor und – um es gleich vorwegzunehmen – überraschte und begeisterte gleichermaßen sein Publikum, das es ihm am Ende des mehr als dreistündigen Abends mit frenetischem Applaus dankte. Dieser Song aus dem Musical ‚Aspects of Love’, in dem er in der Hauptrolle des ‚Alex’ an der Staatsoperette Dresden einen seiner vielen künstlerischen Erfolge feiern konnte, steht für den ersten Namensbestandteil seines Soloprogramms „Musicals & More“, mit dem er ein stilistisch weit gestecktes Repertoirefeld beschreitet. Eine musikalische Reise will er an diesem Abend präsentieren – dafür hat er einen Koffer mitgebracht, dessen Inhaltes er sich immer dann mit dem ein oder anderen Utensil bedient, wenn er sich und das Publikum in die jeweilige Welt und Stimmungslage seiner Songs transportieren möchte. Begleitet wird er dabei von Pianistin Marina Komissartchik, die mit ihrem Tasteninstrument und den reich und stets detailscharf gemalten Klangfarben eine Begleitband nie vermissen lässt. Eine Stimme und ein Flügel – mehr braucht es nicht für eine exzellente Musikveranstaltung, wenn die beiden Künstler so wie in diesem Fall harmonieren und an den zentralen Stellen die notwendigen Signale voneinander empfangen.

 

Natürlich stehen die vielen Musicalerfolge aus seiner langjährigen Karriere auf dem Programm, in der er sich eigentlich stets mit nie weniger als einer der Hauptpartien zufrieden gab: So fehlt an diesem Abend Colloredos „Wie kann es möglich sein?“ aus ‚Mozart!’ genauso wenig wie Marius’ „Dunkles Schweigen an den Tischen“ aus ‚Les Misérables’ oder „Die unstillbare Gier“ aus ‚Tanz der Vampire’, in dem er in der Hamburger Aufführung mehr als dreihundert Mal in seiner Paraderolle des Grafen von Krolock zu sehen war. Gleichwohl holt er darüber hinaus noch weitere Musicalperlen aus dem Reisekoffer hervor, die er mit enormem Stimmvolumen und reicher Darstellungskraft darbietet – so etwa „Guldet blev till sand“ aus dem schwedischen Auswandererepos-Musical ‚Kristina från Duvemåla’ und „Music of the Night“ aus „Das Phantom der Oper“.


... Felix Martin gibt "Mr. Bojangles" ...

Aber Felix Martin ist einer, der mehr will und auch mehr kann – „Musicals and More“ eben. Unverkrampft und locker berichtet er von einzelnen Stationen seiner Bühnenkarriere und unterstreicht diese mit unterhaltsamen Anekdoten sowie dem unvermeidlichen landestypischen Dialekt, verliest eine Pressemitteilung gebeutelter Vampire, die sich von der aktuell geführten Diskussion um die Gesundheitsreform schlichtweg vergessen fühlen und verfällt sogar noch in eine Parodie der – Gott hab sie selig – krakeelenden Inge Meysel, die selbstverständlich ungefragt ihren Senf zum Bühnengeschehen hinzugibt. Gleiches parodistisches Talent beweist er bei einem Elvis-Presley-Medley, in dem er die einzelnen Stationen des King of Rock ’n’ Roll Revue passieren lässt. Ebenso wenig Berührungsängste zeigt er vor der gefühlvollen Filmballade „Moon River“ und dem heute nur noch als Fußballhymne bekannten Song „You´ll never walk alone“, wenngleich auch dieser seinen Ursprung in einem Musical findet. Zudem schildert er dem weiblichen Teil des Publikums mit dem Udo-Jürgens-Song „Ein Weichei zum Frühstück“ höchst amüsant, was eine Frau nicht braucht und gibt sich sogleich wider besseren Wissens als „Sissi-Film-Flenner“ zu erkennen.

 

Doch Felix Martin überrascht nicht nur mit diesen leichten und unterhaltsamen Einlagen – er erzählt auch viel Persönliches, berichtet von seinen ersten Schritten als kleiner Junge auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper und schildert seine Begegnung mit dem vor dreieinhalb Jahren verstorbenen „Hotte“ Horst Buchholz, dem er den Song „Mr. Bojangles“ widmet. Mit dem Song „Was wichtig ist“ – wieder ein Udo-Jürgens-Titel – gewährt er zum Abschluss seines Programms Einblicke in das Seelenleben eines Bühnenkünstlers nach dem Auftritt, wenn das Scheinwerferlicht ausgegangen und die Zeit mit sich selbst gekommen ist. Es sind vor allem diese nachdenklichen und melancholischen Momente, die dem Abend das entscheidende „Mehr“ und die ungewöhnliche Substanz und Nachhaltigkeit in der Wirkung verleihen. Bemerkenswert ist besonders, dass er all dieses frei von Pathos sowie stets ironisch gebrochen präsentiert und somit bisher ungeahnte Entertainer-Qualitäten offenbart. Gewiss – das Publikum ist unkritisch und zeichnet sich wie bei derlei Solokonzerten üblich durch eine „mitgebrachte“ Affinität zu dem Künstler aus – insofern vermag dessen durchweg begeisterte Reaktion nicht zu verwundern – wohl aber der Facettenreichtum dieses Musicaldarstellers, der sich an diesem Abend eindrucksvoll als reife und vor allem komplette Künstlerpersönlichkeit vorstellen konnte.

 

Noch fehlt der Veranstaltungsreihe zwar die prägende konzeptionelle Handschrift der Produzenten, doch ‚Musicalstars in Concert’ in der Qualität dieses Abends ist auf dem besten Weg, sich als unverwechselbares Forum für die vielfältigsten Formen des Musicals in der deutschsprachigen Bühnenkultur etablieren zu können – auf die angekündigte CD-Einspielung mit der Live-Aufnahme des Abends darf man daher gespannt sein. Sollte es den beiden Veranstaltern Andreas Luketa und Markus Tüpker gelingen, der Konzertreihe ein eigenes Profil und vor allem ein dauerhaft wertiges Qualitätsmerkmal zu verleihen, darf man sich noch auf viele gelungene und vor allem überraschende Veranstaltungen in der stimmungsvollen Atmosphäre des Ebertbades in Oberhausen freuen ...


Felix Martin in seinem Soloprogramm MUSICALS & MORE / © Foto: Georg Lukas