‚Chess’ in Kaiserslautern

 

 

von Markus Zeller (Oktober 2006) 

 

 


Möge die Schachweltmeisterschaft beginnen ...

Lange Zeit war es still geworden um das Musical-Erstlingswerk der beiden früheren Abba-Musiker Benny Andersson und Björn Ulvaeus, das in Zusammenarbeit mit dem Autoren Tim Rice entstand und nach der vorgeschalteten Veröffentlichung eines Konzeptalbums im Jahre 1984 und der hierdurch erfahrenen Starthilfe schließlich am 14. Mai 1986 am Prince Edward Theatre im Londoner West End seine Uraufführung erlebte. Es folgten einige Irrungen und Wirrungen – u.a. eine verunglückte Fassung für den Broadway – des Musicals über den Kalten Krieg, der sich Anfang der neunziger Jahre endgültig als weltpolitischer Irrtum erwies und in die Geschichtsbücher entlassen wurde. Das Werk hat es seiner großartigen Musik zu verdanken, dass seine Geschichte nicht bereits hiermit endete und sich seitdem weltweit Produzenten immer wieder aufs Neue an diesem für Musicalverhältnisse nicht eben stromlinienförmigen Stück versuchen. Nachdem das Staatstheater Kassel das Werk erstmalig im Februar 2002 in einer deutschen Übersetzung und überarbeiteten Handlung präsentierte, standen die Rechte hierzulande zunächst nicht mehr zur Verfügung und ‚Chess’ verschwand wieder einmal von den deutschsprachigen Bühnen, während in Stockholm eine erneut überarbeitete Fassung zur Aufführung gelangte. Allem Anschein nach war man sich seitens der Rechteinhaber nicht darüber einig, in welcher Form und Produktionsgröße das Musical auf dem in Sachen „Abba-Musik“ traditionell wirtschaftlich wichtigen deutschen Markt positioniert werden sollte und vor allem – bei ‚Chess’ immer ein Thema – in welcher Fassung. Hierüber scheint nun Einvernehmen dahingehend zu bestehen, dass die deutschsprachige Fassung von Kassel nunmehr „die“ deutsche Fassung sein soll, auf deren Grundlage die weiteren Inszenierungen anzulegen sind.


Exzentrischer Schach-Champion nebst "Muse" Florence

Wie bereits die Kasseler Fassung siedelt daher die nunmehr zweite deutschsprachige Aufführung des Stückes, die – im Übrigen fast punktgenau zwei Tage vor dem 50. Jahrestag des Beginns der Ungarischen Revolution – am 21. Oktober 2006 ihre umjubelte Premiere am Pfalztheater Kaiserslautern feiern konnte, die Geschichte in den sechziger Jahren an und definiert New York als Handlungsort für den ersten Akt, während der zweite Akt nach wie vor in Bangkok spielt. Diese Änderungen gegenüber der Urfassung der Autoren, die ‚Chess’ in „ihrer“ Zeit der achtziger Jahre spielen ließen und den ersten Akt in Meran ansiedelten, gewährleisten die Spielbarkeit des Stückes, das aufgrund seiner anachronistischen Handlung nicht mehr in der Jetztzeit angesiedelt werden kann. Zudem bewirken die neue Platzierung in den sechziger Jahren – als der Kalte Krieg seine heißeste Phase hatte – eine Verdichtung des zugrundeliegenden Konfliktpotenzials sowie die Wahl des neuen Handlungsortes einen insgesamt härteren Charakter der Geschichte, die sich nun nicht mehr mit einer fragwürdigen Alpenatmosphäre im heimeligen Südtirol herumplagen muss.

 

Die deutschsprachige Fassung von ‚Chess’ in der leider oft etwas sperrig geratenen Übersetzung von Ulrich Bree und Markus Linder verfolgt den Kampf um die Schachweltmeisterschaft im Jahre 1962 zwischen dem amerikanischen Titelverteidiger Frederick Trumper und dem russischen Herausforderer Anatoly Sergievsky, die von den Delegationen der beiden konkurrierenden Weltmächte jedoch zusehends als Spielfläche für deren politischen Wettstreit genutzt wird. Frederick verliert in New York nicht nur den Titel, sondern auch Freundin Florence an Anatoly, der umgehend zum Klassenfeind überläuft und dafür Ehefrau und Kind in der russischen Heimat zurücklässt. Ein Jahr später muss er seinen Titel in Bangkok verteidigen – diesmal gegen den linientreuen Russen Viigard. Doch Berater Molokov mag sich nicht auf dessen sportliches Können verlassen und lanciert „mit sanftem Druck“ Anatolys Familie zum Austragungsort – gleichzeitig lässt er dessen Berater Walter de Courcey wissen, dass sich der seit dem Ungarischen Volksaufstand von 1956 für tot geglaubte Vater von Florence tatsächlich in russischer Gefangenschaft befindet und sogar in die Freiheit entlassen werden könnte, falls Anatoly sein Spiel verlieren würde. Inmitten der unterschiedlichsten Interessenlagen und der von allen Seiten auf ihn einwirkenden Kräfte muss Anatoly nun seine eigene Entscheidung treffen: er gewinnt schließlich das Turnier und verliert damit Florence. Ebenso wie den Kalten Krieg konnte auch dieses Spiel niemand gewinnen, denn am Ende gibt es nur Verlierer – allen voran Florence, die durch die weltpolitische Gemengelage erst den Vater und nun auch den Geliebten verloren hat ...


In Bangkok geht es nicht nur am Schachbrett heiß her ...

Es war ein lang gehegter Wunsch von Intendant Johannes Reitmeier, ‚Chess’ zur Aufführung zu bringen – dementsprechend leidenschaftlich zeigt sich die von ihm selbst in Szene gesetzte Inszenierung. Um es gleich vorwegzunehmen – ihm ist Erstaunliches gelungen: ‚Chess’ am Pfalztheater in Kaiserslautern ist ein Musterbeispiel dafür, welch hervorragendes Ergebnis eine Repertoirebühne auch im Bereich Musical erzielen kann, wenn man sich mit Verve einem Werk nähert und für dessen Umsetzung sämtliche Kräfte eines Hauses bündelt. Allein das optische Erscheinungsbild der Produktion ist berauschend – es gibt sicherlich Musicalveranstaltungen, die weniger zahlende Zuschauer zählen als diese Show an Mitwirkenden auf der Bühne. Die schier überbordende Präsenz der Statisterie, des Extrachors und des Balletts des Pfalztheaters sorgen immer wieder für beeindruckende Massenszenen. Doch das ist nicht das Entscheidende – Reitmeier gelingt es daneben vor allem, den schwierigen Stoff in den Griff zu kriegen und die vielen ineinander verwobenen Handlungsstränge in eine flüssige und transparente Erzählform zu bringen, indem er stets schlüssig den richtigen Schwerpunkt setzt. Ohne Zweifel eine Liebhaberarbeit – hier war einer am Werk, dem nicht nur die eigenen Inszenierungsideen, sondern das Stück am Herzen lag.


... auch die sowjetische Maschine läuft auf Hochtouren!

Auch die musikalische Seite zeigt sich erstklassig: Wenngleich diese Fassung ebenso wie die in Kassel eine „entmusikalisierte“ Version darstellt, da sämtliche im rezitativischen Stil verfassten Übergänge des im Original nahezu durchkomponierten Werkes durch entsprechende Dialogpassagen ersetzt werden, erhält die Musik nun den Stellenwert zurück, der ihr in diesem Stück zusteht. Ähnliche Experimente wie in Kassel, wo der Hitsong „One Night In Bangkok“ als thailändische Folklorenummer angelegt wurde, bleiben hier aus. Präsentiert wird der Song hier als das, was er ist – nämlich eine waschechte Showeinlage mit allem Drum und Dran. Auch die klassischen Titel wie „Chess“ entfalten sich in Kaiserslautern im Gegensatz zur Vorgängerfassung in all ihrer Pracht und werden nicht auf ihre dramaturgische Relevanz zurechtgestutzt. Unterstützt wird das opulent besetzte Orchester des Pfalztheaters dabei von der vor allem in Frankreich erfolgreichen Band ‚Vanden Plas’. Insgesamt ist dem Musikalischen Leiter Roger Boggasch das Kunststück gelungen, dass sich „seine“ Version des Werkes vor der Vielzahl der bereits vorliegenden Veröffentlichungen nicht zu verstecken braucht und hinsichtlich der komplexen und vielfältigen Partitur keine Wünsche offen bleiben – eine CD-Einspielung dieser Arbeit als deutschsprachige Erstaufnahme wäre daher wünschenswert.

 

Ebenso „werkbegeistert“ zeigen sich die übrigen Kräfte in den Reihen der ‚Chess’-Macher von Kaiserslautern: Mit viel Gefühl für die richtige Mischung zwischen klassischem Tanz und Show entwirft Stefano Giannetti für einige Songs wunderschöne Choreographien – beispielhaft erwähnt sei hier nur die Einführungsszene „The Story Of Chess“, in der erzählt wird, wie das Brettspiel ‚Schach’ der Legende nach entstanden ist. Obwohl sich der dort geschilderte Kampf zwischen den beiden Prinzen um den Hindu-Königsthron für eine tänzerische Umsetzung geradezu anbietet, war dies bisher so noch nicht auf einer deutschen Bühne zu sehen. Auch Bühnenausstatter Michael D. Zimmermann schöpft reichlich aus den sich anbietenden Themen und teilt die Bühne in polarisierendes Schwarz-Weiß auf oder lässt die Darsteller inmitten überdimensionierter Schachfiguren agieren – dabei bezieht er immer wieder wirkungsvoll Videoproduktionen (von Karl-Heinz Christmann) ein und konfrontiert die Protagonisten mit Bildern des Ungarischen Volksaufstandes. Die Kostüme von Antje Adamson orientieren sich an den sechziger Jahren und natürlich ebenfalls an dem reichen Fundus der „Schachwelt“. Für den dramaturgischen Feinschliff der Show sorgt Andreas Bronkalla.


Am Ende kann es nur Verlierer geben ...

Als Sänger der im Orchestergraben mitwirkenden Band konnte Andy Kuntz bereits einiges an Musiktheatererfahrung sammeln (zuletzt in dem Stück ‚Abydos’ – ebenfalls am Pfalztheater) – in der etwas undankbaren Rolle des Anatoly Sergievsky überzeugt er vor allem gesanglich und meistert mit „Anthem“ auch einen der bekanntesten Songs des Stückes. Weitaus mehr Material bietet da schon die facettenreiche Figur des Frederick Trumper, den Randy Diamond als rauschgift- und medikamentenabhängigen Grobklotz darstellt. Astrid Vosberg verfügt über die nötige Ausstrahlung, die die zentrale Rolle der Florence Vassy erfordert und überzeugt zudem mit einer respektablen gesanglichen Leistung. Mit außerordentlich viel Rollenpräsenz vermag Alexis Wagner als Alexander Molokov zu begeistern, dem mit „The Soviet Machine“ sogar der Showstopper des Abends gehört. Ulrich Wewelsiep zeichnet den Schiedsrichter (Arbiter) als gestressten und genervten Funktionär, wodurch leider dessen Stellvertreterfunktion für die Macht und Erhabenheit des königlichen Spiels verloren geht. In der Rolle von Anatolys Ehefrau Svetlana Sergievskaja ist Anna Carolin Stein zu sehen, während Günther Fingerle den amerikanischen Delegationsleiter Walter de Courcey gibt.

 

Johannes Reitmeiers Zugriff auf ‚Chess’ für die Bühne des Pfalztheaters Kaiserslautern darf also getrost als rundum gelungener Erfolg bezeichnet werden. Als sein größtes Verdienst ist hervorzuheben, dass er die Stärken des zu Unrecht oft als wenig bühnentauglich bezeichneten Werkes detailscharf herauszuarbeiten vermag. Wenn etwa die Protagonisten im Verlauf der „The Deal Part 1-3“ – Sequenz wie fremdgesteuert inmitten der Schachfiguren verzweifelt ihren eigenen Weg suchen und dabei ihre hilflosen Züge unternehmen, offenbart sich das Potenzial dieses intelligent konstruierten Werkes nur allzu deutlich. ‚Chess’ in dieser Fassung taugt zur Referenzinszenierung für den deutschsprachigen Raum – nach über 20 Jahren ist ein Musical endlich sowohl in seiner gesamten theatralischen als auch musikalischen Qualität bei uns angekommen.


Musical, das begeistert! - CHESS am Pfalztheater Kaiserslautern