‚3 Musketiere’ in Stuttgart

 

 

von Markus Zeller (November 2006)

 

 

 

„Don’t mention the B-word!“ Alles sollte in Stuttgart anders werden und nichts mehr an Berlin erinnern – so zumindest die vollmundige Ankündigung durch leitendes Stage-Entertainment-Personal vor Ort noch unmittelbar vor der Premiere des Musicals ‚3 Musketiere’ am 12. November 2006. Ebenso selbstbewusst geriet die Einschätzung, dass die Romanvorlage von Alexandre Dumas „wohl nicht besser umzusetzen sei“. Vor allem die viel größere Bühne im Apollo Theater sollte es richten – angesichts solcher Aussagen darf man sich getrost fragen, was sich in diesem Moment die allesamt gestandenen kreativen Kräfte der Unternehmung gedacht haben, denn die müssten es eigentlich wissen, dass das Problem dieser Show noch nie eine zu kleine Bühne war.


Ein bisschen LION KING ... / Fotos: © Stage Entertainment

Wahrscheinlich gibt es diesen neuerlichen Stuttgarter Versuch nur aus dem Grund, weil es sich bei diesem Werk um ein Kind von Joop van den Ende handelt – dem Eigentümer und Chef der produzierenden Stage Entertainment. Es ist das Dilemma dieses höchst erfolgreichen und gleichsam honorigen „Unterhaltungsunternehmers“, dass seine international agierende Produktionsfirma mit Lizenzproduktionen – also eingekauften „fertigen“ Werken – Umsatz ohne Ende erwirtschaftet, während hingegen keine seiner Eigenproduktionen bislang den ganz großen Durchbruch schaffte. Es gibt kein ‚Phantom der Oper’ von Joop van den Ende – obwohl er es erfolgreich auf die Bühne zu bringen vermag, wird es doch nicht mit seiner Stage Entertainment in Verbindung gebracht, er transferiert ebenso erfolgreich unter eigener konzeptioneller Federführung ‚Elisabeth’ nach Holland und Deutschland und niemand denkt dabei an seinen Namen – zu übermächtig sind die künstlerischen „Originalväter“ dieser Produktionen. Nur vor diesem Hintergrund ist der fast schon als exorbitant zu bezeichnende Ressourceneinsatz für ein Stück wie die ‚3 Musketiere’ erklärlich – da will jemand der Welt ein Musical schenken, ob sie es will oder nicht.

 

Damit sie es auch will – um das zu wissen, ist er Geschäftsmann genug – muss man für den potenziellen Kunden auch einen ordentlichen Anreiz schaffen. Daher wurden sowohl die holländische Originalproduktion in Rotterdam (Premiere am 30. März 2003) als auch die deutschsprachige Erstaufführung im Berliner Theater des Westens (Premiere am 06. April 2005) jeweils mit dem allerfeinsten Musicaldarstellerpersonal ausgestattet, nach dem sich der Musicalliebhaber die Finger leckt und angesichts der ungewohnt hohen Konzentration an beliebten Stars in nur einer Show geradezu in Entzückung gerät. Zumindest in Holland bescherte dies neue Vorverkaufsrekorde – bei rein objektiver Betrachtung handelt es sich bei diesem Musical also um ein Erfolgsstück. Ist es aber nicht – dies mag auch die inzwischen respektable Anzahl an Produktionen nicht zu verschleiern.


... eine schöne Blondine ...

Auch in Stuttgart sind die Darsteller wieder handverlesen und geben ihr Bestes: Allen voran Pia Douwes, die nunmehr bereits zum dritten Mal in die Rolle der intriganten Milady de Winter schlüpft und erneut Zeugnis über ihren darstellerischen und gesanglichen Reichtum ablegen darf. Ebenso Ethan Freeman, der im Gegensatz zu seinem Berliner Vorgänger (Pardon – das B-Wort ...) Uwe Kröger als Kardinal Richelieu ein wenig mehr den frommen Kirchenmann betont. Gegen die beiden Musical-Schwergewichte fällt die Besetzung der jugendlichen Hauptrollen allerdings deutlich ab – weder Nadine Schreier als Constance noch Thomas Hohler in der Rolle des tapferen d’Artagnan können da mithalten – beiden fehlt die Präsenz und dem Junghelden vor allem das Stimmvolumen. Mit Ann Christin Elverum (Königin Anna) und Kevin Tarte (Herzog von Buckingham) sind natürlich auch die Sekundärparts zielgruppenorientiert – sprich publikumswirksam – besetzt.

 

Somit wurde also auch in Stuttgart alles richtig gemacht, möchte man meinen – so wie von Anfang an bei diesem Stück vermeintlich alles richtig gemacht wurde. Für die Musik und Songtexte holte man sich niemand Geringeres als die beiden ‚Falco’-Macher Rob und Ferdi Bolland, die bereits in den Achtzigern ihre Musik mit Theatralik anzureichern wussten und als Hollands Exportschlager Nummer Eins damit die Welt eroberten – beste Voraussetzungen also für die Mitarbeit an einem Musical aus holländischer Erfolgsschmiede. Die Story (die Romanvorlage wurde für diese Fassung von André Breedland bearbeitet) kennt ebenfalls die ganze Welt und ist darüber hinaus allemal musicaltauglich, wie andere Adaptionen bereits erfolgreich bewiesen. Was gehört noch zu einem Musical-Welterfolg? Neben prächtigen und vor allem teuren Kostümen (Yan Tax) natürlich ein einzigartiger Schauwert – im Idealfall dramaturgisch geschickt eingebettet, so was wie der Kronleuchter aus dem ‚Phantom’ oder der Hubschrauber aus ‚Miss Saigon’. Kein Problem – zu Beginn des zweiten Aktes sehen wir den jugendlichen Helden in einem fast auf Originalgröße getrimmten Schiff (Ausstattung: Eric van der Palen) auf großer Überfahrt über den Ärmelkanal nebst Unwetter und Fast-Havarie. Toll – dazu ein paar schmissige Fechtszenen (von Malcolm Ranson einstudiert) – fertig ist der weltumspannende Musicalerfolg. Oder?


... eine geballte Ladung Starpower ...

Nein, nein und nochmals nein. So nicht, Herr van den Ende! Auch in Stuttgart wird Ihnen das Musicalpublikum, auf dessen Begierden Sie auf so durchschaubare Art und Weise spekulieren, langfristig die Gefolgschaft verweigern. Warum? Undankbarkeit? Nein – aber das falsche Musical. Wir sehen ja den vielen guten Willen, der sich hinter dem ganzen Aufwand verbirgt – aber es funktioniert einfach nicht. Warum nicht? Das mögen Ihnen die Kreativen beantworten, die hierfür verantwortlich zeichnen und im Rahmen ihrer Auftragsarbeiten so kreativ nicht waren. Wie eingangs bereits erwähnt war deren Problem bisher nämlich nicht eine zu kleine Bühne, sondern vielmehr die uninspirierte Arbeit, die sie zu diesem Stück ablieferten. Fiel etwa dem bislang kongenialen Komponisten-Brüderpaar zu diesem Thema nichts anderes ein als das simple „Einer für alle, und alle für einen!“? Mit Verlaub – der Song hat zwar seinen Wiedererkennungswert und ist mit Sicherheit auch dienlich in der Sache, aber etwas Ähnliches hätte wohl jeder Auftragskomponist aus dem Hut gezaubert. Aus dem müden und einfallslosen Musicaleinheitsbrei (Musikalische Leitung in Stuttgart: Michael Reed) vermag einzig „Engel aus Kristall“ hervorzustechen, dem man den unbedingten Willen zum Hit anhört und mit dem die Brüder Bolland wieder alte Klasse aufblitzen lassen. Wenn sämtliche Songs diese Qualität hätten, könnte man wenigstens darüber streiten, ob diese Form von Musik noch zeitgemäß ist oder die richtige Umsetzung für den zugrunde liegenden Stoff darstellt, aber so ...


... noch eine Prise Song and Dance ...

Und was bitteschön hat ein Schiff mit den 3 Musketieren zu tun? Ist das die Super-Mega-Idee, mit der Kronleuchter und Hubschrauber getoppt werden sollen? Dem Hubschrauber etwa – eingebettet in eine dramatische Schlüsselszene – liegen weltberühmte historische Fotos und ein aufwühlendes Stück Zeitgeschichte zugrunde, während die Überfahrt in der Geschichte der ‚3 Musketiere’ lediglich eine abzuarbeitende dramaturgische Pflichtübung darstellt. Kein Mensch – selbst die Marketingabteilung der Stage Entertainment nicht – bringt ein Schiff mit diesem Stoff in Verbindung. Wenn dem so wäre, fände man es im Logo zur Show wieder, das hingegen treffsicher auf Rose und Degen setzt. Aber – das größte Problem ist die Umsetzung des Stoffes, wofür in letzter Instanz stets der Regisseur verantwortlich zeichnet – in diesem Fall Paul Eenens, der sich nun in Stuttgart bereits zum dritten Mal an der romantischen Abenteuergeschichte versucht und dabei leider aufs Neue scheitert. Auch seiner Arbeit haftet mühlsteinschwer die Bemühtheit um den großen Erfolg an – umso trauriger das Ergebnis: Keine Spannung, keine Romantik und vor allem keinen Witz vermag dieses Stück zu vermitteln – angesichts des Stoffes schon fast ein Kunststück. Auch Eenens wollte alles richtig machen und lässt daher jedem Aspekt der Geschichte ihren Raum – leider ohne einen Schwerpunkt zu setzen. Im Ergebnis steht daher eine lediglich belanglose Aneinanderreihung dramatischer Spielwiesen, die nie weiter verfolgt oder gar vertieft werden und die sich schon gar nicht zwingend voneinander ableiten, so dass sich der Handlungsverlauf ebenso überfrachtet darstellt wie die gesamte Show. Unnötig aufgebläht um eine nie Relevanz entfaltende Vater-Sohn-Beziehung sowie den klerikalen Reflexionsphantasien eines kriegerischen Kirchenmannes schleppt sich die Handlung dröge voran und verschenkt dabei immer wieder Möglichkeiten, wie sie sich etwa aus dem dramatischen Beziehungsgeflecht zwischen Athos und Milady de Winter geradezu aufdrängen. Und: Lustig sollten die ‚3 Musketiere’ nach Möglichkeit auch sein – spätestens seit Richard Lesters popkultureller Referenzverfilmung aus den Jahren 1973 und 1974 weiß man das. Daher sind – oh wie lustig – die Hau-Drauf-„Actionszenen“ mit dem entsprechenden Tonmaterial untermalt und der Möchtegernehemann der schönen Constance bekommt zur Not auch mal ein Baguette am ganzen Stück in den lüsternen Rachen geschoben – ich lach mich tot … Auch in Sachen Witz und Komik werden sämtliche Möglichkeiten verschenkt – keine gezielt gesetzten frivolen Spielereien wie in der Verfilmung, kein Ansatz von Ironie und nirgendwo ein Augenzwinkern – der naive d’Artagnan singt „Alles, was ich will, ist alles“, der Zuschauer bekommt jedoch außer Produktionsprotz nichts, gar nichts.


... fertig ist das Musketier-Allerlei!

Am Ende ist dann doch wieder alles wie in Berlin – die angekündigten Änderungen beschränken sich auf die Ausweitung des Songs „Wo ist der Sommer?“ auf ein Duett zwischen Milady de Winter und Athos, ein paar Überarbeitungen der weiterhin nur als platt zu bezeichnenden Dialoge (übersetzt von Ruth Deny) sowie auf eine neue Actionszene für d’Artagnan, der aufgrund der baulichen Gegebenheiten im Apollo Theater nunmehr in einer Szene seinen Auftritt auf die Bühne effektvoller gestalten kann – womit wir wieder beim Hoffnungsträger dieser Show wären ... Natürlich spendete das mit solch hehrem Aufwand entertainte Publikum seinen freundlichen Applaus, natürlich wird diese Show wieder ihre „Boah, das war geil!“-Zuschauer haben, natürlich wird sich das fachkundigere Publikum nicht die illustre Darstellerschar entgehen lassen – nur werden sich die Auslastungszahlen allerdings wohl auch wieder an Berlin orientieren, denn die Geburt eines neuen Showerfolgs fühlt sich anders an.

 

Wie schön alles hätte werden können – falls tatsächlich alles richtig gemacht worden wäre – ist jeweils zu Beginn der beiden Akte zu spüren: Die dramaturgische Klammer in Gestalt der Gauklertruppe, die in die Geschichte einführt respektive sie sogar furios weitererzählt, funktioniert außerordentlich gut, ist originell und pfiffig geschrieben und passt darüber hinaus noch hervorragend zum Sujet der Geschichte. Und selbstverständlich ist sie sehr gut besetzt – in der Rolle des Conférenciers zeigt Stefan Poslovski außerordentlich viel Spielfreude und hinterlässt trotz nur kurzer Auftritte einen nachhaltigen Eindruck. Gleiches gilt für die eigentliche Truppe der ‚3 Musketiere’, die mit Marc Clear (Athos), Enrico De Pieri (Porthos) und Jens Janke (Aramis) ebenfalls fast zu hochwertig besetzt erscheint, da sämtliche Darsteller aufgrund fehlender Möglichkeiten nicht viel von ihren Fähigkeiten zeigen können. Was für ein verschwendetes Potenzial – wie in Berlin eben …


Einziger Lichtblick: Der Conférencier erzählt die Geschichte der 3 Musketiere / Foto: © Stage Entertainment