‚Musicalstars in Concert’: Andreas Bieber - „No Frontiers“
 
 
von Markus Zeller (Februar 2007)
 
 
 


Foto: © Moritz Schell

„Er ist schon süß, ´ne?!“ Ob sich der Künstler im Vorfeld von seinem Publikum derlei oder ähnliche Reaktionen auf seinen Auftritt erhoffte, darf zumindest stark bezweifelt werden. Wirklich ärgern wird er sich nicht darüber, ist doch solch ein verklärtes Fazit wie das der jungen Frau in der Reihe hinter mir zu ihrer verzückten Sitznachbarin, die ihr ebenso begeistert klatschend zustimmt, nichts anderes als ein Beleg für die Beliebtheit eines Künstlers. Darauf angelegt hat er es jedoch nicht, denn während des vorangegangenen zweieinhalbstündigen Programms hat er erfolgreich unter Beweis gestellt, dass er eben viel mehr ist als es ihm dieses Attribut zu bescheinigen vermag, nämlich in erster Linie ein ernsthafter Interpret mit einem erwachsenen Repertoire. Die Rede ist von Andreas Bieber, der eben erfolgreich sein neuestes Soloprogramm vorgestellt hat. Nach seinem ersten etwas unglücklichen Solo-Gehversuch – dem Pop-Album ‚Stand Together’ aus dem Jahr 1998, das sich mit großem „Happiness“-Faktor an ein ausschließlich jugendliches Publikum wandte und dem Programm ‚You walk with me’, das er vor 3 Jahren zusammen mit Paul Kribbe präsentierte, hieß es nun am 25. Februar 2007 im Ebertbad Oberhausen „No Frontiers“.

 

Bereits die flotte Eröffnung „Love Shine A Light“ signalisiert, wohin es an diesem Abend gehen soll – die 7-köpfige Begleitband unter der musikalischen Leitung von Bernd Höfer kleidet den berühmten Katrina & The Waves – Song in ein dynamisch-druckvolles musikalisches Gewand, das an den mainstreamtauglichen keltischen Folk-Rock-Stil solcher Formationen wie Runrig oder Clannad orientiert ist. Dabei sucht Andreas Bieber sofort den Kontakt zu seinen Zuhörern – er ist im allerbesten Sinne ein Publikumsdarsteller – einer, der von jetzt auf gleich eine Brücke zwischen sich und den Besuchern aufbauen kann. Der Mary-Black-Song „No Frontiers“ wird von Akkordeon, Querflöte und akustischer Gitarre begleitet und bringt das musikalische Motto des Abends zum Ausdruck, denn jeder vorgestellte Titel seines Soloprogramms soll für ihn grenzerweiternde Wirkung entfalten, wie der Musicaldarsteller gleich zu Beginn erklärt und sich im gleichen Atemzug auch nicht davor scheut, in seiner unvergleichlichen sympathischen Art ausgiebig sein Lampenfieber ob dieser Ausgangssituation zu thematisieren.

 

Es ist ein intelligentes und ambitioniertes Programm, das er an diesem Abend präsentiert – sperrig und unterhaltsam zugleich. Konzipiert und initiiert wurde es von Andreas Luketa, der hiermit der noch jungen Biographie der ebenfalls unter seiner Ägide produzierten Veranstaltungsreihe ‚Musicalstars in Concert’ einen neuen wichtigen Meilenstein hinzufügt, denn erstmals wird im Ebertbad nicht ein bereits bestehendes Konzept vorgestellt, sondern ein eigens hierfür entwickeltes Solo-Programm, das somit eine echte Premiere oder – um im Jargon zu bleiben – eine waschechte Uraufführung darstellt. Dieses hat Andreas Luketa klug und mit viel Feingefühl auf den Künstler abgestimmt. Dabei tappt er nicht in die Falle, für einen etablierten Musicaldarsteller eine Abfolge der scheinbar beliebtesten Musicalhits zusammenzustellen. Vielmehr bedient er sich zumeist branchenfremder Bestände und fischt hieraus mit stilsicherer Hand Songs, die allesamt aus bewährter und somit substanzreicher Feder stammen und gibt sie dem Künstler an die Hand, damit er diese mit seiner Interpretationsfähigkeit mit neuem Leben erfüllen kann. Bestes Beispiel hierfür ist der Hitparadenerfolg „Wonderful Life“, den der Sänger Black seinerzeit recht emotionsarm interpretierte und der zudem im Korsett eines hitparadenkompatiblen Rhythmusmusters steckte. Andreas Bieber führt diesem Titel mehr Dramatik und Tiefe zu und nutzt hierfür all seine Möglichkeiten, die ihm als Musicaldarsteller zueigen sind. Andreas Luketa begnügt sich jedoch nicht nur mit der Rolle des konzeptionellen Gestalters, sondern steuert darüber hinaus sogar noch die deutschen Texte zu einigen Songs bei. So etwa für den melancholischen Josh-Groban-Song „So She Dances“ („Und dann tanzt sie“), mit dem Andreas Bieber in einer wunderschön traurigen Interpretation das Stimmungsbild einer Situation beschreibt, in der er während seiner Studienzeit in Wien seine Ballettlehrerin beim einsamen Tanz beobachtete. Zum einen ein Beleg für die äußerst gelungene Zusammenarbeit zwischen Produzent und Künstler und zum anderen ein ebenfalls grenzerweiternder Schritt für den Produzenten auf die Kreativseite – Chapeau, Herr Luketa!

 

Neben den Folk-Rock-Songs beinhaltet das Programm auch eine „französische Trilogie“, die dem Künstler einen Ausflug in die textlastigen und gefühlvollen Gefilde des Chansons ermöglicht. Andreas Bieber beginnt diesen mit einer deutschsprachigen Version des Charles-Aznavour-Hits „She“. Weiter geht es mit dem „Zug nach Paris“, der Einblicke in die Welt der Begierde und des Verlangens gewährt und vom Rausch des Eintauchens in hastige und flüchtige Gefühle erzählt. Obwohl ein deutsches Werk – ein Titel von Georgette Dee – französischer kann aus deutscher Sicht ein Chanson nicht sein. Doch auch in Frankreich darf es ruhig mal unbeschwert zugehen – Radiostationen aufgepasst: Der Celine-Dion-Song „Je Lui Dirai“ in der Fassung von Andreas Bieber taugt mit seiner ausgelassenen Stimmung zum Sommerhit des Jahres!

 

Prägendes und herausragendes Element des Programms „No Frontiers“ sind jedoch anglo-keltische Klänge – den beeindruckenden Höhepunkt hierzu liefert der bei uns vor allem als die „Sturmflut-Hymne“ bekannt gewordene Song „You Raise Me Up“ durch seine geschickt aufbereitete Dramaturgie. Diese nimmt ihren Anfang mit dem Auftritt von vier Dudelsackspielern, die nach der Pause zur Überraschung aller das musikalische Kommando übernehmen. Ein toller Effekt, den sich seinerzeit etwa auch Altmeister Mike Oldfield anlässlich seiner ‚Tubular Bells 2’-Tour bediente. Danach nimmt die Sologeigerin das musikalische Thema auf, um es dann an Andreas Bieber weiterzureichen, der wiederum einen weiteren Überraschungsgast präsentieren kann – Musicalstar Pia Douwes, deren Wege jene von Andreas Bieber erstmals 1986 im Unterhaus Mainz kreuzten, sorgt schließlich dafür, dass der Song zum Duett wird – den Konzertbesuchern wird an diesem Abend in der Tat einiges geboten.

 

Natürlich lässt das Programm den Bereich Musical nicht völlig außen vor. Als nicht besonders glücklich erweist sich jedoch der Mozart!’-Titel „Ich bin Musik“, der sich sowohl hinsichtlich Text als auch Rhythmus als zu sperrig erweist und einfach nicht als Star-Hymne zum Abschluss des ersten Abschnitts funktionieren will. Ganz wunderbar funktioniert dagegen der Elton-John-Song „Electricity“ aus dem Musical ‚Billy Elliot’, mit dem Andreas Bieber in einer zum Teil übersetzten Fassung die Faszination schildert, die sich für ihn aus seiner Arbeit auf der Bühne ergibt: „Es ist wie eine Melodie“ – man glaubt es ihm. Dramatischer Höhepunkt seines Musicalschaffens an diesem Abend ist jedoch ein Song aus dem Werk ‚Hedwig And The Angry Inch’, in dem er zuletzt am Wiener Metropol Theater in der Hauptrolle zu sehen war. Die intensive und eindringliche Interpretation des Songs „Als die Liebe entstand“, der davon erzählt, wie der hochnäsige nahezu vollkommene Mensch durch Götterzorn zweigeteilt wurde und sich seit diesem Zeitpunkt auf der Suche nach seiner zweiten Hälfte befindet, ist einfach hinreißend und beweist, dass er sich ganz und gar auf eine Rolle einzulassen vermag. Abschluss des Programms ist das wohl unvermeidliche Medley mit „seinen“ Musicalhits, eingeklammert von dem Song „Nessaja“ aus ‚Tabaluga & Lilli’.

 

Natürlich entlässt ihn das Publikum nicht ohne Zugabe – Andreas Bieber hat hierfür den Klassiker „Moon River“ vorbereitet – ein Titel, der im Rahmen dieser Reihe nicht zum ersten Mal zu hören ist. Die Zuschauer sind begeistert – vielleicht sollte veranstalterseitig angedacht werden, hieraus eine Tradition erwachsen zu lassen. Das „No Frontiers“-Projekt erweist sich also trotz unangepasster Zusammenstellung zumindest auf der Bühne als publikumswirksam – hoffentlich gelingt es den Beteiligten, den überaus positiven Gesamteindruck mit der bereits angekündigten Studio-Einspielung auf CD zu unterstreichen. Doch nicht nur der Interpret darf sich freuen – auch die Produktionsseite von ‚Musicalstars in Concert’ kann einen weiteren respektablen Erfolg für sich verbuchen. Sollte sich die Veranstaltungsreihe weiterhin so prächtig entwickeln, kann das Ebertbad Oberhausen getrost bald in ‚Musical-Arena’ umbenannt werden – stimmungsvoller geht es in Sachen Musicals derzeit nirgendwo zu. Derweil steht Andreas Bieber am Bühnenrand und nimmt den nach wie vor tosenden Applaus seines Publikums entgegen, in dessen Reihen man sich trotz sämtlicher Konventionsbrüche im Programm vor allem in einem Punkt nach wie vor ganz einig ist ... „Er ist schon süß, ´ne?!“