‚Les Misérables’ in St. Gallen

 

 

von Markus Zeller (März 2007)

 

 


© Theater St. Gallen, Bild: Toni Küng

Es hätte nicht sonderlich viel Chuzpe bedurft, sich eines Stückes grundlegend neu anzunehmen und es insofern auch anzutasten, das bereits 1988 seine deutschsprachige Erstaufführung erlebte und aufgrund der zwischenzeitlich erfolgten Lizenzfreigabe nunmehr auch in einer neuen Inszenierung aufgeführt werden darf und somit im Grundsatz auch einer Neuinterpretation zugänglich ist. Regisseur Matthias Davids – sozusagen eine Art Allzweckwunderwaffe für deutschsprachige Repertoire-Bühnen, wenn es um das Thema Musical geht – setzte für die Schweizer Erstaufführung des Musicaldramas ‚Les Misérables’ am 10. März 2007 jedoch ganz auf die Macht des Bewährten und präsentierte im Theater St. Gallen eine in vielerlei Hinsicht wohlbekannte Inszenierung.

 

Wohlbekannt deshalb, da sie sich weitestgehend an die Original-Cameron-Mackintosh-Produktion hält, die im deutschsprachigen Raum zuletzt im Berliner Theater des Westens als Lizenzaufführung zu sehen war. So präsentiert sich in St. Gallen eine Produktion, die nur Detailfetischisten Abweichungen vom Original erkennen lässt – essentielle Änderungen sucht man jedoch vergebens. Dementsprechend hangelt sich das Produktionsteam an dem Vorhaben entlang, sich nicht zu weit vom Original zu entfernen, es jedoch gleichzeitig so weit zu verlassen, wie es die lizenzrechtlichen Vorgaben nötig machen, da die Originalproduktion eben nicht – trotz aller Nähe – kopiert werden darf. So spärlich wie diese in der Inszenierung stets präsente Grenzlinie ausgeprägt ist, so unwesentlich oder gar unbedeutend sind die Neuerungen: Die Barrikade (Bühnenbild: Mathias Fischer-Dieskau) setzt sich in St. Gallen nicht mehr aus zwei Barrikadenelementen, sondern aus zwei Häuserfassaden zusammen, die revolutionäre Meute bewegt sich zu „Morgen schon“ in altbekannter Manier vor und zurück (Musical Staging: Melissa King), darf nun allerdings den ein oder anderen Schlenker vollziehen und die Kostüme (Noelle Blancpain) kommen einem auch irgendwie bekannt vor – sämtlichen Produktionselementen bleibt somit eine eigene Handschrift verwehrt. Als nennenswerte Änderungen gegenüber dem Original sind lediglich einige Hintergrund-Projektionen zu erwähnen, die die jeweilige Örtlichkeit unterstreichen und dem Bühnenbild insgesamt mehr Tiefe verleihen.


© Theater St. Gallen, Bild: Toni Küng

Regisseur Matthias Davids sucht und findet seine Abgrenzung zum Original in der Personenführung, die ihm durchweg stimmig gelingt. Auch hierfür greift er auf das Rezept zurück, Bewährtes zu belassen und sich anbietende Situationen aufzugreifen. So hebt er etwa in der Liebesszene zwischen Marius und Cosette deren ungestüme und jugendliche Unbedarftheit hervor und sorgt hiermit für eine überaus vergnügliche Nuance. Unter dem stilsicheren Dirigat des Musikalischen Leiters Koen Schoots sorgt das großzügig besetzte Sinfonieorchester St. Gallen mit einem reichen und vor allem stets sauberen Klangbild dafür, dass derlei Emotionen gleichermaßen von der Musik transportiert werden.

 

Mit viel Verve agiert die gesamte Darstellerriege – wenn auch mit unterschiedlichem Erfolg. In der Rolle des Marius gefällt Jesper Tydén mit kräftiger Stimme, während Caroline Vasicek eine leidenschaftliche und betont kämpferische Fantine gibt. Auch Sonja Atlas und Kurt Schrepfer überzeugen als Thénardiers und plündern und pöbeln sich publikumswirksam durch das Stück. Ivar Helgason darf sich als Enjolras ungewohnt kämpferisch präsentieren, während Eva Gullvag Aasgaard als Cosette vor allem gesanglich zu überzeugen weiß. Als typgerecht besetzt erweist sich Lucy Scherer in der Rolle der Eponine, wenngleich sie den ein oder anderen gesanglichen Aussetzer hat. Weitaus problematischer verhält es sich allerdings mit der Besetzung von Valjean und Javert – den Dreh- und Angelpunkten des Revolutionsdramas mit dem humanistischen Appell –, denn beide Darsteller zeigen sich den Anforderungen ihrer Rollen nicht wirklich gewachsen. Obwohl Mathias Edenborn einen passablen und auch stimmigen Inspektor Javert ohne merklichen Akzent gibt, vermag er diese Rolle in ihrer Komplexität nicht vollständig auszufüllen. Auch Oskar Bly schöpft das breite Repertoire des Jean Valjean nicht aus und reduziert seine Interpretation, die durchaus lebhaft und daher auch unterhaltsam gerät, auf die Wut und die Kraft, die Valjean ein Leben lang antreiben. Allerdings walzt seine zum Teil völlig übertriebene und martialische Darstellung die leisen und verletzlichen Züge der Figur einfach nur platt – leider auch gesanglich, noch nie habe ich ein so lautes „Bring ihn heim“ gehört. Als besonders ärgerlich erweist sich zudem, dass er unüberhörbar mit der deutschen Sprache kämpft, von einem Akzent kann in diesem Zusammenhang gar nicht mehr die Rede sein.


© Theater St. Gallen, Bild: Toni Küng

In die Geschichte wird diese Inszenierung von ‚Les Misérables’ also nicht eingehen, dafür fehlt es ihr eines neuen relevanten Inszenierungsgedankens. Allegorien oder aktuelle Bezüge auf die heutige Gesellschaft sind in dieser Produktion ebenso nicht auszumachen. Schade, denn gerade Matthias Davids, der Geschichten so gerne in einem anderen historischen Kontext ansiedelt, sperrt sich ausgerechnet in diesem Fall vor dieser hochinteressanten Aufgabe, derer man sich in Zukunft mit Sicherheit noch annehmen wird – zu verlockend erscheinen die Angebote, die das Stück hierzu bereitwillig offeriert. Liebhaber der klassischen Fassung des Boublil/Schönberg-Werkes sind jedoch bei dieser Produktion allerbestens aufgehoben. ‚Les Misérables’ in St. Gallen – routinierter und bewährter Barrikadenkampf in der Schweizer Musicalhochburg!


Alles wie gehabt - Les Misérables in St. Gallen / Foto: © Theater St. Gallen, Bild: Toni Küng