‚Musicalstars in Concert’: Felix Martin - „Livehaftig!“

 
 
von Markus Zeller (Oktober 2007)
 
 
 


Felix Martin ... / Foto: © Markus Zeller

Nein – geklont ist er tatsächlich nicht, auch nicht von der Musikindustrie trügerisch in Szene gesetzt, wie er in der Eröffnungsnummer „Livehaftig“ zur Musik von „Don’t rain on my Parade“ aus ‚Funny Girl’ ausdrücklich betont. Felix Martin – schon seit vielen Jahren einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Musicaldarsteller – ist ein echter Vollblutkünstler, der immer wieder Neues ausprobiert und hierfür auch gerne die Grenzen des Musicalgenres hinter sich lässt. Anlässlich der Premiere seines neuen Soloprogramms „Livehaftig!“ am 30. September 2007 wusste er hiervon erneut ein vollbesetztes Ebertbad in Oberhausen zu überzeugen, in dem er bereits ein Jahr zuvor erfolgreich mit dem Vorgängerprogramm Station machte. Während sich dieses noch zu großen Teilen aus den Songs seiner vielen Musicalerfolge zusammensetzte – angereichert um einige Exoten und unterhaltsame Ausflüge in andere Sparten – stellt „Livehaftig!“ den geglückten Versuch dar, dem in jüngster Zeit wiederentdeckten Phänomen um Live-Auftritte auch konzeptionell beizukommen.

So reproduziert er die einzelnen Titel nicht nur, er bereitet sie auf und führt sie hierdurch einer neuen Ausdeutung zu. Den ‚Mann von La Mancha’-Hit „Der unmögliche Traum“ etwa – derzeit aktuell mit Boxer-Rückkehr-Phantasien belegt – präsentiert er völlig gegen den Strich. Obwohl dies nahe liegend und einer Zurschaustellung sängerischen Vermögens dienlich wäre, versagt er dem Song die Interpretation als Hymne und lässt ihn lieber wie einen just in diesem Moment entstehenden Brief wirken, der Wort für Wort erkämpft und Zeile für Zeile ausformuliert werden will. Durch die bewusst gewählte Platzierung im Ablaufprogramm, das den hierzu stimmigen Kontext liefert, entsteht einer der schönsten Momente von „Livehaftig!“, der einem vermeintlich schon zu Tode gesungenen Song neues Leben einzuhauchen vermag. Effekte dieser Art erzielt der Künstler einmal – wie in diesem Fall – durch dramaturgische Kunstgriffe, einmal durch sein Spiel wie bei dem Peggy-Lee-Hit „Fever“ und einmal visuell wie bei der „Singin’ in the Rain“-Nummer, mit der er auf den verregneten Sommer Bezug nimmt und mit wenigen Requisiten und viel Publikumskontakt einzigartige Stimmungsbilder mit Schauwert entwirft. All diese Programmpunkte entziehen sich der Vermittelbarkeit durch ein anderes Medium – nur „live“ machen sie wirklich Sinn.


... präsentiert in Oberhausen ... / Foto: © Markus Zeller

Am Flügel sorgt Marina Komissartchik derweil dafür, dass sich das Bühnenprogramm auch musikalisch wie aus einem Guss präsentiert: Filigran spürt sie in ihrem Spiel stil- und vor allem stückkundig jeder Nuance nach, glänzt dabei ein ums andere Mal mit ihrer Virtuosität und gewährt doch mit viel Einfühlungsvermögen dem Solisten jederzeit die notwendige Präsenz. Ihr Beitrag zum Gelingen dieses Live-Programms ist weitaus mehr als bloße Begleitung – der Interpret weiß um diesen glücklichen Umstand und bedankt sich im Rahmen eines ‚West Side Story’-Medleys bei seiner Pianistin, indem er den Song „Maria“ in „Marina“ umwandelt.

Auch ein experimentierfreudiger Darsteller wie Felix Martin kommt jedoch nicht umhin, sich innerhalb des eigenen Soloprogramms in einem merklichen Umfang den eigenen Bühnenerfolgen zuzuwenden – für „Livehaftig!“ greift er zu diesem Zweck auf Titel zurück, die im Vorgängerprogramm keine Berücksichtigung fanden. So gibt er mit viel Spielfreude den Spiegelmann aus ‚Freudiana’ und begeistert die Zuschauer mit einem ‚Elisabeth’-Medley. Auch dieser „Best of Elisabeth“-Block – inhaltlich weniger interessant, da aus den üblichen Verdächtigen bestehend – vermag vor allem durch seine szenische Aufbereitung zu überzeugen, die weder eine teure Bühnentechnik noch ein großes Orchester vermissen lässt. Die eingangs beschworene Magie der Bühne, die sich eben nur live vermitteln und erleben lässt, entfaltet in diesen Momenten ihre wunderbare Wirkung.

Wenn Felix Martin die Premiere seines neuesten Soloprogramms feiert, darf hierin natürlich eine Figur nicht fehlen: Anlässlich der obligatorischen Parodieeinlage schaut mit Inge Meysel auch noch seine größte Kritikerin („Sie illustrieren immer alles so!“) bei ihm auf der Bühne vorbei – und diesmal singt sie sogar! Für diesen besonderen Anlass hat sie sich auf ein Duett vorbereitet und versucht sich gemeinsam mit dem eben mal schnell zusammengestauchten Jungspund an dem Sinatra-Klassiker „Something Stupid“– selbstverständlich nur in Deutsch („Was kann ich denn dafür?“) und mit Tanzeinlage. Eine köstliche Idee, mit ‚Inge und Felix’ ein ganz und gar ungewöhnliches „Gesangsduo“ zu präsentieren, das in fragwürdiger Tradition zu Nicole Kidman und Robbie Williams steht und hinsichtlich der schnellen Abfolge an Rollenwechseln ein Spannungsfeld erzeugt, wie man es ansonsten nur von der Titelrolle in ‚Jekyll & Hyde’ kennt. Tolle Idee, noch besser umgesetzt.


... sein neues Soloprogramm: / Foto: © Markus Zeller

Mit „Livehaftig!“ hat Felix Martin ein vielschichtiges und abwechslungsreiches Soloprogramm vorgestellt, das aufgrund seines konzeptionellen Ansatzes den Vorgänger noch zu übertreffen vermag. Immer wieder greift der an Bühnenerfahrung reiche Darsteller das Thema auf und präsentiert originelle Comedy-Nummern wie eine Analyse über unterschiedliche Schlussapplaus-Typen, mit der er schwergewichtige Opernsängerinnen, Ballettmitglieder und natürlich auch Musicalkollegen in Bezug auf ihre Verbeugungsrituale vor dem Publikum treffsicher kategorisiert. Doch damit nicht genug: Stimmgewaltig präsentiert er Musicalstandards wie „Anthem“ oder „Ich bin, was ich bin“ , überrascht mit Lyrik von Erich Fried, unterhält mit Anekdoten über persönliche Casting-Erlebnisse und bedient sich mit Songs wie „That´s Life“ im Repertoire großer Entertainer – Felix Martin begeistert mit großer künstlerischer Bandbreite und unterhaltsamer Mixtur. Dazu gehören natürlich auch intime und bewegende Momente – nach vielen Zugaben verabschiedet er sich mit dem von Michael Kunze ins Deutsche übertragenen Titel „The Rose“ von seinem Publikum – ein wunderschöner Song, der in der Interpretation von Bette Midler zu Weltruhm gelangte. Großer, verdienter Applaus für Interpret und Pianistin zum Schluss.

Es spricht für das bereits erworbene Renommee der noch jungen Veranstaltungsreihe ‚Musicalstars in Concert’, dass Künstler diesen Rahmen nicht mehr nur für bereits bestehende Produktionen nutzen, sondern inzwischen zusehends das Ebertbad Oberhausen auch als Premierenbühne für sich entdecken. Den beiden Machern Andreas Luketa und Markus Tüpker ist somit das Kunststück gelungen, ihrer Konzertreihe innerhalb kürzester Zeit eine unverwechselbare Kontur und ein künstlerisch hochwertiges Profil zu verleihen. Felix Martin hat dieser kleinen Erfolgsgeschichte mit der Premiere von „Livehaftig!“ ein weiteres Kapitel hinzugefügt ...


"Livehaftig!" / Foto: © Markus Zeller