Wicked – Die Hexen von Oz’ in Stuttgart

 
 
von Markus Zeller (November 2007)

   


Zauberhüte und Zauberbesen ...

Alles nur fauler Zauber und Betrug: Bislang wollte uns das Hollywood-Filmmusical „The Wizard of Oz“ glauben machen, die kleine gutgläubige Dorothy aus dem beschaulichen Kansas hätte gemeinsam mit ihren Freunden, einer geistig minderbemittelten Vogelscheuche, einem herzlosen Blechmann sowie einem mutlosen Löwen, die Bewohner des Landes Oz von den üblen Machenschaften der bösen grünen Hexe des Westens befreit. Blödsinn, alles nur ein Fake! Tatsächlich handelt es sich bei dem Strohkopf in Wirklichkeit um einen rassigen Liebhaber, bei dem wandelnden Blechnapf um einen trotteligen Möchtegern-Liebhaber und bei dem neurosengebeutelten Zottelvieh gar um das Opfer eines machtpolitisch motivierten Tierversuchs. Und die böse grüne Hexe? Sie ist der Schlüssel zur Wahrheit – sie und die gute Hexe Glinda, das ist die mit dem Seifenblasentick. Mit Sicherheit aber nicht dieses Landei Dorothy, die mit geklauten roten Schuhen ausgestattet einen gelb gepflasterten Weg entlang trampelt, nachdem sie kurz zuvor noch in heimatlichen Schwarz-Weiß-Gefilden ihr „Somewhere over the Rainbow“ geschmachtet hat. 

Diese und noch einige weitere amüsante Erkenntnisse über das tatsächliche Geschehen im Zauberland Oz verdankt das deutsche Publikum dem Musical ‚Wicked’, das am 15. November 2007 im Stuttgarter Palladium Theater vier Jahre nach der Uraufführung am Broadway endlich seine Deutschlandpremiere feiern konnte. Es darf jedoch bezweifelt werden, ob sich den deutschen Zuschauern jede der vielen detailverliebten Anspielungen auf das Original und somit die Gesamtkomplexität des Stückes tatsächlich erschließen wird. Während L. Frank Baums Buch aus dem Jahr 1900 praktisch zum angloamerikanischen Kulturgut gehört, reduzieren sich die hiesigen Kenntnisse über den Stoff zumeist lediglich auf den zauberhaften Farbfilm mit Judy Garland, was bei den allermeisten erwachsenen Zuschauern jedoch auch schon eine Weile her sein dürfte. Schon der Titel ‚Wicked’ birgt eine spielerische Mehrdeutung in sich und wird den ein oder anderen nicht in der Tiefe informierten Besucher ein wenig ratlos lassen. Derlei Bedenken scheint die produzierende Stage Entertainment jedoch auf eine höchst erfrischende Art zu ignorieren, da sie für diese Produktion bislang gültige Vermarktungsstrategien außer Kraft setzt und wie selbstverständlich den mündigen Musicalbesucher bei ihrem Publikum einfordert, denn noch nie wurde diesem so wenig beschützende Fürsorge zuteil wie derzeit in Stuttgart. Noch nicht einmal eine vorhergehende „The Wizard of Oz“ – Produktion wurde für nötig erachtet, um den Stoff, ohne dessen nähere Kenntnis dem ‚Wicked’-Besucher eine wesentliche Informationsebene fehlt, bei uns ein wenig bekannter zu machen. ‚Wicked’ ist derzeit mit weltweit mehr als fünf Millionen Besuchern die zweifelsohne spannendste kommerzielle Musical-Großproduktion, schon alleine aus dem Grund, weil es so gut wie keine internationalen Dauerbrenner mehr gibt. Das deutsche Publikum möge sich nun hiervon selbst ein Bild machen und das Stück annehmen oder eben auch nicht – diese Einstellung des Musicalmarktführers hat was.


... magische Zauberstäbe ...

Ein bisschen Harry Potter, ein bisschen Internats-Mädchenliteratur, viel Fantasy-Elemente und ein wenig „Herr der Ringe“ – Bedeutungspathos nebst vermeintlichem Erlöser(innen)-tod, das ist es, was die Zuschauer nun in Stuttgart erwartet. Angereichert wird diese Mixtur um die originelle Geschichte des US-amerikanischen Schriftstellers Gregory Maguire, auf dessen Beststeller „Wicked – The Life and Times of The Wicked Witch of the West“ das Musical basiert. Original-Regisseur Joe Mantello kreierte hieraus ein waschechtes Broadway-Musical mit viel Schauwert und den hierfür üblichen Dialogszenen ohne Musik. Wieder einmal war es Michael Kunze vorbehalten, ein nahezu nicht zu übersetzendes Musical ins Deutsche zu übertragen. Angesichts der Schwere der Aufgabe kann sich das solide Ergebnis durchaus sehen lassen, wenngleich es nicht zu glänzen vermag. Von einem Autor seines Kalibers erwartet man immer dieses „Besondere“, etwa einen genialen Einfall, der das Original sogar noch aufwertet – derlei Wortschöpfungen finden sich diesmal leider nicht in seiner Arbeit. Am originellsten präsentiert sich seine Übersetzung, die zuvor händeringend immer wieder nach neuen Wortbedeutungen sucht, wenn sie in der Nicht-Übersetzung kapituliert: In den Armen des Geliebten fühlt sich Elphaba zum ersten Mal in ihrem Leben „wicked“ – auch das hat was. Die nicht wenigen Dialogszenen hat Ruth Deny ins Deutsche übertragen. Für den nötigen Budenzauber in Stuttgart sorgt Martin Siebler, der das Bühnenbild weit in den Zuschauerraum hineinragen lässt und in Verbindung mit einem berauschenden Lichtdesign spektakuläre Bilder und Abläufe aus einem Guss schafft. Diese ‚Wicked’-Produktion braucht keinen internationalen Vergleich zu scheuen – nicht zuletzt deswegen, weil die relativ kleine Bühne des Palladiums optimal in Szene gesetzt und hierdurch ein kompaktes und in jeder Hinsicht wirkungsvolles Ergebnis erzielt wird.


... und natürlich Zauberer -

Gleiches gilt für die Besetzung der Solistenrollen, die bei deutschsprachigen Lizenzproduktionen oft zum Sorgenkind gerät. Nicht so in Stuttgart, wo man nach gefühlten 20 Jahren endlich wieder mal das Gefühl hat, auf der Bühne neue Musicalstars mit eigener Strahlkraft entdecken zu können. Vor allem die Niederländerin Willemijn Verkaik vermag zu überraschen, indem sie stimmlich und darstellerisch eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass es für Elphaba auch ohne Idina Menzel ein Leben auf der Bühne gibt. Auch in dieser Hinsicht genügt diese Produktion somit internationalen Ansprüchen, zumal mit Sabrina Weckerlin als alternierende Besetzung der giftgrünen Hexe ein weiteres hoffnungsvolles Talent auf den endgültigen Durchbruch wartet. Nicht minder überzeugend präsentiert sich Lucy Scherer, die eine hinreißend komische Glinda gibt. In der Rolle der platinblonden Barbie-Zicke, ohne die es auch in einem Zauberland nicht geht, erhält sie den meisten Applaus des begeisterten Publikums. In einem von Frauenfreundschaften, Weltverbesserungsabsichten und begehbaren Schuhschränken geprägten Stück gibt es für Männer keinen Platz. Deren Rollen in ‚Wicked’ beschränken sich auf dilettantische Machthaber, oberflächliche Jungs oder schlichtweg auf Idioten. Folgerichtig ist der einzig ernstzunehmende männliche Part der eines sprechenden Geißbocks – Michael Günther gibt den tierischen Dr. Dillamonth. Für Mark Seibert in der Rolle des Fiyero, den er trotz typgerechter Besetzung zu blass anlegt, und Stefan Stara als Moq gibt es da wenig auszurichten. Carlo Lauber ist auch darstellerisch ein Zauberer ohne jegliche Zauberkraft und Ausstrahlung. Angelika Wedekind überzeugt als teuflische Madame Akaber, während Nicole Radeschnig in ihren kurzen Auftritten als Nessarose gesanglich zu gefallen weiß.


In Stuttgart sind die Hexen los!

Mit ‚Wicked’ hat die Stage Entertainment nach langer, viel zu langer Zeit, endlich wieder einmal ein Musical nach Deutschland geholt, das nach allen Regeln des Musicals Spaß macht. Dafür sorgt nicht zuletzt die Musik von Stephen Schwartz, der für das grüne Hexenspektakel druckvolle und theatralische Popmusik, eingängige Balladen und klassische Broadway-Nummern geschrieben hat. Kritische altbackene Mainstream-Geister werden sich freilich daran stören, dass die Partitur den ganz großen Hitparadenhit nicht vorhält, einen, der auch losgelöst vom dramaturgischen Kontext in der Samstagabendshow funktioniert. Schön, dass die Stage Entertainment auch dieses Vermarktungsproblem ignoriert. Bleibt zu hoffen, dass deren Kostenrechner ruhig bleiben oder ruhig gestellt werden, denn nach so viel sich rechnenden Stuss wie ‚Dirty Dancing – Das Original live on Stage’ oder gutgemeinten Fehlschlägen wie die ‚3 Musketiere’ kann Deutschlands Marktführer mal wieder ein wenig Renommee in Fachkreisen vertragen. Diese Produktion kann sie stolz herzeigen – unwürdige Anklatschaktivitäten mittels gebriefter Zuschauergruppen, eine in letzter Zeit in den Premierenveranstaltungen immer häufiger anzutreffende Unsitte, hätte es also gar nicht gebraucht. Wenn das zuletzt so seltsam träge und leidenschaftslos agierende Theaterunternehmen nun in Kürze mit ‚Ich war noch niemals in New York’ auch noch eine ordentliche Uraufführung präsentieren sollte, wäre der so dringend benötigte Richtungswechsel bei Deutschlands Musicalmacher Nummer eins noch in diesem Jahr erfolgreich vollzogen. An ‚Wicked’ zumindest werden hoffentlich viele Zuschauer ihre Freude haben, nicht nur die weiblichen. ‚Wicked’ – „Lord of the Rings“ for Girls!


"Defying Gravity" - Frei und schwerelos! / sämtliche Fotos: © Stage Entertainment