‚Ich war noch niemals in New York’

 

 

von Markus Zeller (Februar 2008)

 

 

 


Die Idee, aus den größten Hits von Udo Jürgens ein Compilation-Musical zu stricken, war eine richtige Idee. Dies beweist die nun veröffentlichte Cast-Aufnahme der am 2. Dezember 2007 im Hamburger TUI-Operettenhaus uraufgeführten Musical-Komödie ‚Ich war noch niemals in New York’. Songs wie „Griechischer Wein“, „Aber bitte mit Sahne“ und „Immer wieder geht die Sonne auf“ sind nach wie vor herausragende Exemplare deutschsprachiger Popularmusik, die auch heute noch – obwohl inhaltlich mit reichlich Patina belegt – ganz wunderbar auf der Bühne funktionieren.

 

Schade nur, dass es den Machern des Musicals an weiteren guten Ideen mangelte, die bewährten Songs in origineller Weise in eine Bühnenhandlung einzubinden. Hierunter leidet leider auch die CD-Einspielung, da es den Interpreten schlichtweg an genügend interpretierbarem Material fehlt – auffällig oft werden nämlich die Lead Vocals durch den Ensemblechor bestritten. Dies liegt vor allem an der fehlenden Vernetzung der Songs mit der Geschichte, wodurch sich viele Titel nicht den agierenden Personen im Stück zuordnen lassen wollen. Zudem setzt das Musical ganz auf den Revueeffekt, indem es mit Masse begeistern will. Bei der mitreißenden Samba-Shownummer „Schöne Grüße aus der Hölle“ funktioniert das zwar auch auf einem Tonträger, bei vielen anderen Songs ist der permanente Chorgesang jedoch mit zunehmender Laufzeit der CD einfach nur störend.

 

Die fehlende innere dramatische Notwendigkeit der meisten Songs mag auch der Grund dafür sein, dass Kerstin Marie Mäkelburg in der Hauptrolle der Lisa, ansonsten Garantin für ausdrucksstarke Interpretationen, auf dieser Aufnahme nicht so recht begeistern will. Am meisten darf Jerry Marwig singen, dessen Stimmfärbung enorm an die von Udo Jürgens erinnert. Als Lisas Zukünftiger

vermag allerdings auch er, obwohl sich unter seinen Songs Hits wie „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ befinden, nicht sonderlich auf sich aufmerksam zu machen. Zum Ärgernis gerät allerdings, wenn die Darsteller – wie im Fall der beiden flüchtigen Rentner, dargestellt von Ingeborg Krabbe und Horst Schultheis – überhaupt nicht singen können. Textzeilen wie „In meinem Herzen flattert leise, ein kleiner bunter Schmetterling, den schickt die Sehnsucht auf die Reise, wenn ich von meinen Träumen sing“ haben es verdient, in einer hinreichenden Qualität gesungen zu werden. Den besten Eindruck hinterlässt – trotz oder gerade wegen der dramaturgischen Irrelevanz seiner Rolle im Stück – Veit Schäfermeier, der überzeugende Versionen solcher Hits wie „Alles, was gut tut“ oder „Ein ehrenwertes Haus“ präsentiert. Als jüngstes Mitglied des Ensembles darf Robert Köhler mit integrierter Rap-Einlage „Mit 66 Jahren“ zum Besten geben.

 

Nähere Umstände zu seinem Zustandekommen möchte dieses Live-Album nicht preisgeben, denn die Produktionsangaben nennen weder den Aufzeichnungstermin noch den Ort der Aufnahme. So bleibt es Spekulationen vorbehalten, ob und in welchem Umfang Nachbearbeitungen des Rohmaterials im Studio erfolgten. Wie so häufig bei Live-Mitschnitten von Musicals wurde allerdings auch diesmal wieder keine befriedigende Lösung hinsichtlich der Publikumsreaktionen gefunden, die auf dieser Aufnahme das Stimmungsbild im Theater dokumentieren und dem Hörer vermitteln sollen, dass es gar lustig zugeht im Hamburger Operettenhaus. Das Resultat vermag allerdings nicht zu überzeugen, da die Ein- und Ausblendungen wenig harmonisch und die Applausgeräusche zudem viel zu steril geraten sind. Musikalisch präsentiert sich ‚Ich war noch niemals in New York’ dagegen in sehr guter Aufnahmequalität, wodurch die ausladenden Arrangements von Michael Reed sowie das begeisternd aufspielende Orchester mit glänzend eingestellter Bläsersektion gut zur Geltung kommen. Im Ergebnis steht weniger ein lupenreines Musical, mit einer Gesamtlaufzeit von mehr als 78 Minuten wohl aber der längste Udo-Jürgens-Mega-Mix aller Zeiten.