Erste Reihe Mitte (Juli 2008)
 
 

„Scheußliche Schlager“! Beim Kursivlesen des äußerst umfangreichen Pressespiegels zur Musicalverfilmung von ‚Mamma Mia!’ dringen diese beiden Worte so stark in den Fokus meiner Wahrnehmung, dass ich noch mal zurückscrollen muss. Tatsächlich: Da sind die ABBA-Songs als scheußliche Schlager bezeichnet worden. Aha, denke ich mir – da liegt ja jemand ein wenig daneben. Die Songs als „scheußlich“ zu bezeichnen, steht jedem Kritiker zu und ist im Rahmen einer bewertenden Berichterstattung als Meinungsstärke einzuordnen. Aber „Schlager“ geht gar nicht, denn der Begriff des Schlagers ist eindeutig und ausschließlich dem deutschsprachigen Kulturkreis zuzuordnen, zu dem die schwedische Pop-Gruppe nun mal nicht gehört. „Schlager“ gibt es nur bei uns, auch wenn sie tatsächlich überall auf der Welt vorkommen – nur heißen sie dort allerdings anders. Insofern kann es schon per Definition keine Schlager von ABBA geben, die aus Sicht des Rezensenten vielleicht blöde Pop-Liedchen oder substanzlose Heuler voller Kitsch gemacht haben mögen, gewiss aber keine „Schlager“ – die sind der Andrea-Berg- und Wolfgang-Petry-Fraktion zuzuordnen. Rein handwerklich gesehen also eine fast grob fahrlässig falsche Kategorisierung, wenn auch mit viel Selbstbewusstsein kundgetan.

 

Aber mein Interesse ist geweckt. Ein Blick auf die Herkunft lässt die Berliner Zeitung als Verbreitungsquelle und eine Kulturredakteurin als gedankliche Urheberin dieser fragwürdigen Bezeichnung erkennen. Der Artikel hat nun meine ganze Aufmerksamkeit. Die Filmjournalistin macht in ihren nun folgenden Ausführungen wahrlich keinen Hehl daraus, dass sie die Musik von ABBA nicht leiden kann – so will sie etwa „unzählige Songs der Marke ‚Das ist der Rhythmus / wo man einfach mitmuss’“ in der ‚Mamma Mia!’-Verfilmung gehört haben. Auch diese zu Papier getragene Assoziationskette lässt verräterisch darauf schließen, in welcher Schublade sie die ABBA-Songs für sich einsortiert, denn bereits Stephan Remmlers Hit „Keine Sterne in Athen“ bezog sich mit dieser Songzeile voller Ironie auf den deutschen Schlager. Irgendwas verwechselt sie da ständig, denke ich mir. Aber es kommt noch besser: In der Einleitung zu ihrer Rezension schreibt sie über ABBA: „…und nun haben sie es, dreißig Jahre später, nach Griechenland geschafft: in Gestalt von Björn Ulvaeus und ihrer Songs. In einer Szene von "Mamma Mia!" sitzt Ulvaeus auf jener bezaubernden griechischen Insel, auf der die Handlung des Films angesiedelt ist, am Klavier (man muss genau hinsehen, um ihn zu entdecken) …“ So genau hat sie da allerdings wohl nicht hingesehen, denn sonst hätte auch sie entdeckt, dass in dem zitierten Bild mitnichten Björn Ulvaeus, sondern vielmehr Benny Andersson zu sehen ist. Gut – die Chancen standen 50:50 und es ging halt daneben – Shit happens, kann passieren. „Darf aber nicht passieren!“ möchte ich ihr am liebsten zurufen, indem ich mich nun meinerseits auf eine Songzeile aus dem deutschsprachigen Liedgut – in diesem Fall von Bürger Lars Dietrich – berufe. Auf diesem Ohr wird sie mich bestimmt verstehen, scheint ja ihr Terrain zu sein. Diese fehlerhafte und gleichsam so vollmundig formulierte Aussage, die dem Leser ganz nebenbei suggerieren soll, dass sich eine solch geniale Beobachtung sowieso nur dem geschulten Kritiker-Auge erschließen kann, offenbart ein ganz offenkundiges Halb- bis Nichtwissen der Autorin über die von ihr so ungeliebte Band. Wer Björn Ulvaeus am Klavier von ABBA vermutet, der würde auch nicht davor zurückschrecken, Pete Townshend am Schlagzeug von The Who zu verorten.

Seinen tatsächlichen Cameo-Auftritt hat sie allem Anschein nach verpasst – wahrscheinlich hat sich die so um Aufmerksamkeit bemühte Kritikerin einfach den Abspann geschenkt.

 

Doch damit nicht genug – die Autorin hat noch weitere faszinierende Gedankengänge – der Artikel entwickelt sich zu einer wahren Fundgrube: „Nein, das hatte man wahrlich nicht gewollt: dass die eigenen Füße zu wippen beginnen (…), dass man dem (…) Geschehen auf der Leinwand immer gebannter folgt und am Ende nicht nur vor guter Laune fast platzt, sondern vor Glück. Peinlich ist es, das alles zu gestehen (…)“. Man mag es kaum glauben – sie schämt sich dafür, dass es ihr gefallen hat. Allenorten freuen sich Menschen darüber, wenn sie gute Laune oder sogar Glück empfinden – nur in Berlin hat eine Kulturredakteurinnenseele irgendwie Probleme damit. Aus welchen Gründen, will sie uns jedoch nicht in dezidierter Form verraten. Weitaus mitteilungsfreudiger ist sie weiterhin in dem Punkt, dass ihr die Verfilmung des Musicals mit den Songs von ABBA ganz bestimmt nicht wegen der Songs von ABBA gefallen hat, was sie im Folgenden noch mit den tollen Figuren des Scripts (da sollte sie mal die Meinung eines Dramaturgen einholen) und mit der Bezeichnung der Musik von ABBA als „dödeldröhnend“ argumentativ zu untermauern versucht. Überhaupt ist alles an dem Film toll, was nichts mit ABBA zu tun hat: Meryl Streep etwa oder auch die „hochangesehene Opernregisseurin, die "Mamma Mia!" schon am Broadway zum Erfolg machte“. Holla, die Dame hat also Anspruch – weiß Opern zu schätzen und um die Bedeutung des Broadways als Musical-Standort. Kein Wort jedoch über das Londoner West End, obwohl dort in Sachen Oper der Schwerpunkt der Arbeit von Regisseurin Phyllida Lloyd liegt und zudem die Bühnenfassung des zu besprechenden Filmes entstanden ist. Dies lässt zweierlei vermuten: Zum einen kennt die Autorin keine einzige Operninszenierung der Regisseurin und zum anderen hält sie den Broadway einfach für das größere Pfund. Mithin wäre beiden Informationen zueigen, dass sie nur deswegen brav dem Pressematerial entnommen worden sind, um die eigene Argumentationslinie zu unterstützen.

 

Jede Nation hat die Berichterstattung, die es sich verdient – dies gilt natürlich auch in Deutschland und natürlich auch in besonderem Maße für die Kulturberichterstattung, die sich hierzulande so schwer tut mit Unterhaltung angelsächsischer Prägung. Wenn wie in diesem Fall wider Erwarten doch etwas gefällt, müssen zumindest Hochkultur und geläufige Synonyme für internationalen Erfolg als Erklärungsansätze her – das gehört sich so. Das in diesem Zusammenhang beschriebene „Schamgefühl“ ist ebenfalls ein durch und durch deutsches Phänomen. Auch wenn die Autorin in dem Artikel ein wenig damit kokettiert – eine selbstironische Brechung vermag ich seinem Inhalt jedoch nicht zu entnehmen, im Kern ist er ernst gemeint. Um es zu wiederholen: Dieser Artikel wurde nicht in einem Hinterländer Anzeiger veröffentlicht, sondern in einer der auflagenstärksten Zeitungen einer Stadt, die so gerne ihre eigene Unterhaltungstradition wie eine Monstranz vor sich her trägt. Insofern taugt diese zufällig gefundene Rezension als Paradebeispiel dafür, mit welcher Grundhaltung sich deutschsprachige Kulturredakteure oft der unterhaltenden Kunst nähern – vor allem auch deshalb, weil sie deren Unbeholfenheit, die sie in diesem Metier so häufig an den Tag legen, exemplarisch offen legt. Auch wenn diese Rezension letztlich „gutgemeint“ war – hier feierten wieder einmal Vorbehalte und gefährliches Halbwissen fröhliche und zugleich besorgniserregende Urständ. Solange „dahingedödelte“ Kritiken wie diese Meinung bei uns machen, wird es in deutschen Landen auch in Zukunft vor allem eines geben: „Scheußliche Schlager“!


Markus Zeller