‚Chess’ in Essen

 

 

von Markus Zeller (September 2008)

 

 


Zwei Widersacher ...

Nach einer Tourneeproduktion sowie Aufführungen in Kassel, Kaiserslautern, Nordhausen, Ettlingen und Dresden stellte sich anlässlich der Premiere am 13. September 2008 im Aalto-Musiktheater Essen die nunmehr siebte Inszenierung des Musicals der beiden Abba-Macher Benny Andersson und Björn Ulvaeus in Deutschland vor. Für ein Werk, das bereits 1984 mit der Veröffentlichung eines Konzeptalbums das Licht der Welt erblickte und 1986 in London welturaufgeführt wurde, wahrlich keine hohe Quote. Umso erstaunlicher, dass dieser neueste Versuch, dem immer wieder überarbeiteten Werk beizukommen, von allen bisherigen bei uns gespielten Fassungen dem Original am nächsten kommt. Angesichts einer inzwischen abermals überarbeiteten Neufassung, die bereits im Jahr 2002 in Stockholm aufgeführt wurde, ein fast deutsches ‚Chess’-Kuriosum.

 

Die Essener Inszenierung macht nämlich endlich Schluss mit dem unglückseligen Spielchen, das Stück über den Kalten Krieg aus der Feder von Tim Rice mit aller Macht und entgegen jeglicher Logik des Librettos in den sechziger Jahren anzusiedeln, was auf eine Idee der deutschsprachigen Erstaufführung in Kassel unter der Regie von Matthias Davids zurückgeht und der bislang sämtliche Inszenierungen in Deutschland folgten. Eine vernünftige Entscheidung, denn außer der Produktion einer Vielzahl von dramaturgischen Unstimmigkeiten vermochte dieser vermeintliche Story-Kniff, der den ersten Akt an den Handlungsort New York verlegt, in keiner einzigen Fassung irgendwelche verwertbaren Vorteile zu erzeugen. In Essen spielt das Stück nun wieder zur Entstehungszeit des Musicals, der erste Akt ist wieder im Südtiroler Meran angesiedelt, der zweite Akt nach wie vor in Bangkok. Konsequenterweise verzichtet diese Fassung auch auf die sperrige deutsche Übersetzung von Ulrich Brée und Markus Linder – lediglich die deutschen Dialoge wurden übernommen, die Songs präsentieren sich hier im englischen Original. Ein letztes Überbleibsel der deutschsprachigen Erstaufführung ist der Verzicht auf die durchkomponierten Verbindungsszenen, die auch in Essen durch Dialogszenen ohne Musik ersetzt werden.


... im erbitterten Kampf ...

In formaler Hinsicht also eine überaus interessante Produktion, die als Vorlage für zukünftige Aufführungen dienen könnte. Auch die musikalische Seite vermag zu überzeugen – unter der Leitung von Heribert Feckler zeigt sich das United Rock Orchestra der stilistisch immens reichen Partitur in jeder Hinsicht gewachsen, während der von Alexander Eberle hervorragend eingestellte Opernchor des Aalto-Theaters die prächtigen Chorpassagen des Stückes präsentiert. Der Clou dieser Produktion ist jedoch ihre Optik: Bühnenbildner Dirk Becker schafft etwa zu „Endgame“ ein grandioses Bild voller Opulenz, in dem eine auseinanderdriftende bühnenhohe Buddha-Statue langsam den Blick auf den Opernchor in Schachkostümen (Kostüme: Martina Feldmann) freigibt, der sich sodann imposant auf die Bühnenrampe zubewegt. Über dem Orchestergraben sind zusätzliche Bühnenelemente angebracht, die die Spielfläche erweitern und zudem als Projektionsfläche für Lichteffekte dienen. Am eindrucksvollsten präsentiert sich jedoch die Welt des Schachs, in der alles in Schieflage geraten ist und in der die Protagonisten angesichts der überlebensgroßen beweglichen Bühnengegenstände, die in abstrakter Form an Schachfiguren erinnern, wie verloren wirken. Mit viel Bühnentechnik entstehen eindringliche Bilder, die in ihrer Intensität geradezu kafkaeske Ausmaße erreichen und hervorragend die Befindlichkeit der Figuren darzustellen vermögen. Kalt, eindringlich und auf das Wesentliche reduziert – so muss dieses Musical aussehen, eine tolle Arbeit. Hinsichtlich der Örtlichkeiten ist Becker um eine realistische Darstellung bemüht und schafft mittels Projektionen wahlweise eine beeindruckende Bergwelt in Meran oder eine pulsierende Amüsiermeile in Bangkok.

 

Aber: So beeindruckend manche Bilder auch sein mögen, oft werden sie nicht mit inhaltlichem Futter angereichert. Leider versäumen es James de Groot und Paul Kribbe, in Essen sowohl für die Inszenierung als auch für die Choreografie verantwortlich, dem Stück eine zweite und dritte Ebene zu verleihen. So geht es in dem Song „Mountain Duet“ eben genauso wenig um Berge wie es am Schauplatz Bangkok um Buddha-Statuen geht. Das Regie-Team, das bewusst das Stück skelettiert, indem es auf einige Songs wie etwa „The Soviet Machine“ verzichtet, entwickelt jedoch ein nur unzulängliches Gespür für die Komplexität des Werkes und liegt mit seinen Schwerpunktsetzungen oft völlig daneben. Der Hitsong „One night in bangkok“ gerät gar zu einem „Village People goes ‚Miss Saigon’“-Verschnitt. Plakativer Klamauk wie am Ende des ersten Akts – dort legen die Mitarbeiter der US-amerikanischen Botschaft eine „Schreibmaschinenchoreografie“ im Stil von Jerry Lewis hin – mag zwar belustigend sein, hat jedoch mit der Situation genauso viel zu tun wie Frederick Trumper Gutes von den Russen zu berichten hätte. Im Übrigen erinnert diese Szene in ihrer Umsetzung allzu sehr an die Schachbrett-Nummer aus ‚Elisabeth’. So wenig zielführend die Ideen für derlei irrelevante Nebenkriegsschauplätze sind, so enttäuschend präsentiert sich die Choreografie des inszenierenden und choreografierenden Duos: Ob die Achtziger-Jahre-Ästhetik dem persönlichen Geschmack der Macher oder dem historischen Kontext der Handlung geschuldet ist, sei dahingestellt – auf der Höhe der Zeit ist sie jedenfalls nicht.


... um Schach-Thron und Frau.

Besonders deutlich wird die Regieschwäche bei der Figur des Arbiters, den Romeo Salazar quirlig und gesanglich überzeugend gibt. In Essen ist er weder Conférencier noch Grenzgänger, er weiß auch nicht mehr als die anderen. Diese typische Theaterrolle ist hier einfach nur der Schiedsrichter, eine Figur ohne Hintergrund und ohne Subtext – im Ergebnis also verschenkt, reduziert auf das Absingen seiner Songs. Für ein tiefschichtiges Stück wie ‚Chess’ ist das einfach zuwenig. Auch die anderen Hauptrollen des Stückes sind zwar hochwertig und typgerecht besetzt, jedoch in der Personenführung nicht wirklich durchdacht. Femke Soetenga, die in Essen bereits in der dritten ‚Chess’-Inszenierung die Rolle der Florence Vassy übernimmt, überzeugt mit einer schönen Version von „Heaven help my heart“, hinterlässt bei „Nobody´s side“ jedoch einen angestrengten Eindruck. Mit großen plakativen Gesten singt Henrik Wager als Frederick Trumper seine große Solonummer „Pity the child“, ohne wirklich zu berühren. Und „Anthem“ – einer der etabliertesten Musicalsongs des Werkes – wird von Serkan Kaya in der Rolle des Anatoly Sergievsky mit kräftiger Stimme und ohne Fehl und Tadel interpretiert. Genau das ist jedoch das Problem dieser Inszenierung – vor allem von Serkan Kaya kennt man von anderen Bühnen weitaus eindringlichere Interpretationen. Es bleibt unklar, was in Essen trotz der guten Voraussetzungen schief gelaufen ist, dass keine der Figuren ein außerordentliches Profil erlangt und warum die verpflichteten Gastsolisten, allesamt Musicalprofis, keine durchdachten Charakterstudien abliefern. Ihr Können haben sie allesamt an anderer Stelle schon mehrfach unter Beweis gestellt. Auch die Nebenfiguren wie Walther de Courcey und Alexander Molokov – ebenfalls auf einem gesanglich gepflegt hohem Niveau: Günter Kiefer und Michael Haag – verfügen in dieser Fassung über weitaus weniger Präsenz als üblich, während es Viigand eigentlich gar nicht gibt und zum Statisten gerät. Marie-Helen Joël übt sich als Berichterstatterin Jane Richardson ebenfalls in vornehmer Zurückhaltung und nutzt kaum ihre Kurzauftritte. Einzig wenn Claudia Dilay Hauf als Svetlana Sergievsky die Bühne betritt, kommt Leben in die Bude – der Song „I know him so well“ ist einer der wenigen, bei dem tatsächlich auch gespielt wird.

 

Natürlich ist ‚Chess’ ein eher kopflastiges Stück und somit nur schwierig einer theatralischen Umsetzung zuzuführen – umso wichtiger ist es, die Entwicklungen und Emotionen der einzelnen Figuren herauszustellen. Dies vernachlässigt diese Inszenierung. Und sie scheitert in den Momenten, wo sie nicht weiß, was sie will – wie etwa in der Meran-Szene, bei der das sichtlich überforderte Regie-Team den Überblick verliert und völlig orientierungslos eine Folklore-Ulknummer abliefert. Die komplexen Beziehungs- und Motivationsstrukturen der Protagonisten bleiben dabei auf der Strecke. ‚Chess’ in Essen – nur oberflächlich inszeniert und grundsolide, was die darstellerischen Leistungen anbetrifft, trotz beeindruckend üppiger Produktionsressourcen leider nicht mehr – schade.


"I know him so well" - CHESS im Aalto-Musiktheater Essen / sämtliche Fotos: © Harald Reusmann