‚Ich will Spaß!’

 

 

von Markus Zeller (Oktober 2008)

 

 

 

„Scheiße“ ist das letzte Wort des ersten Aktes und das erste Wort des zweiten Aktes. Ob dies eine gelungene Klammerverbindung darstellt und somit dem Einfallsreichtum eines ansonst nur einfallslosen Autoren zu verdanken ist oder aber schlichtweg nur dessen Wortlosigkeit beim Schreiben des Buches geschuldet ist, sei dahingestellt – auf jeden Fall passt es zu einem Jahrzehnt, in dem öffentlich-rechtliche Sittenwächter penibel darüber Buch führten, wie oft ein ‚Tatort’-Kommissar aus dem benachbarten Duisburg dieses garstige Wort zur besten Sendezeit in den Mund nahm. Nun bedient man sich im Essener Colosseum-Theater mit Wonne dieses Ausdrucks – anlässlich der Welturaufführung eines Musicals mit den Hits der Neuen Deutschen Welle. Der Welt indes wird dieses Werk wohl erspart bleiben, denn mit ‚Ich will Spaß!’ feierte am 05. Oktober 2008 eine weitere Bespaßungsshow der Stage Entertainment ihre Premiere, die im Gegensatz zur Vorgängerproduktion Mamma Mia!’ – der Mutter aller Bespaßungsshows – leider nur sehr wenig Spaß vermittelt.


"Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann" ...

Fast beschleicht einen der Überdruss, wenn es wieder einmal zu berichten gilt, dass eine Uraufführung der Stage Entertainment vor allem wegen der nur unzureichenden Qualität des Buches nicht überzeugen will. Autor Pieter van de Waterbeemd präsentiert eine harmlose Allerweltsstory und greift an der Oberfläche ein paar Stichworte – Themen wäre zu viel gesagt – auf, die im Jahr 1983 die Welt oder besser gesagt Deutschland oder noch besser gesagt den damaligen westlichen Teil davon bewegten: Die beiden ungleichen Freundinnen Cleo und Rosi stellen sich nach bestandenem Abitur die Sinnfrage und möchten zunächst einmal per Interrail-Ticket – damaliger Inbegriff von Freiheit, Selbständigkeit und Provokation gegenüber dem empörten Elternhaus – die Welt erkunden. Doch noch viel wichtiger ist es natürlich, erste Erfahrungen mit Jungs zu machen. Beide stehen auf Ritch, der sich nach dem Tod der alleinerziehenden Mutter um seinen jüngeren Bruder Tommie kümmern muss. Kompliziert genug, doch noch komplizierter wird es, als sich Rosis Vater Herbert mit ersten aufkeimenden Emanzipationsbestrebungen seiner Ehefrau Doris konfrontiert sieht und prompt Reißaus nimmt. Er landet in den Armen von Flora, fanatische Friedensaktivistin und zugleich Mutter von Cleo. Während der Spießbürger seit langem wieder einmal Spaß am Leben hat, kommen Cleo und Ritch zusammen. Zu allem Überfluss wird Cleo schwanger. Bei den nun anstehenden Problemen kann jedoch Falk hilfreich zur Seite stehen, ein Alt-Achtundsechziger und der lange verschollen geglaubte Vater von Ritch. Dass diese Story so dünn wie die inhaltliche Aussage des im Stück verwendeten NDW-Titels „Hohe Berge“ flach ist, verwundert nicht – bei Compilation-Shows erfüllt die Story ohnehin nur den Zweck, so viele Hits wie möglich in der Geschichte unterzubringen. Ein wesentliches Merkmal für die Qualität einer solchen Show ist jedoch die Originalität und der Einfallsreichtum, mit der dies geschieht – und hier scheitert dieses Stück geradezu kolossal. Die Herleitungen, mit denen die Songs in den Handlungsablauf eingebunden werden, sind erbärmlich schwach geraten. Der Klassiker „Carbonara“ etwa, noch einer der besseren, weil intelligenteren Songs der für diese Show ausgewählten NDW-Titel, wird tatsächlich in einer Szene eingesetzt, in der gemeinsames Spaghettiessen angesagt ist, während Ritch „Anna – Lassmichrein Lassmichraus“ in den Mund gelegt wird, weil er doch so gut bei Frauen ankommt. So plump diese Herleitungen auch sind, so sind es doch wenigstens noch welche. Andere Nummern wie „Skandal im Sperrbezirk“ oder „Sternenhimmel“ führen gar ein völlig autonomes Eigenleben in dieser Show und werden überhaupt nicht mit dem Handlungsablauf vernetzt.


... "Sternenhimmel" ...

Die fehlende oder oft unpassende Einbindung der Songs in die Handlung ist letztendlich auch der Grund dafür, dass sie trotz ihrer durchaus auch heute noch einnehmenden Kraft nicht zünden wollen. Obwohl Jeroen Sleyfer und JB Meijers mit ihren Arrangements zwar ganze Arbeit geleistet und die Songs theatergerecht aufbereitet haben – so wird sogar aus einem Liedchen wie Nenas „Rette mich“ noch ein richtiges Lied – und die sechsköpfige Band unter der musikalischen Leitung von Thomas Meyer exzellent aufspielt, wirken sie doch oft einfach nur abgespult. Es fehlt das überraschende Moment und der geniale Einfall, die ihren Einsatz rechtfertigen und für die nötige Unterhaltung sorgen. Zudem erfährt die ohnehin nicht sonderlich hohe Güte des Musikmaterials – immerhin handelte es sich bei der Neuen Deutschen Welle um nichts anderes als eine kommerzialisierte Form des Punk, der sich nicht gerade musikalische Qualität auf die Fahnen schrieb, noch eine zusätzliche Abwertung, indem viele ironische Brechungen der Originale schlichtweg ignoriert werden. Songs wie „Bruttosozialprodukt“ oder Fehlfarbens „Es geht voran“ waren einst als augenzwinkernde Kapitalismus-Kritik und Zustandsbeschreibung der emotional kalten Achtziger Jahre gedacht und mutieren nun zu fröhlichen Mitklatschnummern. Dass sich die fast durchweg holländische Kreativenriege mit der Produktion rund um die Songs der Neuen Deutschen Welle ein wenig schwer tut und oft unglücklich agiert, wird auch bei Falcos „Der Kommissar“ allzu deutlich: Es lässt sich sowieso schon vortrefflich darüber streiten, ob dieser Song der NDW zuzuordnen ist oder nicht – dem Refrain jedoch eine Eindeutschung von „Drah Di net um“ in „Dreh dich nicht um“ zu verordnen, überschreitet jedoch jede Geschmacks- und Schmerzgrenze.

 

Nur ein einziges Mal funktioniert die Show zwingend überzeugend: Die Szene, in der Herbert und Flora gemeinsam „Codo“ einstudieren – im Musical ein Straßentheaterstück der Friedensbewegten, das es in einer THC-geschwängerten Sponti-Bude zu üben gilt, gerät zum schauspielerischen und komödiantischen Höhepunkt. Wenn die Friedensaktivistin den Gesangspart von Inga Humpe kampfbereit mit Megaphon bestreitet und der Spießbürger im Cannabis-Rausch mal so richtig aus sich raus geht, das hat was und lässt ahnen, was möglich gewesen wäre. So aber bleibt in der von Regisseurin Carline Brouwer in Szene gesetzten Show der Unterhaltungswert nur allzu oft auf der Strecke und gelungene Inszenierungsgags wie der zur Originalfilmmusik im Fahrradkorb über die Bühne huschende E.T. sowie das unvermeidliche an die Linksdenkenden gerichtete „Dann geh doch nach drüben!“ können nicht darüber hinweg täuschen, dass hier eine gestrige Geschichte oft mit vorgestriger Komik erzählt wird. Was dem Stück in Sachen Einfallsreichtum und Originalität abgeht, vermag es zu einem gewissen Teil durch die hohe Qualität der Produktionstechnik wettzumachen – wieder einmal kann die Stage Entertainment bei einer Eigenproduktion in handwerklicher Hinsicht punkten, während Kreativität und künstlerischer Anspruch zu kurz kommen. Herausragendes Element der Show ist ein bühnenfüllender Zauberwürfel mit mehr als sieben Meter Kantenlänge. Der von Bühnenbildner Christoph Weyers entworfene Mega-Rubiks-Cube ist aufklappbar und schafft hierdurch Spielräume auf drei verschiedenen Ebenen. Die Außenfläche kann permanent ihre Farben verändern und dient zudem als Projektionsfläche für Video-Sequenzen, die dem damaligen Stand der Computertechnik nachempfunden sind. Zudem ermöglicht die Anordnung der unterschiedlichen Spielräume eine ständige visuelle Präsenz des Beziehungsgeflechts der Protagonisten – eine tolle Arbeit, die stärker im Gedächtnis haften bleibt als das Stück selbst. Ebenso gelungen und äußerst detailverliebt sind die Kostüme von Cocky van Huijkelom, für die das Outfit von Ikonen der Achtziger wie Olivia Newton-John, Boy George oder auch Cyndi Lauper Pate standen. Perfekt einstudiert präsentiert sich die spritzige und dynamische Choreografie von Anthony van Laast, auch wenn ihm diesmal keine unverwechselbare Arbeit wie etwa für ‚Mamma Mia!’ gelungen ist. Der Sound, für den Michel Weber und Andreas Hammerich verantwortlich zeichnen, kommt glasklar rüber, hätte allerdings bei dem ein oder anderen Song ein wenig mehr Lautstärke vertragen können. Lichtdesigner Andy Voller erinnert sich der guten alten Stroboskop-Lichtblitze und schafft zudem ein stimmungsvolles Bild für Ideals „Eiszeit“.


... oder auch "Codo" von DÖF ...

Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass in diesem Stück die Rollen der Elterngeneration am dankbarsten geraten sind – die heutigen Mittvierziger sind die 20-jährigen von damals und damit Zielgruppe. Obwohl das gesamte Ensemble einen überaus engagierten Eindruck vermittelt, präsentieren sich jedoch gerade deren Darsteller in überbordender Spiellaune. Cusch Jung als Herbert tanzt und spielt, dass es eine wahre Freude ist, Sonja Herrmann lässt als betrogene Ehefrau Doris so richtig die Sau raus und Claudia Stangl in der Rolle der Flora präsentiert sich beim Song „99 Luftballons“ gesanglich vorzüglich ausgestattet. Vor allem in dieser Hinsicht kann Leila Vallio als Rosi nicht mithalten, während sich Romina Langenhan in der Rolle der Cleo zwar mit viel Schmackes in jede nur erdenkliche Musicalpose wirft, schauspielerisch jedoch nur wenig bis gar keine Tiefe erreicht. Der jüngeren Darstellerriege ist zueigen, dass sie zwar mit Verve bei der Sache ist, den Part einer Hauptrolle in einer großen En-Suite-Produktion jedoch nicht überzeugend auszufüllen vermag. So kann auch Michael Eisenburger als Ritch nur wenig Eindruck hinterlassen. Einzig Michael Ernst in der Rolle seines jüngeren Bruders Tommie agiert durchweg überzeugend, obwohl er die fragwürdige Aufgabe hat, einen Jungen im Schulalter zu geben. Umso erfreulicher, dass „Hurra, hurra die Schule brennt“ in seiner Interpretation funktioniert. Heiko Wolff als Falk singt und spielt durchweg hölzern, was sich vor allem im zweiten Akt als zunehmend enervierend erweist.

 

Leider präsentiert sich ‚Ich will Spaß!’ in dieser Form nur als familienkompatible Kommerzproduktion ohne Seele, der man das modulare Baukastensystem, nach dem es gebaut ist, doch allzu sehr anmerkt. Letztlich fehlt es diesem Musical mit den Hits der Neuen Deutschen Welle an Authentizität, denn der zeitgeschichtliche Hintergrund und die Songs sind völlig austauschbar. Und auch diese scheinen mit genauso viel Sorgfalt zusammengestellt zu sein wie einst die Bravo-Poster fürs Jugendzimmer, die unter der Überschrift NDW so ziemlich alles auf einem Plakat vereinigten, was irgendwie nach deutscher Sprache klang. So erinnert man sich für das völlig unpassende Finale dieser Show, das mit reichlich Betroffenheitspathos auffährt und damit dem subversiven Grundton der Neuen Deutschen Welle extrem zuwiderläuft, auch des großen nordischen Barden Achim Reichel, der sich selbst mit Sicherheit nicht den NDW-Künstlern zugehörig fühlt. Gleichwohl hatte er just in jener Zeit mit „Der Spieler“ einen Hit. Zu hören ist jedoch sein Song „Aloha Heja He“. Ist aber falsch – gehört nicht zur NDW. Wurde nämlich erst zehn Jahre später veröffentlicht. Scheiße.


... ob's passt oder auch nicht - das Musical ‚Ich will Spaß!’ im Colosseum Theater Essen hat sie (fast) alle, die Hits der Neuen Deutschen Welle. / sämtliche Fotos: Joris-Jan Bos Photography©