‚Tarzan – Die deutsche Originalversion des Musicals in Hamburg’

 

 

von Markus Zeller (Dezember 2008)

 

 

 


Pünktlich zur Premiere am 19. Oktober 2008 war in der Hamburger Neuen Flora bereits die deutschsprachige Cast-Aufnahme zu ‚Tarzan’ erhältlich. Wie bei Disney-Musicals üblich hält das Tracklisting keine Überraschungen bereit und bildet in eingedeutschter Form (Übersetzung: Frank Lenart) die Original-Broadway-Cast-Einspielung ab. Lediglich hinsichtlich des Bonustracks lässt der so um Standardisierung bemühte Konzernriese Abweichungen zu – während etwa auf dem englischsprachigen Pendant auch Komponist und Textdichter Phil Collins sein gesangliches Stelldichein gibt, ist als 19. Song auf der deutschsprachigen Aufnahme der von den beiden Hauptdarstellern eingesungene Titel „Dir gehört mein Herz“ zu hören. Leider stellt die uninspirierte und von Produzent Ronald Sommer auf Radiotauglichkeit getrimmte Duett-Version des Oscarprämierten Hitsongs „You´ll be in my heart“ jedoch keinen wirklichen Gewinn für diese nunmehr dritte Einspielung des Musicals dar.

 

Obwohl aufgrund der starken Medienpräsenz mit einem ordentlichen Sympathiebonus beim breiten Publikum ausgestattet, sahen sich Anton Zetterholm und Elisabeth Hübert zuletzt einer zunehmenden spöttelnden Kritik durch die Fachpresse ausgesetzt. Zu sehr hat sich das Odeur von künstlerisch nicht ernstzunehmenden Casting-Geschöpfen auf die beiden Hauptdarsteller gelegt. In der Tat offenbart diese CD einmal mehr, dass der junge Schwede etwa gewiss nicht wegen seiner Stimme für die Rolle des Tarzan ausgewählt wurde – dafür ist sie schlichtweg zu schmalbrüstig. Hinzu kommen Defizite hinsichtlich der Phonetik. Was er jedoch in stimmlicher Hinsicht vermissen lässt, vermag er zu einem guten Teil durch Gefühl wieder wettzumachen. Seine Interpretation des Songs „Wer ich wirklich bin“ ist glaubhaft und bewegend und seine jugendlich-ungestümen Ansätze bei schnelleren Songs wie „Fremde wie ich“ sind durchaus stimmig. In diesem Zusammenhang sei übrigens darauf hingewiesen, dass es sich bei diesem Disney-Tarzan noch keineswegs um den Herrn des Dschungels handelt,

sondern vielmehr um einen jugendlichen Tarzan auf der Suche nach der eigenen Identität – insofern würde sich hinsichtlich des Rollenprofils ein Übermaß an viriler Stimmgewalt sogar kontraproduktiv auswirken. Auch Elisabeth Hübert – im Übrigen eine fundiert ausgebildete Musicaldarstellerin – gefällt in der Rolle der Jane mit durchaus überzeugenden Gesangsinterpretationen. Songs wie „Auf diesen Tag hab´ ich gewartet“ präsentiert sie mit schöner klarer Stimme und der richtigen Portion Neugierde und Begeisterung. Für eine junge viktorianische Lady, die mit Forscherdrang den Dschungel betritt und dort die Liebe entdeckt, bestimmt die richtige Herangehensweise. Zudem harmonieren die beiden Stimmen sehr schön miteinander, wie beim Liebessong „Auf einmal“ gut zu hören ist. Uneingeschränkten Hörgenuss liefert auf dieser Einspielung Ana-Milva Gomes in der Rolle der Kala mit ihrer gefühlvollen Interpretation von „Dir gehört mein Herz“, während Andreas Lichtenberger als Kerchak mit einer kraftvollen Version von „Gar keine Wahl“ auf sich aufmerksam machen kann. Die gesangliche Leistung des Kinderdarstellers Linus Bruhn (Tarzan als Kind) geht in Ordnung, Rommel Singson gibt Affenkumpel Terk leider mit unüberhörbarem Akzent.

 

Produktionstechnisch ist bei dieser deutschsprachigen ‚Tarzan’-Aufnahme alles im grünen Bereich – die Stimmen sind klar herausgearbeitet und die Orchesterspur, für die man übrigens auf die bereits existierende niederländische Einspielung zurückgriff, klingt facetten- und volumenreich. Eines ist jedoch sämtlichen Cast-Einspielungen zur Bühnenversion von ‚Tarzan’ gemein: Den Druck und die musikalische Dynamik des Original-Soundtracks von Phil Collins zur Zeichentrickvorlage erreichen sie alle nicht. Warum zudem beim Finale „Zwei Welten“ stets der eruptive Tarzan-Schrei ausgespart bleibt, ist nach wie vor ein Rätsel, zumal er in der Show verwendet wird. Schade, hier wird ohne Not Kult-Potenzial verschenkt. Trotzdem: Diese deutschsprachige Aufnahme ist weitaus besser als ihr Ruf.