‚Marie Antoinette’

 

 

von Markus Zeller (Februar 2009) 

 

 


Das lässt tief blicken: / © I. Wagner

Sie hatte einfach Pech – war zur falschen Zeit am falschen Platz. Marie Antoinette: Frankreichs letzte Herrscherin, Königin des Rokoko. Als 14-Jährige von Mutter Maria Theresia als politisches Unterpfand für das Bündnis der Habsburger mit den Bourbonen von Österreich an Frankreich verschachert. Zunächst in ihrer neuen Heimat beliebt und umjubelt, dann umstritten, später diffamiert, gehasst und letztendlich auf der Guillotine dem Pöbel zum Fraß vorgeworfen. Ihr Ehemann: ein saft- und kraftloses Würmchen aristokratischen Elends, ihre Liebe: unerfüllt, ihr Vergnügen: pulsierende Feste und ausschweifender Luxus. 18 Jahre währte ihre Herrschaftszeit, die in einem anonymen Massengrab enden sollte. Michael Kunze hat hieraus ein Musical für den japanischen Marktführer Toho gemacht, das am 01. November 2006 in Tokio welturaufgeführt wurde. Den offiziellen Verlautbarungen zufolge ein großer Erfolg bei der Presse wie beim Publikum.

 

Für die Europapremiere und deutschsprachige Erstaufführung des neuesten Kunze/Levay-Stückes am 30. Januar 2009 in Bremen gilt das nicht uneingeschränkt. Gewiss: Michael Kunze hat – wenngleich man dem Werk seine Architektur deutlich anmerkt – wieder ein Musical abgeliefert, das historische Ereignisse auf hohem Niveau dramatisiert und unterhaltend aufbereitet. So hat er für sein neuestes Stück mit Guiseppe Balsamo alias Cagliostro wieder eine Erzählerfigur geschaffen, die historisch verbürgt ist – der italienische Alchemist, Hochstapler und Gauner war in die Halsbandaffäre verwickelt und damit aktiv am Fall der Marie Antoinette beteiligt. Cagliostro weiß in Kunzes Erzählung mehr als die anderen und kommentiert als Conférencier die Ereignisse des Geschehens mit Spott und seherischer Ironie. Zynisch lächelnd nimmt er bereits im Prolog die Ereignisse vorweg: „Man kämpft für ‚Freiheit’ und ‚Gerechtigkeit’, dann brennen Paläste, dann watet man durch Blut, und glaubt, dadurch wird die Welt gut“. Das vermittelt der Geschichte den nötigen Abstand, die ihre Besonderheit darin hat, dass es sich um kein reines Biografie-Musical handelt. Der historischen Persönlichkeit Marie Antoinette wird die fiktive Figur der Margrid Arnaud gegenübergestellt, ein armes Bettlermädchen, das im Zuge der Revolution immer höher aufsteigt, während die Königin immer tiefer fällt. (Selten hat übrigens das Logo einer Show soviel Sinn gemacht wie in diesem Fall: Die feuerroten Initialen des Bettlermädchens, die die gleichen sind wie die der Königin, dringen überlagernd von unten nach oben in die im goldenen Barockstil gehaltenen Initialen der Königin ein.) Die Idee, die Schicksale der beiden unterschiedlichen Frauen auf einer fiktionalen Ebene miteinander zu verknüpfen, geht auf den japanischen Schriftsteller Shusaku Endo zurück, dessen Roman „Queen Marie Antoinette“ Michael Kunze als Grundlage für sein Musical diente. Die aus dieser Grundkonstellation entstehenden Reibungsflächen zwischen reicher Königin und armen Mädchen nutzt Kunze, um zu zeigen, wie sich die Französische Revolution entwickeln kann, die schließlich zum Untergang der Monarchie führt. Zudem eröffnet sich hieraus eine neue Möglichkeit hinsichtlich der Auflösung der Geschichte, die nun nicht mehr einzig und alleine auf die Exekution Marie Antoinettes abzielen muss – abweichend von der Endo-Vorlage lässt Kunze die beiden Protagonistinnen, deren Lebensläufe nicht asymmetrischer verlaufen könnten, nach einem langen Weg auf einer zutiefst menschlichen Beziehungsebene zueinander finden. Am Ende schwören schließlich beide ihren mit Absolutheit vertretenen Weltanschauungen ab, die sie bis dahin für die einzig richtige gehalten haben. Nicht nur diese inhaltliche Anreicherung des Stoffes überzeugt, auch Kunzes Songtexte, so trivial und schlagerlastig sie bei oberflächlicher Betrachtung auch erscheinen mögen, sind bis ins Detail durchdacht. Dies gilt auch, wenn er der Titelfigur etwa ein „La-la-la“ in den Mund legt und sich damit mit wehenden Fahnen dem Sperrfeuer der allzeit schussbereiten und oft nicht-fachkundigen Feuilletonisten aussetzt, die beim Wort „Musical“ eben an nichts anderes denken als an „La-la-la“. Doch auch diese „Textzeile“ hat ihren Sinn, soll doch mit dem Song „Langweilen will ich mich nicht“ zum Ausdruck gebracht werden, dass die in ihrer Vergnügungssucht maßlose Königin – einst von Stefan Zweig meisterlich als mittlerer Charakter beschrieben – im Grundsatz weder an Politik noch an Bildung interessiert war und sich lieber ihrem Amüsement zuwendete. All dies damit zu transportieren, indem man dem Wort „Langweilen“ noch ein „La-la-la“ voranstellt – darauf muss man auch erst mal kommen.


Während das Volk aufbegehrt, ... / © Jörg Landsberg

Dass ‚Marie Antoinette’ jedoch trotzdem nicht so recht überzeugen will, liegt vor allem an der schwachbrüstigen Regie von Tamiya Kuriyama, der bereits für die Inszenierung der Uraufführung verantwortlich zeichnete. Es sei dahingestellt, ob seine Regiearbeit den japanischen Sehgewohnheiten zu entsprechen vermochte – für europäische Zuschauer präsentiert sie sich zu ideenlos und zurückhaltend. Vor allem unterlässt er es, die vielen Solonummern des Stückes zu bebildern. Allzu oft positioniert er die Solisten lediglich an der Bühnenrampe – einfallsloser und langweiliger geht es nimmermehr. Auch für Inhalte hat er nur wenig theatralische Ideen parat – so lässt er in der Szene „Ein historischer Tag!“, in der die Generalstände einberufen werden und Marie Antoinette gleichzeitig erfährt, dass ihr Sohn, der Dauphin, gestorben ist, schlicht die Nachricht überbringen: „Der Dauphin ist tot!“ Hier drängen sich natürlich Vergleiche zu Kupfers ‚Elisabeth’-Inszenierungen auf, die ungleich einfallsreicher gerieten. Gleiches gilt für die belanglos inszenierte Bordell-Szene „Gib ihnen alles, was sie woll´n!“ und die Schneiderei-Szene „Der Pariser Schnitt“, die ähnlich wie die Caféhaus-Szene in ‚Elisabeth’ die Geschichte aus einer anderen Perspektive kommentiert und weitererzählt. Die bemühten Ensembleszenen lassen überdies jegliche Leidenschaft vermissen, die gerade ein Revolutionsdrama benötigt, und versprühen die spröde Aura einer Stadttheater-Inszenierung. Die teilweise gelungene Personenregie kann das nicht wettmachen.


... amüsiert sich die Königin, ... / © Jörg Landsberg

Auch der Schauwert der Produktion hält sich in Grenzen – was vor allem deswegen verwundert, da Ausstatter Peter J. Davison etwa mit ‚Rebecca’ bereits bewiesen hat, welch großartige und stimmungsvolle Bühnenbilder er zu schaffen imstande ist. Notwendige Zugeständnisse an die Tourneetauglichkeit dieser Produktion, die nach der Aufführung in Bremen auch noch in anderen Städten gezeigt werden soll, sind nachvollziehbar – ein wenig üppiger hätte das Bühnenbild jedoch schon ausfallen können, zumal die Produktion in ihrer Vermarktung mit prachtvollem Barock- und Rokoko-Pomp auffährt. Zwei gegenläufige Drehbühnen sowie von der Bühnendecke herabfahrende Kulissenteile, die zum Teil mehrfach verwendet werden, sorgen zwar für visuelle Dynamik und schnelle Kulissenwechsel, in puncto Opulenz herrscht bei ‚Marie Antoinette’ jedoch trostlose Tristesse. Auch wenn der Produktionsaufwand nichts über die Qualität eines Stückes aussagt – zumindest in künstlerischer Hinsicht erwartet der Zuschauer in einem Kunze/Levay – Stück einfach mehr. Davisons fantasielos eingerichtetes Bühnenbild dient lediglich der Illustration des auf der Bühne Gezeigten und zeugt von einem eher limitierten szenischen Vokabular ohne jeden weiteren künstlerischen Anspruch an Mehrdeutigkeit oder Interpretation. Dass das Stück mit zunehmender Dauer immer dunkler und „ausstattungsloser“ wird, ist hingegen der Geschichte zuträglich, geht es doch im zweiten Akt darum, den Untergang der Königin darzustellen. Fünf Millionen Euro soll ‚Marie Antoinette’ nach Angaben des Generalintendanten Hans-Joachim Frey gekostet haben, der das Stück ans Theater Bremen holte und das einst für ‚Jekyll & Hyde’ gebaute Musicaltheater am Richtweg damit bespielen lässt. Über mögliche Anschlussaufführungen und die Einnahme von Lizenzgebühren soll die Co-Produktion der staatlich subventionierten Bühne mit privaten Investoren eine Querfinanzierung des eigenen Repertoirebetriebes erwirtschaften. Gerade aber, was die Produktionsqualität dieser Show anbetrifft, scheint sich das Theater Bremen ein wenig verhoben zu haben: Entweder fehlte es schlichtweg an Know-how, oder aber der Produktion ist irgendwann das Geld ausgegangen. Besonders die Figur des Cagliostro leidet darunter, soll sie doch für den nötigen Bühnenzauber sorgen. An dieser Stelle wäre man besser beraten gewesen, mit finanziell weniger aufwendigen Mitteln wie etwa Licht oder Projektionen einige effektvolle Momente zu schaffen. Diese Produktion vermittelt jedoch den unbeholfenen Eindruck, als ob sie gewollt und dann doch nicht gekonnt hätte. Die Zaubertricks und pyrotechnischen Effekte, die in den Szenen des Cagliostro zur Anwendung kommen, kann man nur als albern oder drittklassig bezeichnen und sorgen dafür, dass diesem Bühnenzauberer jeglicher Zauber fehlt. Allein die Kostüme von Frauke Schernau vermögen höheren Ansprüchen zu genügen, leider nicht die Choreografie von Jacqueline Davenport und Doris Marlis, die zudem über keine eigene Handschrift verfügt. Alles sieht irgendwie nach Dennis Callahan aus, ohne jedoch dessen Radikalität auch nur ansatzweise zu erreichen – sozusagen ein „Callahan light“, der noch nicht einmal von Callahan ist.


... wendet sich ihrer Liaison zu ... / © Jörg Landsberg

Die Musik stammt von Kunzes Dauerpartner Sylvester Levay, dessen Musik stets schlichter ausfällt als Kunzes Bücher. Für ‚Marie Antoinette’ präsentiert er allerdings seine bisher komplexeste Arbeit. So konsequent wie in keinem anderen Vorgängerwerk setzt Levay Leitmotive ein, die durch ihre unterschiedliche Verwendung in Situationen oder für Figuren genau das machen, was die Musik in einem Musical machen soll: sie übernimmt eine erzählende Funktion. Vor allem der nahezu durchkomponierte zweite Akt gehört nach meinem persönlichen Empfinden zum Besten, was Levay bislang für die Musicalbühne geschrieben hat. Hier verzichtet er über weite Strecken auf eigenständige in sich geschlossene Songs, sucht nicht zwingend den Ohrwurm oder den kurzfristigen Showstopper, sondern bleibt stets hautnah an der Geschichte dran. Den musikalischen Nährboden hierfür hat er im ersten Akt angesetzt, der neben den üblichen Pop-Rock-Songs mit Hang zum Schlager vor allem durch sehr gelungene Balladen bestechen kann. Zentraler Leitsong des Stückes ist „Blind vom Licht der vielen Kerzen“, der sich zur wiedererkennbaren Hymne des Musicals entwickeln wird. Weitere Höhepunkte sind das anrührende Schlaflied „Still, still“, die gefühlvolle Ballade „Gott sieht uns zu“ und das rockige „Weil ich besser bin“. Viel Applaus erhält auch der Revolutionssong „Ich weine nicht mehr“, den Uwe Kröger bereits 1994 auf seiner ersten Solo-CD unter dem Titel „Engel in Schwarz“ veröffentlichte. Mitunter bedient sich Levay auch des Instruments des Underscorings, um einzelne Szenen miteinander zu verbinden. Dies garantiert den musikalischen Fluss und belegt darüber hinaus die Philosophie des Autorenteams, dass Musical von heute viel mit Film zu tun hat. Nur ein einziges Mal liegt der Komponist daneben – der Titel „Gefühl und Verstand“, der für die unglückliche Liebe von Marie Antoinette und Graf Axel von Fersen steht, ist musikalisch ein wenig zu harmonisch und glückselig geraten und lässt zumindest im Refrain den bitteren Unterton vermissen. Aber auch das verwundert nicht, handelt es sich hierbei doch um einen Song, der ursprünglich in einem anderen Stück Verwendung finden sollte (in ‚Elisabeth’ an der Stelle des heutigen „Wenn ich tanzen will“). Für eine perfekte Umsetzung im Orchestergraben sorgt Bernd Steixner, der als Musikalischer Leiter die Bremer Philharmoniker und eine zusätzliche Rhythmusgruppe dirigiert.


... und kennt nur eine Furcht: ... / © Jörg Landsberg

Als geradezu exquisit lässt sich die Besetzung dieser Produktion bezeichnen: In der eigentlichen Hauptpartie der Margrid Arnaud ist die stimmgewaltige Sabrina Weckerlin zu hören. Ihr gehören die Abräumer der Show – nichts anderes hat man allerdings von ihr erwartet. Die tatsächliche Überraschung ist jedoch Roberta Valentini, die in der Rolle der Titelfigur den größten darstellerischen Bogen zu bewältigen hat: Ihre Wandlung vom zunächst oberflächlichen und verschwendungssüchtigen Biest, das Margrid in ihrem Hochmut mit spitzem Blick vor der versammelten höfischen Gesellschaft demütigt, zum würdevollen Opfer eines würdelosen Gemetzels ist absolut glaubhaft und stimmig. Auch die Verzweiflung über ihren noch weltfremderen Ehemann, der die Familie nicht zu schützen weiß, gestaltet sie nachvollziehbar. Dieser wird von Tim Reichwein verkörpert, dem es als Louis XVI. ebenfalls gelingt, einer scheinbar undankbaren Rolle ein durchaus nuancenreiches Spiel abzugewinnen. Mit „Warum muss ich sein, was ich nicht bin?“ schildert er eindringlich das Dilemma und menschliche Drama dieses unglücklichen Königs, der kein König sein will. Mit schöner Stimme präsentiert Maike Switzer die Nonne Agnés Duchamps, während Bettina Meske eine rockige Bordellchefin Madame Lapin gibt. Auf gesanglich hohem Niveau gibt Patrick Stanke Marie Antoinettes Liebhaber Graf Axel von Fersen – leider bietet seine Rolle nur wenig Ecken und Kanten und somit kaum Gelegenheit für eine packende Darstellung. Thomas Christ fehlt es als Herzog von Orléans ein wenig an diabolischer Bühnenpräsenz und lässt auch gesanglich noch Platz nach oben. Mit ausdrucksstarkem Gesang gibt Ethan Freeman souverän den Cagliostro, wenngleich man ihm ein anderes Kostüm, eine andere Perücke und vor allem eine wirkungsvollere Inszenierung wünscht.

 

In vielerlei Hinsicht läuft diese ‚Marie Antoinette’ – Produktion also noch nicht rund, so dass zu hoffen bleibt, dass es noch Nachbesserungen geben wird. So bleibt etwa Autor Michael Kunze noch die Information schuldig, wie es Margrid eigentlich im Bordell bei Madame Lapin erging und was ihr Leben als Prostituierte tatsächlich bei ihr bewirkt hat. Auch der Sinneswandel hinsichtlich ihrer Sicht auf die Königin könnte noch stärker herausgearbeitet werden, während die eigentümlich anmutende Konstruktion, aus Marie Antoinette und Margrid Arnaud zwei leibliche Halbschwestern zu machen – ein Überbleibsel der japanischen Vorlage – einfach nur plump und entbehrlich erscheint. Das größte Manko dieser Inszenierung ohne überzeugende Regieideen ist jedoch, dass sie keine eigene Faszination entwickelt: Da mag sich das todesbringende Fallbeil der Guillotine noch so bedrohlich auf die geläuterte Delinquentin herabsenken – ein Kloß im Hals will sich am Ende des Dramas einfach nicht einstellen.


... "Langweilen will ich mich nicht" - Roberta Valentini in der Hauptrolle der Marie Antoinette / Foto: © Ingo Wagner