‚Der Graf von Monte Christo’

 

 

von Markus Zeller (März 2009)

 

 


Die große Liebe ... / Foto: © T. Küng

Hochkonjunktur für Komponist Frank Wildhorn und Autor Jack Murphy: Bereits drei Wochen nach der Wiener ‚Rudolf’-Premiere präsentierte sich am 14. März 2009 im Theater St. Gallen ein weiteres Musical aus ihrer Feder im deutschsprachigen Raum – mit ‚Der Graf von Monte Christo’ stand diesmal sogar eine echte Uraufführung auf dem Programm. Für das rührige Stadttheater nach der ‚Dracula’-Aufführung im Jahr 2005 bereits die zweite Zusammenarbeit mit Wildhorn und zugleich ein schöner Erfolg für die Visitenkarte des Hauses, das sich innerhalb der letzten zehn Jahre mit vorbildlichem Engagement im Bereich Musical viel Reputation erworben hat. Doch Uraufführung hin oder her – es gab in St. Gallen bereits spannendere Musicals zu sehen, vor allem was die Stückauswahl anbetrifft.

 

Der in den Jahren 1844 bis 1846 erschienene Klassiker von Alexandre Dumas berichtet von dem Schicksal des jungen Seemannes Edmond Dantès, der Opfer einer Intrige und zu einer lebenslangen Haft auf der berüchtigten Gefängnisinsel Château d’If verurteilt wird. Nach schier endlosen 14 Jahren Kerker gelingt ihm endlich die Flucht, indem er sich im Leichensack seines verstorbenen Lehrmeisters Abbé Faria ins Meer werfen lässt. Dieser weihte ihn kurz vor seinem Tod in das Geheimnis um einen Schatz auf der kleinen abgelegenen Insel Montecristo ein. Durch den Schatz gelangt Dantès zu unermesslichem Reichtum, der es ihm ermöglicht, seinerseits nunmehr einen Rachefeldzug gegen die Verräter von einst zu starten: Danglars, der Dantès die Beförderung zum Kapitän neidete, Staatsanwalt Gérard Villefort, der die eigene Karriere durch Dantès gefährdet sah und vor allem Fernand Mondego, der die Frau begehrte, die ihr Herz bereits an Dantès vergeben hatte: die schöne Mercédès.


... zerstört durch Habgier ... / Foto: © T. Küng

Autor Jack Murphy, von dem auch die Songtexte stammen, dampft den epischen Abenteuerroman rigoros ein und strafft das komplexe Beziehungsgeflecht der agierenden Personen, das im Original schon beinah absurde Telenovela-Ausmaße annimmt, auf das notwendige Minimum. Dabei geht er jedoch ein wenig zu weit, denn die Auflösung gerät gar zu fix. Dies betrifft vor allem die Verschwörer Danglars und Villefort, deren Schicksal sich praktisch im Vorbeigehen erfüllt, obwohl sie eingangs ausführlich mit ihrer jeweiligen Motivation eingeführt werden. Die Musicaladaption konzentriert sich lieber auf die Auseinandersetzung zwischen Mondego und Dantès und zielt auf einen finalen Showdown der beiden Kontrahenten ab. Ebenso effektheischerisch das Ende, das die beiden Liebenden Mercédès und Dantès unter „ihrem“ Sternenhimmel wieder zusammenführt – das Original hat mit den beiden nicht soviel Einsehen und lässt sie getrennte Wege gehen. Vor allem deswegen, weil es den jungen unbedarften Edmond Dantès nicht mehr gibt, wie auch im Musical fortwährend mit viel Pathos kundgetan wird. Eine Unstimmigkeit, die ausschließlich dem angesteuerten Happy-End des Musicals geschuldet ist. Auch an anderen Stellen wird der Stoff mit aller Gewalt auf Musical getrimmt – so wird aus dem Räuberhauptmann Luigi Vampa im Musical die fesche Piratenbraut Luisa Vampa, die auf ihrem Schiff eine Besatzung anführt, bei der es sich allzu offensichtlich um die Bohemians aus ‚We Will Rock You’ handelt, die es allem Anschein nach auf die hohe See verschlagen hat. Die deutsche Übersetzung von Kevin Schroeder (etwa: „Frauen wecken Wünsche, die nur die Nacht erfüllt“) macht das Stück nicht eben tiefgründiger.


... und Intrigen. / Foto: © T. Küng

Sämtliche Bearbeitungen der Vorlage dürften im Sinne von Komponist Frank Wildhorn erfolgt sein, dem eigentlichen Vater des Projekts, der Musicals nahezu wie am Fließband schreibt und für seine Songs keine leisen Zwischentöne gebrauchen kann. Auch seine Partitur für dieses Stück führt das fort, was man schon längst von ihm kennt: Wildhorn bleibt der Schwermetaller unter den Musicalkomponisten – bei niemandem sind die Melodien plakativer, die Pauken und Trompeten lauter und die Streicher mit mehr Zuckerguss versehen als bei ihm. Und oft sind die Songs beliebig austauschbar – auch ‚Der Graf von Monte Christo’ beinhaltet wieder eine Handvoll der üblichen hymnischen Beltballaden amerikanischer Prägung, wie sie in dieser oder ähnlicher Form auch in jedem seiner anderen Stücke Verwendung finden könnten. Dass die Arbeit eines Komponisten eine unverwechselbare Handschrift trägt, ist die eine Sache, dass sie jedoch nahezu identisch ist, eine andere. Auch diesmal bedient er sich wieder kräftig am eigenen Fundus – beispielhaft erwähnt sei hier nur „Diese Augen/Der Mann ist tot“, bei dem es sich zwar um keinen Klon handelt, um einen Zwilling musikalischen Materials aus ‚Dracula’ („Nebel und Nacht“, „Die Verführung“) jedoch allemal. Als ob es dadurch besser würde, bedient er sich für dieses Stück zudem noch bei Komponisten, die es subtiler und differenzierter können: Die Anleihen bei Sondheims ‚Sweeney Todd’ für die Songs „Ah, Frauen“ und „Schöner Schein“ sind unüberhörbar. ‚Der Graf von Monte Christo’ verfügt jedoch auch über einige unverwechselbare Songs, die Originalität besitzen und deswegen überzeugen können – hier sind vor allem der Verschwörersong „Geschichte“ und die Ensemblenummer „So wie man hört“ zu nennen. Auch der treibende Rock-Song „Hölle auf Erden“ funktioniert als Schlussnummer für den ersten Akt perfekt.


Das ist der alte Stoff ... / © T. Küng

Regisseur Andreas Gergen arbeitet sich lustvoll und emsig an dem klassischen Stoff ab, jedoch scheint sich auch ihm – ebenso wenig wie Wildhorn – nicht recht zu erschließen, um was für ein Musical es sich handeln soll. Es bleibt unklar, ob diese Adaption Drama, Liebesgeschichte oder einfach nur Show sein will. Es ist seiner Regie zu verdanken, dass sich das dürre Konzept nicht in völliger Beliebigkeit auflöst: Gergen inszeniert im ersten Akt mit sichtlichem Spaß eine unterhaltsame Abenteuergeschichte mit dem gutgläubigen Charme eines TV-Mehrteilers zur Weihnachtszeit und zeichnet im zweiten Abschnitt eine teilweise packende Parabel über Habgier und das, was Hass auszurichten vermag. Dabei greift er auf, was er kriegen kann – manches zündet nicht, wie zum Beispiel das Bild des letzten Abendmahls anlässlich der Verlobungsfeier kurz vor dem Verrat an Dantès, manches ist unnötig, wie unter anderem die Straps-Kurtisanen, die Dantès in Rom verführen, und manches ist atemberaubend aktuell und mitreißend, wie etwa die Szene „Zuviel ist nie genug“, in der die Verräter unter dem Rubens-Gemälde des Jüngsten Gerichts, das sie bald alle ereilen wird, gierig nach Geldnoten grabschen. Eines ist Gergens Inszenierung jedoch nie: langweilig. Selbst den Balladen wie „Niemals allein“ ringt er noch Spannung und Dynamik ab, indem er währenddessen das Geschehen auf der Bühne unaufhörlich vorantreibt. Zudem beweist er ein sicheres Gespür für Situationskomik und Timing, womit er die Abenteuerelemente des Stückes bereichert.

 

Die Art und Weise, wie das Theater St. Gallen dieses Musical ins Werk gesetzt hat, nötigt den allergrößten Respekt ab. Inzwischen hat das Stadttheater ein Produktionsniveau erreicht, das in vielerlei Hinsicht mit den großen kommerziellen Anbietern mithalten kann – und diese manchmal sogar übertrumpft: Unter der musikalischen Leitung des Wildhorn-Spezialisten Koen Schoots sorgt das mit 33 Musikern besetzte Sinfonieorchester St. Gallen sowie ein 18-köpfiger Opernchor für eine geradezu berauschende musikalische Opulenz, die durch die perfekte Abmischung (Sound: Stephan Linde, Frank Sattler) voll und ganz zur Geltung kommt. Auch die Optik begeistert: Prächtig ausgestattete Ballszenen (Kostüme: Susanne Hubrich) wechseln sich mit artifiziellen Bildern aus der Hölle ab (Licht: Michael Grundner), perfekt choreografierte Bewegungsabläufe (Musical Staging: Melissa King) und mobile Stahlgerüste (Bühnenbild: Allen Moyer) sorgen für fließende Übergänge, die einfach hinreißend aussehen. Ergänzt wird das Bühnenbild mit vorproduzierten Videosequenzen von fettFilm (Momme Hinrichs und Torge Møller), die vor allem in der Piratenszene auf hoher See für eine perfekte Illusion sorgen. Ein weiterer visueller Höhepunkt ist die der Unterwasserszene in ‚Tarzan’ nachempfundene Tauchsequenz, in der sich Dantès bei der Flucht von Château d’If aus dem Leichensack befreit. Doch es geht auch ohne große Technik – ein paar geschickt in Szene gesetzte Öffnungen des Bühnenbodens ermöglichen die Darstellung der unterirdischen Grabungsarbeiten im Kerker und die Fechtduelle, von Jochen Schmidtke einstudiert, sind rasant und glaubwürdig.


... im neuen Musical-Gewand / © Hanspeter Schiess

Auch die Besetzung ist erstklassig: In der Hauptrolle des Edmond Dantès brilliert Thomas Borchert. Nie macht er zuwenig, nie zuviel, gesanglich trägt er das ganze Stück – für sein großes Solo „Der Mann, der ich einst war“ erhält er schon während der Vorstellung Beifallsstürme. Sein Spiel ist außerordentlich präzise und differenziert – ihm nimmt man den liebestrunkenen Naivling, den verzweifelten Häftling, den selbstbewussten Aristokraten und die vor Rachsucht zerfressene Existenz ab, die ihren persönlichen Judgement Day kaum mehr erwarten kann. Ihm zur Seite steht Sophie Berner, die mit erfreulich unaufdringlicher Spielweise als Mercédès durchweg überzeugen kann. Sie nutzt im Gegensatz zu vielen Wildhorn-Solistinnen ihre Balladen nicht dazu, neue Rekorde in Sachen lautem Beltgesang aufzustellen, sondern liefert vielmehr durchdachte Interpretationen mit klarer Stimme ab, die sie je nach darzustellendem Lebensalter nach oben oder unten variiert – eine tolle Leistung. Dean Welterlen als Abbé Faria sieht aus wie Catweazle und macht den Jedi-Meister Yoda („Dein Zorn wird dich zerstören!“) – gesanglich weiß er anlässlich der Hymne „Könige“ zu glänzen. Ava Brennan als Lack- und Lederpiratin Luisa Vampa steht mit dem Song „Wahrheit oder Wagnis“ dagegen nur belangloses Material zur Verfügung. Als zartes Liebespaar Valentine und Albert sind Barbara Obermeier und Daniel Berini zu sehen. Mit großer Spielfreude und Präsenz gibt Carsten Lepper Dantès fiesen Widersacher Fernand Mondego, während Christoph Goetten als Gérard von Villefort und Karim Khawatmi in der Rolle des Danglars das intrigante Triumvirat komplettieren.

 

Leider hat Frank Wildhorn wieder einmal ein Musical präsentiert, das sich zu sehr danach anhört, als sei es zu großen Teilen mit bereits vorhandenem Material aus der Schublade entstanden – zu beliebig bewegen sich die Songs innerhalb seines üblichen Repertoires und oft fehlt der musikalische Bezug zur eigentlichen Geschichte. Es ist immer wieder erstaunlich und fast schon erheiternd, mit welch ungestümer Unbekümmertheit Wildhorn die großen Themen dieser Welt mit dem immer gleichen Strickmuster angeht. Für einige effektvolle und musikalisch mitreißende Momente – auch ‚Der Graf von Monte Christo’ hat hiervon einige – mag das reichen. Für einen Theaterabend mit Substanz ist das jedoch zu wenig.


Thomas Borchert (hier mit Dean Welterlen als Abbé Faria) im neuen Wildhorn-Musical 'Der Graf von Monte Christo' in der Hauptrolle des Edmond Dantès - ab 14. März 2009 im Theater St. Gallen / © T. Küng