‚Abba – The Show’

 

 

von Markus Zeller (Januar 2010)

 

 


Abba – The Show ... / Foto: © Herbert Schulze

Am Ende der rund zweistündigen Veranstaltung weiß man gar nicht so recht, wen oder was man da so eifrig beklatscht. Die schlichtweg genialen Popsongs wie „Dancing Queen“ oder Super Trouper“, die auch nach mehr als drei Dekaden immer noch zünden, die gekonnte Darstellung einer Band, deren Mitglieder heute eigentlich keinen Hehl daraus machen, dass sie mit den Songs von damals nicht mehr viel am Hut haben oder aber einfach nur die Freude über das große Vergnügen, das die soeben zu Ende gegangene Tribute-Show bereiten konnte? Eine Frage, der man sich besser nicht gedanklich durchdringend zuwenden sollte – das haben die 4.200 Besucher der SAP-Arena am 21.01.2010 wohl ebenso gesehen, denn die Stimmung während des Konzerts und der abschließende Schlussapplaus waren grandios. Letztlich stellt die immer noch anhaltende Begeisterung um Abba ein Phänomen dar: Es ist ohnehin schon fraglich, ob Cover-Bands als solche überhaupt Sinn machen, im Falle von Abba verliert man angesichts der schier ausufernden Dimensionen zudem noch schnell den Überblick: ‚Abbafever’, ‚Abba – The Best’, ‚Abba – A Dream’, ‚Abba Mania’ und ‚Abba – The Concert performed by Abbagain’ sind nur einige Shows, die dieses Jahr um die Gunst der Zuschauer buhlen, ganz abgesehen davon, dass ‚Mamma Mia!’ – das Musical mit den Hits von Abba – in englischsprachiger Originalversion auch noch unterwegs ist.


... Perfekte Tribute-Show ... / Foto: © Herbert Schulze

Bei soviel Konkurrenz am hart umkämpften Abba-Revival-Markt bedarf es schon eines klaren Herausstellungsmerkmals, um sich erfolgreich durchzusetzen. Im Falle von ‚Abba – The Show’ ist es dieser aufregende Hauch von Authentizität, denn hier sind Original-Abba-Musiker mit an Bord. Mit Janne Schaffer ist in Mannheim einer der Haupt-Studiogitarristen von Abba dabei, wenn auch nicht der wichtigste. Mit auf Tournee war er nie mit der Band, da ihm die eigenen Soloprojekte damals wichtiger waren. Bis heute scheint sich daran nicht viel geändert zu haben, denn seine Gitarrensoli, im Übrigen so aufdringlich dargeboten, wie er sie seinerzeit im Beisein von Andersson und Ulvaeus mit Sicherheit nie und nimmer hätte spielen dürfen, arbeitet er relativ leidenschaftslos ab. Von ganz anderem Kaliber ist da schon der knapp siebzigjährige Saxophonist Ulf Andersson, der das Eröffnungssolo „seines“ Liedes „I Do, I Do, I Do, I Do, I Do“ mit geradezu jugendlicher Begeisterungsfähigkeit interpretiert und sich auch sonst mit viel Spielfreude und voller Kraft in die Show einbringt.

 

Auch in produktionstechnischer Hinsicht hat ‚Abba – The Show’ einiges zu bieten: Das National Symphony Orchestra of London und die Musiker der Cover-Band Waterloo sorgen für einen klaren üppigen Sound, der dem Original zur Ehre gereicht. Die Bühne ist mit mehreren Ebenen ausgestattet und vermittelt durch viele LED-Projektionen einen durchweg wertigen Eindruck. Konzeptionell geht diese Show den Weg, die beispiellose Karriere von Abba in verschiedene Abschnitte einzuteilen – mit wenigen prägnanten Sätzen führt der musikalische Leiter Matthew Freeman durchs Programm. Verschiedene Abschnitte heißt bei Abba natürlich auch verschiedene Bühnenoutfits für die beiden Damen – sämtliche Kostüme sind originalgetreu nachgearbeitet und stehen beispielhaft für einen berühmten Song aus der jeweiligen Schaffensphase.


... mit Original-Abba-Musikern ... / Foto: © H. Schulze

Die vier Protagonisten von Waterloo haben ihren Job perfektioniert: Katja Nord als Frida sucht natürlich mehr den Kontakt zum Publikum als ihre blonde Gesangspartnerin Agnetha, Jakob Melkstam als Björn lehnt gar seine Stimmfärbung ans Original an und Joel Sjödin macht genau das, was auch Benny immer gemacht hat – er bleibt rhythmisch wippend hinterm Klavier sitzen. Das ist alles perfekt einstudiert und fast bis ins letzte Detail der Gestik stimmig. Nur – und das ist das Problem einer jeden Tribute-Band: Manchmal wirkt es eben doch nur gestelzt und in der Performance gehemmt, denn Abweichungen vom Original gelten als Todsünde und sind unbedingt zu vermeiden. Glücklicherweise scheinen sich die vier Abba-Profis dessen bewusst zu sein und verschaffen sich größere Bewegungsspielräume, indem sie auch weniger bekannte Nummern wie etwa „Suzy-Hang-Around“ ins Programm aufnehmen. Bei der Instrumental-Nummer „Intermezzo No.1“ und dem anschließenden Song „I´m A Marionette“ gelingt es der Band sogar, sich im positiven Sinne „freizuspielen“ und der Show ein echtes Eigenleben einzuhauchen, die in ihrer musikalischen Umsetzung begeistern und mitreißen kann.

 

Schade nur, dass der Mut zur Lücke fehlt: Offenbar ist das Stimmvolumen von Agnetha-Darstellerin Camilla Hedrén nicht den Anforderungen des Titels „The Winner Takes It All“ – einer der komplettesten Pop-Songs, die je geschrieben wurden – gewachsen. Bei ‚Abba – The Show’ kein Problem – singt eben Frida. Das ist – gemessen am eigenen Anspruch der Cover-Band – unverzeihlich. Ein weiterer kleiner Wermutstropfen: Auch diese Show setzt fast ausschließlich auf das oberflächliche Feelgood-Image von Abba und lässt wunderschön-traurige Songs wie „The Day Before You Came“ außen vor. Aber wie gesagt, zuviel Nachdenken ist bei einer Tribute-Show ohnehin nicht angesagt – und zu genaues Hinschauen auch nicht. Daher verzichtet die Produktion auf Videoleinwände, die das Bühnengeschehen bis in den letzten Winkel der Arena transportieren könnten. Doch durch die Fokussierung auf die tatsächlich Agierenden würde man eben doch Gefahr laufen, die viel beschworene Illusion eines Abba-Auftrittes zu zerstören. Aber: Historisch zumindest stimmig – gab´s ja damals auch nicht …


... hier Ulf Andersson mit den beiden Waterloo-Frontfrauen Katja Nord & Camilla Hedrén. "Sein" Abba-Song ist "I Do, I Do, I Do, I Do, I Do" / Foto: © Herbert Schulze