‚Best of Musical – Gala 2010’

 

 

von Markus Zeller (März 2010)

 

 

 

Schon der Anfang überrascht – Gaukler lassen über den Zuschauerreihen einen Glitzerregen herabgehen, eine erfreulich unaufdringliche Akrobatiknummer glänzt mit ästhetisch-kunstvoller Theatralik und glänzend aufgelegte Solisten intonieren gefühlvoll „Lass den Zauber entstehn“. Die wunderschön geratene Eröffnungsnummer aus dem Musical ‚Pippin’ von Stephen Schwartz ist ein unerwartet zarter Einstieg in ein Programm, das ansonsten nach Superlativen strebt. Die ‚Best of Musical – Gala 2010’ – die größte ihrer Art in Europa – besitzt ihr Herausstellungsmerkmal vor allem darin, dass sie ausschließlich die lizenzierten Originalproduktionen und Originaldarsteller präsentiert. Damit weist sie ganz bewusst die über die Lande ziehenden Musical-Shows in die Schranken, die zwar oft „Best of“ draufstehen haben, diesem Anspruch jedoch in keiner Weise gerecht werden können, da ihnen weder das darstellende Personal noch die finanziellen Mittel und schon gar nicht das Know-how zur Verfügung steht. Letzte Station der sechswöchigen Tournee, die durch zwölf Arenen führte und deutschlandweit von insgesamt 170.000 Zuschauern besucht wurde, war die Frankfurter Festhalle, in der am 09. März 2010 vor ausverkauftem Haus eine vielumjubelte Premiere gefeiert werden konnte.


Sowohl gesanglich ...

Auch nach dem geglückten Beginn geht es hinsichtlich der künstlerischen Qualität mit erfreulich hoher Drehzahl weiter: Das Licht (Manfred Olma) sorgt für einen eleganten Übergang – wie aus dem Nichts entsteht die Location für das Musical ‚Chicago’ und den „Zellenblocktango“, in dem mit allen Mitteln der Musicalkunst geschildert wird, wie nervig-Kaugummi-ploppende Ehegatten sowie vielweiberische Mormonen durch ihre Frauen dem biologischen Ende zugeführt werden. Endlich hat die Musical-Gala der Stage Entertainment, deren erster stationärer Gehversuch im Jahr 2004 in Köln noch recht ungelenk ausfiel und die sich anschließend in den 2006- und 2007-er Ausgaben als Tourneeproduktion präsentierte, in der nunmehr dritten Tourneefassung ein schlüssiges und überzeugendes Aufführungskonzept gefunden. Wie so oft liegt auch hier der Schlüssel in der Reduktion – Regisseurin Jani-Walsh-Weber setzt zur Bespielung der großen Veranstaltungshallen nicht einzig und alleine auf Spektakel, sondern vertraut vielmehr dem künstlerischen Moment der Stücke, wodurch sie immer wieder dichte Stimmungsbilder schafft. Zudem ist eine Entwicklung weg von der Gala hin zu einer selbständigen Musical-Show zu beobachten – die Neuinszenierung kommt ganz und gar ohne externe Anmoderationen aus, die in der Vergangenheit schlichtweg handwerklich schlecht ausfielen. ‚Best of Musical 2010’ ist eine rasante Abfolge von Szenen und Songs, die auf den Gesamteindruck zielt und nicht den sperrigen Versuch unternimmt, mit altbackenen Ankündigungen ein sogenanntes Highlight in den Mittelpunkt zu stellen – hier ist die atemlose Aneinanderreihung und Verwebung der einzelnen Stücke das Highlight. Und: Diesmal verzichtete man glücklicherweise auf das gezielte In-Szene-Setzen von „Primus-inter-Pares-Darstellern“, was in den ersten Ausgaben eigentlich nur für gepflegte Langeweile sorgte – bei ‚Best of Musical 2010’ ist die Qualität des gesamten Solistenteams entscheidend.


... als auch darstellerisch ...

Und die ist einfach hinreißend – sämtliche acht Solisten präsentieren sich konzentriert bis in die Haarspitzen: Ob der übergroße Stummfilmblick von Pia Douwes in der Rolle der Norma Desmond bei „Nur ein Blick“ aus ‚Sunset Boulevard’, im ‚Hairspray’-Block die raue Harvey-Fierstein-Singstimme (der Original-Interpret vom Broadway) von Patrick Stanke als Edna Turnblad oder die spezielle Motorik von Elisabeth Hübert als künstlich aufgespeckte Tracy sowie ihr fiebrig vibrierender Körper, wenn sich der Song „Niemand stoppt den Beat“ Bahn bricht – hier stimmt jedes noch so kleine Detail. Vor allem Elisabeth Hübert – originär die Jane in dem Phil-Collins-Musical ‚Tarzan’ – überrascht und vermag sich an diesem Abend mit schier überbordender Spielfreude in die Herzen der Zuschauer zu singen und zu spielen. Ob wie beschrieben in ‚Hairspray’, als Roxie in ‚Chicago’, als Glinda in ‚Wicked’ oder auch bei dem ‚Dirty Dancing’ – Song „Yes“, den sie geradezu hinreißend darbietet – bei der ‚Best of Musical – Gala’ präsentiert sie sich mit enormer Verwendungsbreite und mitreißenden Interpretationen. Auch Patrick Stanke überzeugt nicht nur als Körbchengröße DDD tragende ‚Hairspray’-Mama, sondern auch mit einer tollen Version des Songs „Maria“ aus der ‚West Side Story’ und darüber hinaus mit waschechten Qualitäten eines Entertainers, wenn er etwa als Big Bopper aus der ‚Buddy Holly Story’ die gesamte Festhalle für sich einnehmen kann. Dass Pia Douwes zu den komplettesten Darstellerinnen ihrer Zunft gehört, weiß man – im herrlich boulevardesken Zusammenspiel mit Mark Seibert in einer Szene von ‚Ich war noch niemals in New York’ gelingt es ihr sogar, die mehr als schwachen Dialoge des Stückes „wegzuspielen“. Mark Seibert präsentiert „seine“ Songs „Tanz durch die Welt“ aus ‚Wicked’ und „Wieder mal am Marterpfahl“ aus ‚Der Schuh des Manitu’, bei dem er mit der Textzeile „Warum hab ich Blödmann bloß nicht Bankkaufmann gelernt?“ in der Bankenmetropole besonders viele Lacher einfahren kann – zudem gibt er den Joe Gillis mit der Titelnummer aus ‚Sunset Boulevard’. Einzig Anton Zetterholm steht bei soviel Bühnenpräsenz um sich herum ein wenig hinten an, wenngleich auch er mit einer gefühlvoll und für die große Festhalle mutig leise vorgetragenen Fassung von „In the still of the night“ aus ‚Dirty Dancing’ punkten kann. Willemijn Verkaik zeigt sich nur einen Tag nach ihrer ‚Wicked’-Premiere in Oberhausen bereits wieder glänzend disponiert – ihren ‚Chicago’-Auftritt und die Nummer „Another one bites the dust“ aus ‚We will rock you’ interpretiert sie exakt und so auf den Punkt, dass man meinen möchte, sie würde nie etwas anderes machen. Ihre große und kraftvolle Beltstimme, mit der sie auch ihre aktuelle Rolle der Elphaba aus ‚Wicked’ präsentiert, ist eine wahre Freude. Große Auftritte hat auch Ana Milva Gomes – vor allem mit „Schattenland“ aus ‚Der König der Löwen’ und dem ‚Tarzan’ – Song „Dir gehört mein Herz“, bei dem sie mit einer grandios eindringlichen Interpretation Gänsehaut zu verursachen vermag. Wenn dann schließlich DMJ (David-Michael Johnson), der zuvor bereits in seiner Paraderolle des Brit aus ‚We will rock you’ mächtig abgeräumt hat, den Song „Er lebt in dir“ zum Besten gibt und dazu die Vögel aus der Hamburger ‚Der König der Löwen’ – Produktion in der Festhalle wirkungsvoll in Szene gesetzt werden, ist der eingangs beschworene Zauber vollends erreicht.


... in jeder Rolle überzeugend ...

Dafür sorgt nicht zuletzt unter der musikalischen Leitung von Bernhard Volk das fulminant aufspielende 20-köpfige Orchester, das die gesamte Musical-Bandbreite von klassischen Werken bis hin zu Rock-Stücken absolut stilsicher abdeckt. Zudem hat die Tontechnik (Andreas Hammerich und Michel Weber) die schwer auszusteuernde Festhalle hervorragend im Griff und überzeugt mit einem satten durchdringenden Sound. Die Choreografie von Jani-Walsh-Weber und Matteo Gastaldo bedient sich vieler Auf- und Abgänge durch die Publikumsreihen und wird von dem 16-köpfigen Tanzensemble mit großer Synchronität umgesetzt. Ebenfalls gelungen: das Bühnenbild von Jürgen Schmidt-André, der geschickt den Eindruck prächtiger Kulissen schafft, indem er etwa für das Set von ‚Sunset Boulevard’ die real vorhandene Bühnentreppe mittels Projektionen auf den beweglichen Bühnenelementen visuell fortführt. Mit ‚Best of Musical 2010’ hat die Stage Entertainment eine in allen Belangen überzeugende Produktion ihrer Gala-Reihe präsentiert, die in den nächsten Jahren hoffentlich ihre Fortsetzung findet. Den diesjährigen Abschluss bildeten kleine Appetithäppchen auf die neuen Stage-Entertainment-Produktionen ‚Sister Act’ und ‚Hinterm Horizont’, die im Herbst des Jahres ihren En-Suite-Betrieb in Hamburg bzw. Berlin aufnehmen werden.


... - die Solisten der "Best of Musical – Gala 2010" (v.l.n.r.): Ana Milva Gomes, Pia Douwes, Anton Zetterholm, Patrick Stanke, Mark Seibert, DMJ, Elisabeth Hübert und Willemijn Verkaik / sämtliche Fotos: © Stage Entertainment