‚Hairspray – Deutsche Originalaufnahme’

 

 

von Markus Zeller (März 2010)

 

 

 


‚Hairspray’ ist eines dieser Musicals, die es schwer haben in der Vermarktung: Zu anglo-amerikanisch der Stoff, zu nichtssagend der Titel und der zugrundeliegende Film von John Waters aus dem Jahr 1988 ist dem breiten Massenpublikum, das an der Theaterkasse nach wie vor über Wohl und Wehe einer En-suite-Produktion entscheidet, mehr oder weniger unbekannt. Hat man den Mainstream-Besucher jedoch erst einmal ins Theater gelockt, verwandelt sich das von Marc Shaiman komponierte und von Mark O’Donnell und Thomas Meehan geschriebene Stück jedoch auf wundersame Weise in eine Bank, denn die Show vermag mit ihrer anarchisch-lebensbejahenden Frische und dem mitreißenden Musik-Mix aus Rhythm and Blues, Motown-Soul und Rock ´n´ Roll nahezu jeden zu begeistern. Insofern haben die beiden Produzenten Marek Lieberberg und Michael Brenner alles richtig gemacht, indem sie die beiden Hauptrollen des Stückes mit der ehemaligen Kelly-Family-Sängerin Maite S. Kelly und dem deutschen Schauspiel-Star Uwe Ochsenknecht so populär wie irgend möglich besetzt haben und zudem mit Köln in einer Stadt platzierten, in der sich Subkultur so wohl fühlt wie wohl nirgendwo sonst.

 

Die nun veröffentlichte Einspielung der Kölner Produktion präsentiert das Stück nun erstmals in einer komplett eingedeutschten Fassung, nachdem für die deutschsprachige Erstaufführung am Theater St. Gallen im März 2008 lediglich die Dialoge übersetzt, die Songs jedoch mit Ausnahme von zwei Titeln im englischsprachigen Original belassen wurden. Die damals von Wolfgang Adenberg begonnene Arbeit führt nun Heiko Wohlgemuth (‚Der Schuh des Manitu’) fort, dessen deutschen Songtexte sehr gut funktionieren. Man kann sich natürlich darüber streiten, warum er den Songtitel „Nicest Kids in Town“ unübersetzt lässt und gleichzeitig „You can´t stop the Beat“ in „Niemand stoppt den Beat“ umwandelt, während des Songs jedoch permanent zwischen Original und Übersetzung umherswitcht. Mit diesem spielerischen Umgang beweist er allerdings Selbstironie und ein nahezu weises Verständnis für die eigene Arbeit, denn letztlich ist es völlig irrelevant, ob und wie er den Song übersetzt. Vielmehr handelt es sich bei seiner Übersetzung um ein Zugeständnis an – siehe oben – die Vermarktungschancen der Produktion, denn im Grunde genommen bedürfen die Songs von ‚Hairspray’ ebenso wenig einer Übersetzung

wie die Songtexte eines Stückes wie ‚Grease’ – ihre enorme musikalische Ausdruckskraft ist selbstsprechend genug.

 

Auch die Aufnahmetechnik ist eine Mischform – während die Gesangsparts im Studio eingesungen wurden, ist das Orchester, für das in Köln ebenso wie in St. Gallen Robert Paul verantwortlich zeichnet, live im Theater aufgenommen worden. Wie die mit einem Grammy ausgezeichnete Broadway-Cast-Einspielung vermittelt hierdurch auch die deutschsprachige Aufnahme sehr gut die überbordende musikalische Energie, die das Stück auszeichnet. Einzig „Du bist zeitlos für mich“ findet sich in einer ausschließlich live aufgenommenen Version auf dem Album. Dies wird vor allem das Saalpublikum freuen, das sich die CD unmittelbar nach dem Showbesuch als Souvenir zulegt. Der Hörer allerdings, der nicht auf die visuellen Erinnerungen der Theateraufführung zurückgreifen kann, wird mit den dort festgehaltenen Publikumsreaktionen nur wenig anfangen können. Insofern wäre es hier angebracht gewesen, auch diese Nummer wie alle anderen Songs aufzunehmen und die Live-Version als Bonus-Track hinzuzufügen, zumal die Einspielung mit ihrer Laufzeit von 65 Minuten hierfür noch genügend Kapazität geboten hätte. Aber das sind Petitessen angesichts des höchst erfreulichen Gesamteindrucks der Aufnahme, die auch hinsichtlich der gesanglichen Leistungen überzeugt: Daniel Berini gibt mit ordentlich Liebhaber-Schmelz in der Stimme den Link, Tineke Ogink eine herrlich zickige Amber, Nicòle Berendsen brilliert mit einer tollen Version von „Miss Baltimore Crabs“ und Deborah Woodson präsentiert sich als stimmgewaltige Motormouth Maybelle, während Léon van Leeuwenberg als Ednas Gatte Wilbur mit dem nötigen Feingefühl die Komik zutage fördert, die diese Figur aus ihrer stoischen Ruhe bezieht. Auch Maite S. Kelly als Tracy überzeugt mit stimmigen Interpretationen ihrer Songs, wenngleich ihre Stimme nicht die kräftigste ist. Uwe Ochsenknecht hingegen ist auf dieser CD nicht wirklich präsent, da es ihm in gesanglicher Hinsicht nicht gelingt, „seiner“ Edna etwas Unvergleichliches angedeihen zu lassen, das man eben nur mit ihm in Verbindung bringt. Aber, und das ist das Schöne an diesem Musical, irgendwie ist auch das irrelevant, denn es funktioniert trotzdem, auch in deutsch und eben „nur“ in akustischer Form – ‚Hairspray’ ist einfach unwiderstehlich.