‚Kristina’

 

 

von Markus Zeller (April 2010)

 

 


Trotz Schwermut und Depression ...

Das Saallicht war bereits ausgeschaltet, als Benny Andersson und Björn Ulvaeus den Innenraum der Royal Albert Hall betraten, um dort im Halbdunkel hastig ihre Plätze einzunehmen. Die in unmittelbarer Nähe befindlichen Zuschauer erhoben sich jedoch sofort von ihren Sitzen und entfachten damit die ersten Standing Ovations an diesem Abend. Schon daran wird deutlich, welch außergewöhnlich elektrisierende Spannung über der britischen Premiere des Musicals ´Kristina´ lag, die sich hier das erste Mal in einem euphorisierten Jubelsturm bis in den höchsten Rang der Arena entladen konnte, bevor auch nur ein einziger Ton des Werkes zu hören gewesen wäre. Beeindruckender Ausdruck dafür, welch immens großer Beliebtheit sich die beiden Abba-Macher auch heute noch erfreuen. Eine im Vorfeld des Konzertes etwas flapsig ausgesprochene Bemerkung von Benny Andersson gegenüber einem Journalisten der Times, mit der er eine mögliche Wiedervereinigung von Abba nicht mehr so kategorisch ausschloss wie bisher, fand sogar weltweite Beachtung und nährte diesbezügliche Spekulationen um ein mögliches Abba-Comeback ins schier Uferlose, bis sich das Stockholmer Management schließlich genötigt sah, darauf hinzuweisen, dass es sich hierbei wohl eher um einen Scherz gehandelt habe und Andersson darum gebeten wurde, derlei Späße bitte zukünftig zu unterlassen. Ob es sich hierbei um einen gezielten Marketing-Trick im Hinblick auf das anstehende Konzert oder aber schlichtweg um eine Unbedachtheit des in Sachen Öffentlichkeitsarbeit eher ungeübten Andersson war, der diesen Part ansonsten Ulvaeus überlässt, sei dahingestellt – es sagt jedoch viel über den großen Stellenwert aus, den ihre Musik nach wie vor für viele Anhänger hat.


... die britische Erstaufführung ...

Dementsprechend groß und überbordend geriet auch der Schlussapplaus gute drei Stunden später, obwohl in diesem Stück doch eigentlich alles so traurig ist. Genau hieran störte sich im Rahmen der Berichterstattung auch die britische Presse, die das Stück allenfalls durchwachsen aufnahm und neben der Düsterheit vor allem die relative Ereignisarmut der Geschichte monierte. Dass das Konzert trotzdem so enthusiastisch gefeiert wurde, lag nicht zuletzt daran, dass sich das Publikum zu einem großen Teil aus einer multinationalen Ansammlung von Abba-Fans und Musicalliebhabern zusammensetzte – bei denjenigen, die beide Gruppen in Personalunion in sich vereinigen, genießt das Stück sogar einen Status, der an Heiligenverehrung grenzt. Vielleicht nicht ganz zu Unrecht, denn an diesem Abend zeigten sich auch viele britische "Erstseher" überaus beeindruckt. Basierend auf dem Auswandererepos von Vilhelm Moberg  erzählt das Musical die Geschichte vom dramatischen Schicksal einer schwedischen Familie, die Mitte des 19. Jahrhunderts ihr Glück in Amerika sucht. ´Kristina från Duvemåla´, so der Originaltitel, wurde 1995 in Malmö uraufgeführt und entwickelte sich während der nahezu vierjährigen Laufzeit an verschiedenen Aufführungsorten zur erfolgreichsten schwedischen Theaterproduktion überhaupt. Im September letzten Jahres präsentierte sich das Werk in der New Yorker Carnegie Hall erstmals in einer englischen Übersetzung – die hierfür entwickelte halbszenische Aufführung war nun auch in London zu sehen.


... des dramatischen Werkes ...

Regisseur Lars Rudolfsson hat für diese Konzertfassung die ursprüngliche Aufführungsdauer um über eine Stunde reduziert. Nötige Informationen über die Handlung, die hierdurch weggefallen sind, liefern nunmehr die Protagonisten, die zu Beginn ihrer Songs auch als Erzähler fungieren und Erläuterungen über die Figuren oder das nicht Gezeigte geben. Als zusätzliche Hilfestellung werden auf einer Videoleinwand zudem die Örtlichkeit, der Zeitpunkt der Handlung sowie die Texte des Chores eingeblendet. Als Konzert funktioniert das sehr gut, eine Lösung im Hinblick auf eine international verwertbare Aufführung – und nur das kann Sinn und Zweck einer englischsprachigen Fassung sein – scheint damit jedoch noch nicht gefunden zu sein. Andersson und Ulvaeus zögerten nicht ohne Grund eine Ewigkeit, das Stück auf dem internationalen Markt zu präsentieren. Die schwedische Originalproduktion traf auf ein Publikum, das mit der literarischen Vorlage, die das schwedische Traumata des Verlusts von einem Viertel der Gesamtbevölkerung thematisiert, in hohem Maße vertraut war und ein geradezu emotionales Verhältnis zu ihr hatte. Solche Zuschauer bringen nicht nur ein bereits ausgeprägtes Informationsnetz, mit dem sich die Handlung des Bühnenstückes unmittelbar verknüpfen kann, sondern vor allem Geduld in die Vorstellung mit – beides Voraussetzungen, die es so am Broadway oder im West End nicht gibt. Nicht umsonst übertrug Björn Ulvaeus sein Originallibretto zusammen mit Herbert Kretzmer ins Englische, der für die englische Fassung von ´Les Misérables´ bereits eine ähnliche Aufgabenstellung zu bewältigen hatte. Die englischsprachige Fassung offenbart nun jedoch auch die dramaturgischen Schwächen des Stückes, die in der Originalinszenierung aus den vorgenannten Gründen von eher untergeordneter Bedeutung waren und vor allem daraus resultieren, dass es sich immer noch, auch in dieser komprimierten Fassung, zu oft in seiner musikalischen Schönheit verliert. So können etwa die beiden auf sich beziehenden Songs "Lice" ("Löss") und "Miracle of god" ("Ett herrans underverk"), die schildern, wie sich aus anfänglichem Hass und gegenseitiger Verachtung zwischen Kristina und Ulrika schließlich eine tiefe Freundschaft entwickelt, für sich genommen nur wenig bis gar keine dramaturgische Spannung entfalten. Ihren theatralischen Mehrwert generieren sie erst dadurch, dass Ulrika schließlich diejenige ist, die Karl Oskar inständig darum bittet, mit Kristina kein Kind mehr zu zeugen, da eine weitere Schwangerschaft deren sicheren Tod bedeuten würde. Auch der Handlungsstrang um das Schicksal von Robert, der im ersten Akt ordentlich aufgebaut wird, erfährt im zweiten Teil mit dem „Wildcat money“-Song eine Auflösung, die entbehrlich erscheint und in dieser Form völlig unvermittelt und konstruiert über die Geschichte hereinbricht. Gewiss – die Adaption eines epischen Werkes von insgesamt vier Romanen für die Musicalbühne ist beeindruckend gelungen und die weitere Komprimierung für eine internationale Fassung stellt einen Schritt in die richtige Richtung dar – nun ist das Stück jedoch noch in eine dramaturgisch flüssige Form zu bringen.


... wurde enthusiastisch gefeiert!

Die Besetzung indes ist schlichtweg grandios: Höchstwahrscheinlich zum letzten Mal war Helen Sjöholm in ihrer Paraderolle als Kristina zu erleben – es scheint schwer vorstellbar, dass ihre zutiefst bewegende Interpretation dieses Abends in absehbarer Zeit durch eine Nachfolgerin getoppt werden könnte. Ihre wunderschöne klare Stimme als auch die packende Darstellung mit vielen wundervollen Details sind wahrlich ein Ereignis, das die Zuschauer nach dem großen Solo "You have to be there" ("Du måste finnas") zu langen Ovationen hinreißt. Dieser Monolog mit Gott, den sie aufgrund ihrer erlittenen Schicksalsschläge mit bitteren Vorwürfen konfrontiert – sozusagen die "Gethsemane-Nummer" und einer der Hitsongs des Stückes – gelingt ihr noch intensiver als eine gute Dekade zuvor im Rahmen der Originalaufführung: reifer sowieso – noch anrührender, noch verzweifelter und noch verlorener. Es ist einer der vielen Momente, in denen man sich dabei ertappt, die Schwächen des Buches als Petitessen abzutun – was zählt, ist der Gesamteindruck, und der ist in diesem Fall hinreißend. Dies gilt auch für die Art und Weise, wie sie im ersten Akt beim Tod ihres Mädchens Anna zum Chorgesang nur ihre glänzend-feuchten Augen sprechen lässt.

Während Kristina von Anfang an den goldenen Verheißungen des gelobten Landes Amerika misstraut, strebt ihr Mann Karl Oskar männlich tatkräftig der neuen Zukunft entgegen. Russell Watson, ein populärer britischer Tenor, singt ihn voller Saft und Kraft und in der Pointierung einwandfrei. Ihm ist jedoch auch anzumerken, dass er als einziger der Protagonisten kein Musicaldarsteller ist – wie er etwa mit den Manierismen eines Heldentenors mit den Armen rudert, um seinen Auftritten gewichtigen Ausdruck zu verleihen, ist schon etwas gewöhnungsbedürftig – gesanglich präsentiert er sich jedoch ausgezeichnet. So auch bei dem Song "In the dead of darkness" ("Stanna"), bei dem Karl Oskar auf der Schiffsüberfahrt nachts bei der lebensgefährlich an Skorbut erkrankten Kristina wacht – die gefühlvolle Interpretation der Todesahnung ist nicht sein kraftvollster, wohl aber sein eindringlichster Auftritt. Die größte Überraschung des Abends ist jedoch Kevin Odekirk – während er auf der Carnegie-Hall-Aufnahme nicht sonderlich durchzudringen vermag, präsentiert er in der Royal Albert Hall eine sensationelle Darbietung des Robert. Auch er erhält nach "Gold can turn to sand" ("Guldet blev till sand") Standing Ovations eines begeisterten Publikums. Mit geschmeidigem Vibrato in der kräftigen Stimme erweist er sich als idealbesetzt in der Rolle, in der er auch darstellerisch mit hinreißender Ausstrahlung zu brillieren weiß: vom eingeschüchterten Knecht, der in der alten Heimat nur Unterdrückung und Mühsal erfährt und Hoffnung nur in einer neuen Zukunft sieht bis zu dem verbitterten und lebensmüde gewordenen jungen Mann, der als Glücksritter gescheitert ist. Als außerordentlicher Glücksfall erweist sich zudem Louise Pitre in der Rolle der ehemaligen Prostituierten Ulrika, die sie mit all ihrer Bühnenerfahrung äußerst spielfreudig präsentiert. Dabei weiß sie sowohl mit fesselnden Interpretationen voller tiefgehender Ernsthaftigkeit als auch mit geradezu herzerfrischenden Darbietungen wie bei dem Song "American man" ("Tänk att män som han kan finnas") zu überzeugen – wenn man so will, die Shownummer des Stückes, da dieser Song als einziger unbelastete Fröhlichkeit vermittelt.


Viel Jubel für die grandiosen Darsteller ...

Ebenfalls großartig: Das überaus konzentriert und engagiert aufspielende 50-köpfige Sinfonieorchester unter dem Dirigat von Paul Gemignani, der auch rhythmusorientierten Songs wie "Wild grass" ("Vildgräs") zu sinfonischer Opulenz verhilft. Auch der glänzend eingestellte 23-köpfige Chor, der bei diesem Stück – vor allem in den melodramatischen Passagen – viel zu tun hat, sorgt dafür, dass sich ´Kristina´ in all seinem musikalischen Reichtum entfalten kann. Dieser ist es letztlich auch, der das Stück in der aktuellen Musicallandschaft so einzigartig macht – angesichts seines Umfangs nicht nur ein Juwel, sondern ein Monument, das Benny Andersson da in die Welt gesetzt hat. Seine an Melodien überreiche Partitur ist äußerst klug und bedient oft nicht die Idee des ersten Einfalles – so vermittelt etwa der Beginn der Überfahrt keine Aufbruchstimmung, die in Form von leiser Hoffnung nur ganz vage und zart in den Streicherpassagen durchscheint, sondern ist düster und angsterfüllt gestaltet und beschreibt somit treffend Kristinas Gefühlslage beim Aufbruch in die Neue Welt, in der sie nie ihre neue Heimat finden wird. Auch die Leitmotive sind erfreulich geschickt konstruiert, wie man sie in dieser Qualität nur selten findet.

Eine Geschichte epischen Ausmaßes, ausufernde Nummern mit wagnerianisch-dramatischer Wucht, berauschende Chorsätze wie "A sunday in battery park" und bewegende Hymnen wie "Summer rose" ("Min astrakan") – dieses Stück vermittelt den Eindruck, als sei es für die Ewigkeit geschaffen. Dementsprechend schwer gestaltet sich der Umgang damit in der Gegenwart; es bleibt abzuwarten, wie es die Bemühungen um die Reduzierung auf eine alltagstaugliche Größe vertragen wird. Hinsichtlich der Thematik hat es zumindest bessere Chancen als der inhaltlich in den Achtzigern gefangene Vorgänger ´Chess´. Auch wenn ´Kristina´ auf den ersten Blick sehr speziell schwedisch erscheint, letztlich sind die behandelten Themen zutiefst menschlich und somit universell. Dass Andersson und Ulvaeus dabei zwar mit viel Sentiment, jedoch nie mit Kitsch arbeiten, zeichnet ihre Klasse und die des Stückes aus. Insofern wird dieses Musical als musikalisch herausragendes Exemplar seiner Gattung überleben – unabhängig von einem internationalen Aufführungserfolg. Aber auch hierfür hat es genügend Potenzial: Wenn am Schluss die sterbende Kristina, die zuvor ihr Schicksal Gott überantwortete und wider ärztlichen Rat erneut schwanger geworden ist, von Karl Oskar die erste Frucht des in Amerika gepflanzten schwedischen Apfelbäumchens erhält, dann wünscht man diesem Stück noch viele weitere Aufführungen. Die nächste wurde bereits für Anfang 2012 im Svenska Teatern in Helsinki angekündigt.


... und vor allem für Komponist Benny Andersson und Autor Björn Ulvaeus beim Schlussapplaus in der restlos ausverkauften Royal Albert Hall am 14. April 2010. / Fotos: © Chris Christodoulou