‚Kristina – At Carnegie Hall’

 

 

von Markus Zeller (Mai 2010)

 

 

 


Eigentlich haben Benny Andersson und Björn Ulvaeus nur zwei Musicals geschrieben, wovon das jüngere von beiden bereits 1995 seine Uraufführung in Malmö erlebte. Während das aus den Achtzigern stammende Vorgängerstück ´Chess´ noch leidlich bekannt ist, konzentriert sich die öffentliche Wahrnehmung ansonsten ausschließlich auf das exorbitant erfolgreiche Abba-Compilation-Musical ´Mamma Mia!´, das im Grunde genommen überhaupt nicht von den beiden ist. Völlig unbemerkt hingegen blieb bislang das Werk ´Kristina från Duvemåla´, wenngleich es hoch oben im europäischen Norden ein höchst bemerkenswertes Bühnen-Dasein führte und sich mit über einer Million Zuschauern zur erfolgreichsten schwedischen Theaterproduktion überhaupt entwickelte. Hiervon Kenntnis genommen haben hierzulande jedoch nur die hartnäckigsten Abba-Fans und die über den geografischen Tellerrand hinausblickenden Musicalliebhaber – von beiden wird das Stück geradezu verehrt und die 1996 veröffentlichte 3-CD-Aufnahme genießt unter den Eingeweihten Kultstatus.

Im September 2009 schickten Andersson und Ulvaeus ihr Werk erstmals in die Welt hinaus – in der New Yorker Carnegie Hall präsentierten sie eine halbszenisch aufbereitete Konzertfassung, die die nunmehr bei Decca erschienene Live-Aufnahme auf zwei CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 143 Minuten dokumentiert. Hierfür übertrug Autor Ulvaeus das Stück, das bislang nur in schwedischer Originalsprache vorlag, zusammen mit Herbert Kretzmer ins Englische, der bereits für die englischsprachige Fassung von ´Les Misérables´ verantwortlich zeichnete. Anhand der aufgeführten Texte im umfangreichen Booklet des komfortabel gestalteten Digipacks lässt sich die Geschichte über das dramatische Schicksal einer schwedischen Auswandererfamilie, die Mitte des 19. Jahrhunderts ihr Glück in Amerika sucht, sehr gut nachvollziehen.

So besteht nun auch für ein breites Publikum die Gelegenheit, ein in seiner musikalischen Komplexität in der Musicallandschaft nahezu einzigartiges Werk aus der Feder der beiden Abba-Macher kennenzulernen, das sich so gar nicht nach Abba anhört. Wer deren musikalischen Schaffens jedoch ein wenig kundig ist und den Begriff Abba nicht auf das dämliche und weit verbreitete Schlaghosen- und Gute-Laune-Image

reduziert, weiß, dass es auch damals schon „The day before you came“ und „The name of the game“ gab und somit Schwermut und Depression. Hiervon steckt jede Menge in diesem Musical, vor allem in der Originalfassung mit seiner über dreieinhalbstündigen Spieldauer. Diese wurde für die konzertante Fassung durch die Herausnahme einiger weniger Titel sowie durch die Kürzung einzelner Passagen um über eine Stunde reduziert. Zudem gibt Dirigent Paul Gemignani einen wesentlich flotteren Takt an als seinerzeit Anders Eljas für die Studioaufnahme – ihm zur Verfügung steht ein mit Verve aufspielendes 50-köpfiges Orchester und zudem ein 23-köpfiger Chor, wodurch sich die berauschende Opulenz der Partitur von Komponist Andersson glänzend entfalten kann. „Ersthörern“ steht somit die Entdeckung solch wunderbarer Songs bevor wie „In the dead of darkness“ („Stanna“), den Russell Watson (Karl Oskar) mit exakter Pointierung präsentiert oder „Never“ („Aldrig“), von Louise Pitre (Ulrika) fesselnd und spannungsgeladen vorgetragen. Auch in der Version von Kevin Odekirk (Robert), der die Nummer mit geschmeidigem Vibrato in der kraftvollen Stimme präsentiert, bleibt „Gold can turn to sand“ („Guldet blev till sand“) ein veritabler Showstopper. Und natürlich „You have to be there“ („Du måste finnas“), der bekannteste Hitsong des Stückes, den Originalinterpretin Helen Sjöholm in der Titelrolle mit hinreißender Intensität interpretiert.

Doch es sind nicht nur die Hits des Stückes – ´Kristina´, wie es nun für den internationalen Markt heißt, begeistert vor allem durch seine dramatische Wucht und eine äußerst kluge Leitmotivik, die sich zielstrebig mit dem Handlungsablauf und den Charakteren verknüpft und hierdurch eine herausragende musiktheatralische Qualität schafft. ´Kristina´ ist ein zutiefst bewegendes musikalisches Drama, das nach seiner Entdeckung geradezu schreit – dass es solange im Verborgenen blieb, liegt nicht zuletzt an seinem mächtigen und nahezu alle Dimensionen sprengenden Umfang und einem Inhalt, der sich gegenüber einem schnellen Zugang versperrt. Das opernhafte Werk ist weder MP3- noch Eventtauglich, weniger sogar als so manche Oper – wer sich trotzdem die Zeit hierfür nimmt, wird reich belohnt werden.