‚Love never dies’

 

 

von Markus Zeller (Mai 2010)

 

 

 


Wäre ´Love never dies´ nicht das neueste Werk des erfolgreichsten Musicalkomponisten unserer Zeit und nicht gleichzeitig die Fortsetzung eines der erfolgreichsten Musicals überhaupt, es hätte nie und nimmer eine Chance gehabt, auf die Bühne zu gelangen. Schon alleine aus dem Grund, weil die gewählte Erzählform des Sequels im Gegensatz zum Film, für den es eine Art Gelddruckmaschine darstellt, auf der Musicalbühne bislang noch nicht funktionierte. Zudem wäre unter keinen Umständen soviel Geld in eine Show investiert worden, die auf einer Originalgeschichte basiert, sich also an anderer Stelle noch nicht bewähren konnte. So aber ist es wieder einmal Andrew Lloyd Webber, der der Musicalbranche Innovationen beschert – einer, den man in dieser Hinsicht gar nicht mehr auf der Rechnung hatte, genauso wenig wie die schon seit Ewigkeiten angekündigte Fortsetzung seines Megaerfolgs ´The Phantom of the Opera´ aus dem Jahr 1986. Am 09. März 2010 war es aber dann tatsächlich soweit und er präsentierte der Weltöffentlichkeit im firmeneigenen Londoner Adelphi Theatre das mit extrem großer Spannung erwartete ´Phantom´-Sequel – zeitgleich hierzu wurde die dazugehörige Gesamtaufnahme mit einer Laufzeit von 132 Minuten veröffentlicht, die in der Luxus-Edition neben zwei CDs sowie dem vollständig abgedruckten Libretto auch eine DVD mit Hintergrundberichten zur Studioproduktion enthält.

Mehr Risikobereitschaft geht also nicht – hier setzt jemand ohne Not seine ganze Reputation aufs Spiel und kämpft für eine wahrlich kühne, wenn nicht sogar tollkühne Idee. Dieses Ringen um Anerkennung ist dem gesamten Stück anzumerken; für Mitleid gegenüber alten Freunden bleibt da kein Raum – nur so ist zu erklären, dass die bekannten Charaktere in der ´Phantom´-Fortsetzung solch teilweise befremdliche Entwicklungen erfahren, sodass man sich fortwährend fragt, welcher Teufel ihn denn da bloß geritten hat: Da wird aus der weisen und edelmütigen Madame Giry eine nervende zänkische Giftspritze, ihre Tochter Meg mutiert von einer harmlosen Balletttänzerin zu einem karrieregeilen Showluder, aus Raoul ist ein trinkender Loser und Jammerlappen geworden und das einst furchteinflößende Phantom bringt keine Leute mehr um, sondern ergeht sich nur noch in Melancholie-Obsessionen. Einzig Christine ist unverändert geblieben, sie ist immer noch die zuckersüße Unschuld aus der Oper – aus dem Bühnentod solcher weiblichen Figuren haben schon Puccini und Verdi höchst erfolgreichen Honig gesogen. Der Stoff für die Weitererzählung, die nicht mehr in Paris, sondern im Vergnügungspark auf der amerikanischen Halbinsel Coney Island spielt, verfügt also über genügend dramaturgisches Futter. Der Heerschar von Autoren, bestehend aus Ben Elton, Frederick Forsyth, Glenn Slater, der auch die Lyrics verfasste und Webber selbst, ist es jedoch nicht gelungen, hieraus eine zwingende oder zumindest dichte Story zu formen. Besonders ärgerlich ist, dass die Liebesgeschichte zwischen Christine und dem Phantom keine Auflösung aus sich selbst erfährt. Zudem wurde geradezu straflässig vernachlässigt, die Beweggründe von Christines Handeln herauszustellen – der Kern von ´Love never dies´ bleibt somit erzählerisch im Dunkeln.

Was hinsichtlich der Geschichte missglückt, gelingt Webber umso mehr in musikalischer Hinsicht, denn die Partitur überzeugt in jeder Hinsicht. Wie es sich für ein Sequel gehört, bedient ´Love never dies´ die verschiedenen Elemente des Ursprungswerkes und findet gelungene Entsprechungen wie etwa den Rocksong "The beauty underneath" – das Pendant zum Titelsong des Originals und gleichzeitig Träger der Kernaussage des

gesamten Stoffes. Der überaus abwechslungs- wie melodienreichen Partitur ist die Lust am Thema und der unbedingte Wille zum Erfolg regelrecht anzuhören: Webber entwirft stimmungsvolle Klangwelten wie den instrumentalen "Coney Island Waltz", bricht diese immer wieder mit dissonanten Einschüben, setzt bewusst einfach strukturierte Vaudeville-Nummern neben verstörerische Rezitative und schreckt auch nicht vor hemmungslosem Kitsch zurück wie etwa dem Titelsong, den er mit anderem Text bereits in seinem Musical ´The Beautiful Game´ verwandte und dessen Entstehungsgeschichte er ausführlich im Vorwort des Booklets beschreibt. ´Love never dies´ ist durch und durch das Werk eines Komponisten, der nichts unversucht lässt und es nochmal wissen will – und auch immer noch kann: Das beweist er eindringlich bei der instrumentalen Nummer "The Aerie", für die er sich geradezu grandios in die gequälte Seele des Phantoms hineinversetzt, das sich auch zehn Jahre nach dem letzten Kontakt mit Christine noch immer nach ihr vergeht. Hier bringt Webber musikalisch das zum Ausdruck, woran das Buch ungelenk scheitert. Vor allem jedoch kämpft er unentwegt um die Aufmerksamkeit des Hörers: Für das Wiedersehen von Christine und dem Phantom fährt er bedeutungsschweren Orchester-Bombast voller Pathos auf ("Beneath a moonless sky"), während er für die Konfrontation zwischen Raoul und dem Phantom eine mitreißende Spannung erzeugt, indem er das Duett "Devil take the hindmost" mit einem fesselnd-treibenden Rhythmus unterlegt. Und er weiß, wann weniger mehr ist – so etwa bei dem vermeintlich kleinen, aber umso wirkungsvolleren Solo "Why does she love me?", bei dem Raoul, mal wieder angetrunken, über seine verpfuschte Ehe mit Christine nachdenkt. Ein toller Song, der in seiner erfreulich unkünstlichen Authentizität auch gut in ´Aspects of Love´ passen würde. Ein regelrechtes Vergnügen ist hingegen "Dear old friend", musikalisch rührselig wie "Prima Donna", das in seiner sarkastischen Mehrdeutigkeit einfach hinreißend geraten ist. Nur ein Juwel wie "Point of no return" aus dem Original sucht man vergeblich in ´Love never dies´ – solch einen komplexen Song hat das schwache Buch Webber nicht abverlangt.

Dass die Besetzung überzeugt, vermag angesichts des deutlich herauszuhörenden hohen Produktionsaufwands nicht zu überraschen. Beide Hauptdarsteller sind ´Phantom´-erprobt und hatten ihre Rollen schon im Original inne. Ramin Karimloo singt das Phantom mit voller und kräftiger Stimme, die sich mit der nötigen Portion Schmelz auch als balladentauglich erweist, wie der Song "Til I hear you sing", ein weiterer Höhepunkt des Stückes, eindrucksvoll belegt. Sierra Boggess in der Rolle der Christine Daaé überzeugt mit bestechend klarem Sopran, während Sally Dexter (die als einzige Interpretin der Einspielung nicht der Londoner Original-Besetzung angehört) eine nachhaltig beeindruckende Charakterstudie der Madame Giry präsentiert. Joseph Millson in der Rolle des Raoul gefällt vor allem mit nie aufdringlichen und stets wohlbedachten Interpretationen. Summer Strallen hingegen vermag auf der Bühne weitaus mehr zu punkten als auf der Aufnahme; die Verzweiflung und Missgunst der Meg Giry weiß sie jedoch auch hier sehr gut zu transportieren. Weitaus effektvoller verhält es sich bei der Einspielung mit der Rolle des 10-jährigen Gustave, den Charlie Manton mit zauberhafter Sopranstimme singt. In dessen Armen findet das zu ungeahnten Vaterfreuden gekommene Phantom am Ende schließlich seine Erlösung, womit zumindest die Geschichte um den entstellten Freak zu Ende erzählt wäre. Aber Gustave wird ja auch mal älter...