‚Sunset Boulevard’ in Bad Hersfeld

 

 

von Markus Zeller (Juni 2011)

 

 

 

In einem riesigen Festspielareal? Schwierig. Ohne ein berauschend üppiges Bühnenbild? Nein, bestimmt nicht. Unter freiem Himmel? Nein, schon gar nicht. Es gab viele Gründe, die dagegen sprachen, dass Andrew Lloyd Webbers ‚Sunset Boulevard’ in der Bad Hersfelder Stiftsruine funktionieren kann. So viele, dass alles andere als ein künstlerischer Misserfolg fast schon ein Wunder gewesen wäre. Womit man seitens der Veranstalter wahrscheinlich auch hätte leben können, denn über den wirtschaftlichen Erfolg einer Festspielproduktion entscheidet der Vorverkauf und nicht die Presse. Bevor die aber anlässlich der Premiere überhaupt erst zu Stift und Feder greifen konnte, um die Inszenierung einer kritischen Betrachtung zu unterziehen, war die Produktion mittels Starvehikel Helen Schneider längst schon prächtig verkauft und hatte somit den Zweck erfüllt, den das im deutschen Theatergewerbe oft ungeliebte und despektierlich behandelte Format des Musicals zu erfüllen hat: Einnahmen zu generieren, um die anderen Sparten im Angebot wirtschaftlich abzusichern.

 

Das Ergebnis des betriebswirtschaftlichen Kalküls? Ein Triumph! Ganz und gar unerwartet. Das fängt schon beim Bühnenbild an, das wie so oft in Bad Hersfeld keines ist, sondern eher die stückgerechte Einrichtung der Stiftsruine. Zwei Palmen – schon ist man in Los Angeles, einige Stangen, an deren Enden jeweils Scheinwerfer angebracht sind und von den Darstellern mit Fahrbewegungen durch den dichten Bühnennebel jongliert werden – fertig ist die rasante Autoverfolgungsjagd. Diese führt in das von der Zeit so herzlos vergessene Anwesen der einstigen Stummfilmdiva Norma Desmond, wo sich dann auf wundersame Weise der Zauber des Festspielortes entfaltet: Bühnenbildnerin Heike Meixner verlässt sich voll und ganz auf die zerfallene Architektur der Stiftsruine, die ebenso morbide anmutet wie Norma Desmonds Seelenleben und ebenso brüchig ist wie deren Träume von einer Rückkehr ins Filmgeschäft. Den pfiffigen Clou präsentiert sie am Ende des ersten Akts, wenn parallel zu Normas Suizidversuch bei Artie Green das in diesem Zusammenhang bitter-zynische Silvesterfeuerwerk gezündet wird: bei einer Freilichtaufführung sind das natürlich echte Raketen, die den Nachthimmel beleuchten.

 

Aufregend neu und inspirierend: Die Regie-Einfälle und das Inszenierungskonzept von Gil Mehmert. Mit hinreißendem Tempo und vielen originellen Lösungen setzt er die Eröffnungssequenz furios in Szene, die erst beim Eintreffen von Joe Gillis in Normas Villa inne hält. Bei der Zeichnung des sich nun entfaltenden Dramas beweist er sowohl hinsichtlich der Führung der Darsteller als auch im Umgang mit dem dramaturgischen Schema des Stückes eine sichere Hand mit eigenständiger Note. Besonders beeindruckend, mit welch scheinbarer Leichtigkeit er bislang in Stein gemeißelte Szenen Schicht für Schicht freilegt und neue Sichtweisen präsentiert. Beispielhaft erwähnt sei hier der Schlüsselmoment „Als hätten wir uns nie Goodbye gesagt“, in dem er Hog-Eye’s „Lassen sie sich mal anschauen!“ aufgreift: Geblendet von dessen Scheinwerferlicht halten sich sämtliche Anwesenden im Paramount-Filmstudio die Augen zu, nur Norma saugt die so lange vermisste Energie des Lichtstrahls begierig in sich auf, während die Filmcrew mit traumähnlichen Slow-Motion-Bewegungen eine Bildästhetik erzeugt, die offenbart, dass sich hier gerade nur Normas Film abspielt, der mit der Realität nichts, aber auch überhaupt nichts zu tun hat. Brillant – man fragt sich allen Ernstes, warum Gil Mehmert hierzulande nicht zu den am häufigsten engagierten Musical-Regisseuren überhaupt gehört. Melissa King unterstreicht die sehr bildhafte Inszenierung, indem sie mit ihrer klugen und kleinteiligen Choreografie nicht nur das tänzerische Element beisteuert, sondern viele Szenen auch kommentiert – ein gelungener Beleg dafür, was bei diesem Stück in Sachen Choreografie alles möglich ist.

 

Mehmert ist das Kunststück gelungen, mit vielen starken und intensiven Momenten das riesige Auditorium des Festspielgeländes, das sich in einem nicht enden wollenden Schlauch nach hinten zieht, vollends mit diesem eher leisen Stück zu bespielen. Dabei ist er laut, aber nie polternd. Das, was Helen Schneider als Norma Desmond macht, ist nicht mehr polternd, das ist Heavy Metal. Ihre Rolleninterpretation ist letztlich die gleiche wie die in der deutschsprachigen Originalproduktion in Niedernhausen – nur sehr viel mehr davon. Obwohl seitdem einige Jahre vergangen sind, spielt sie immer noch keine alte Frau – den Ansatz des Originals, dass sich Joe von ihr in körperlicher Hinsicht angewidert fühlt, ignoriert sie nach wie vor beharrlich. Sie ist vielmehr die auf ihr Äußeres bedachte Madonna auf Koks – dass sich diese Norma von Joe nicht nur die schreiberische Unterstützung für ihren Comeback- , Verzeihung, Rückkehrversuch verspricht, sondern auch ganz konkrete sexuelle Interessen verfolgt, stellt sie mehr als deutlich heraus, wenn sie katzengewandt die große Treppe – nein, nicht hochgeht, sondern aufreizend emporwandelt. Leider ist auch ihr Bühnendeutsch scheinbar in all der Zeit nicht wirklich besser geworden, aber trotzdem – ihre Norma von Bad Hersfeld ist ein Ereignis: Wie wild rudert sie als Salomé mit ihren Armen, so als ob es gilt, auch noch in der allerletzten Reihe mit voller Präsenz anzukommen. Hysterisch-überdreht spielt sie jede Szene konsequent und mit vollem Druck aus, und wenn Joe sie das erste Mal verlassen will, dann entfacht ihr rhythmisches Hyperventilieren im Wechselspiel mit der Musik eine unwiderstehliche Sogwirkung, der man sich nur schwerlich entziehen kann. Ihr Gesang ist zudem in der Tat reifer und vor allem kräftiger geworden als je zuvor, die „Nur ein Blick“ – Version im Finale eine Hymne.

 

Angesichts dieser extravaganten One-Woman-Show hat es Rasmus Borkowski zunächst schwer, durchzudringen – im Zusammenspiel mit einer wahrhaften Furie wirkt sein Joe Gillis oft nur naiv und zu nett. Als Erzähler der Geschichte versäumt er es zudem, sich deutlich distanziert über die Geschichte zu stellen und den Zyniker herauszustellen – er ist eher einer, der die Drachen, die er im Titelsong mit kräftiger und pointierter Intonation besingt, bereits kennengelernt hat und unter ihnen leidet; sein Ausgebranntsein indes will man ihm jedoch nicht abnehmen. Gleichwohl hat er zum Ende hin ebenfalls hinreißende Momente. Für Wietske van Tongeren als Betty Schaefer gilt dies leider nicht, denn bei dem Duett „Viel zu sehr“ könnte sie ruhig ein wenig mehr Enthusiasmus in ihre Liebe zu Joe legen. Mit schöner und sicherer Stimme wiederholt sie hier letztlich nur ihre Interpretation der „Ich“-Rolle aus ‚Rebecca’ bis zu deren Emanzipation. Bei der mit viel Bohei angekündigten Mitwirkung von Helmut Baumann ist es die Sensation, dass er als Regie-Legende den Max gibt, es ist weniger die Sensation, wie er ihn gibt: darstellerisch blass und stimmlich nur allzu dünn. Gesanglich ein Totalausfall ist Wolfgang Scheiner als Cecil B. DeMille. Dagegen wirken Darsteller vom Kaliber eines Oliver Mülich im Ensemble mit, die dort völlig vergeudet erscheinen.

 

Ein weiteres Glanzstück dieser Aufführung: das fulminant aufspielende Orchester unter der musikalischen Leitung von Christoph Wohlleben. Unter seinem stücksicheren Dirigat entfaltet die Partitur in ihren großen symphonischen Passagen strahlenden Glanz, während der exzellente Ton dafür sorgt, dass auch die pulsierenden Swing-Elemente wie auch die düster-melancholischen Songs samt ihrer dissonanten Details transparent durchklingen.

 

Auch wenn sich diese ‚Sunset Boulevard’ – Inszenierung sicherlich nicht dadurch auszeichnet, sämtliche Facetten der menschlichen Tragödie der beiden Protagonisten herausgearbeitet zu haben, so hat sie doch eindrucksvoll bewiesen, dass das Stück Open-Air-tauglich und zudem szenisch noch lange nicht ausgedeutet ist – unterm Strich bleibt ein hervorragender Gesamteindruck. ‚Sunset Boulevard’ in der Bad Hersfelder Stiftsruine: Ein vollkommen überraschender Glücksfall!