Jeeves


von Markus Zeller (Januar 2002)



Foto: (c) Jürgen Frahm

Beim „54. Internationalen Jahrestref_en Christlicher Banjospieler“ geht so ziemlich alles schief, selbst das "F" des von den rührigen Mitarbeitern des JCBC (Jesus Christ Banjo Club) im Gemeindehaus installierten Schriftzuges der Veranstaltung ist bereits zu Boden gefallen. Kein Wunder, dass just zu Beginn des Konzertes auch das Banjo des Hauptakteurs Bertram Wooster fehlt. Da ist guter Rat teuer, denn bis zum Eintreffen des Ersatzinstrumentes wird es noch zwei Stunden dauern und das Publikum will unterhalten werden. Glücklicherweise kann Wooster in solch verzweifelten Situationen auf seinen Butler Jeeves zählen, denn dieser hat stets eine zündende Idee oder einen nützlichen Ratschlag parat. Auch in diesem Fall weiß er seinem Dienstherrn aus der Bredouille zu helfen: Wooster soll doch einfach einen Schwank aus seiner Jugend erzählen. Was es hierfür braucht - Bühne und Klavierbegleitung - steht schließlich zur Verfügung. Bertram Wooster erinnert sich an eine Begebenheit, bei der er sich aus einer Notlage heraus für seinen Freund Gussie Fink-Nottle ausgeben musste. Und dies hatte fatale Folgen, schließlich hatte sich dieser wiederum für Bertram Wooster ausgegeben, um das Herz seiner Angebeteten zu gewinnen. Dass es für die Darstellung der nun folgenden furiosen Geschichte keinerlei Schauspieler oder Requisiten geschweige denn Buch gibt, ist für das Organisationstalent Jeeves nur eine weitere Herausforderung...


Foto: (c) Jürgen Frahm

Dies ist der Auftakt einer der erfreulichsten Musicalpremieren der letzten Monate: Mit der deutschsprachigen Erstaufführung von "Jeeves" am 01. Dezember 2001 ist es dem Theater Heilbronn zum wiederholten Male gelungen, ein bisher in unseren Gefilden unbekanntes Werk aus der Taufe zu heben. Basierend auf den Geschichten von P. G. Wodehouse über den Butler Jeeves schufen Komponist Andrew Lloyd Webber und Alan Ayckbourn, von dem Buch und Songtexte stammen, bereits 1975 das Musical "Jeeves", dem jedoch kein Erfolg beschieden war. Lange Zeit galt dieses Werk als Webbers einziger Flop und somit als Novum, bis sich die Laufzeiten seiner jüngeren Musicals ebenfalls auf ein eher durchschnittliches Maß reduzierten. Unter dem Titel "By Jeeves" stellten die beiden Hochkaräter, die sich mit dem ungewohnten Misserfolg nicht abfinden wollten, am 01. Mai 1996 eine überarbeitete Neufassung vor, auf der die Produktion von Heilbronn beruht.

Und die kann sich hinsichtlich der Ensembleleistung sehen und hören lassen. Dafür sorgt nicht zuletzt Guido Kleineidam als Bertram Wooster. Wie ein Wirbelwind jagt er durch die Aufführung und vermag mit seiner engagierten Darstellung jederzeit zu glänzen. Die dabei zu leistende Schwerstarbeit, die mit der ständigen Präsenz auf der Bühne einher geht, ist ihm nie anzumerken und er verleiht dem leidgeprüften Banjospieler, der von einer misslichen Lage in die andere gerät, die notwendige Leichtigkeit. Zudem überzeugt er auch gesanglich, so dass man Guido Kleineidam als echte Entdeckung feiern kann. Mit dieser Leistung ist es ihm gelungen, sich für weitere Aufgaben in der Sparte Musical zu empfehlen. Ihm zur Seite steht Johannes Bahr, der als Butler Jeeves verschmitzt und "very british" durch die Geschichte führt. Judith C. Jakob spielt die Häppchen verteilende Evadne Apply-Witchurch, die in dem improvisierten Stück die Rolle der von Fink-Nottle verehrten Madeline Bassett übernehmen muss. Der Musical erfahrenen Darstellerin gelingt dabei sehr wirkungsvoll der Sprung zwischen den beiden Rollen und sie zeigt sich äußerst spielfreudig.


Foto: (c) Jürgen Frahm

Inszeniert wurde die amüsante Verwechslungskomödie von Ralf Nürnberger, der die Charaktere fast so übersteigert wie in einem Comic anlegt und seinen Darstellern damit ein großes Spektrum an Entfaltungsmöglichkeiten anbietet. Leider verpasst auch er - dies scheint die Tragik des Werkes zu sein, da sich „By Jeeves“ auch in der aktuellen Bühnenfassung am Broadway nicht durchzusetzen vermag - aus der Musicalkomödie eine wirklich mitreißende Show zu kreieren. Den skurrilen Erlebnissen des englischen Adeligen in Nöten fehlt es einfach an der notwendigen Glaubwürdigkeit, die eine Bühnengeschichte entfalten muss, um die Zuschauer restlos in ihren Bann zu ziehen. So bleiben Ironie und Unterton des Librettos, wie die Parodie auf das Musicalgenre selbst und einige gezielte Seitenhiebe gegenüber amerikanischer Oberflächlichkeit, auf der Strecke. Mit dem Lehrbuch in der Hand und ohne den notwendigen angelsächsischen Charme arbeitet Nürnberger die Geschichte ab und verschenkt dadurch viele Gelegenheiten, die sich durch die Verwechslungen innerhalb des improvisierten Stücks ergeben. An dieser Stelle hätten sich mehr Mut zur Extravaganz und ein höheres Maß an Einfallsreichtum als hilfreich erwiesen. Außerdem gelingt es ihm nicht, die Pointen wirklich punktgenau zu setzen und die Gags gezielt anzusteuern, um sie zum richtigen Zeitpunkt explodieren zu lassen, denn nur dann funktioniert ein solches Stück. Schade, denn „Jeeves“ hätte, ähnlich wie „Aspects of Love“ in Dresden, die letzte deutschsprachige Erstaufführung eines Webber-Musicals an einer staatlichen Bühne, zum ganz großen Wurf werden können.


Foto: (c) Jürgen Frahm

Gewohnt souverän dirigiert Nicolas Kemmer die Partitur, die für Anhänger von Andrew Lloyd Webber einige wunderbare Kompositionen im Gepäck hat. Dass es sich bei „Jeeves“ nicht um ein durchkomponiertes Werk handelt, erklärt sich von selbst, wenn man einen Blick auf den Namen des Autoren wirft: Alan Ayckbourn, der König der Boulevardkomödie, 1997 von der Queen „für seine Verdienste um das Theater“ geadelt, ist natürlich kein Librettist, der nur die Worte für die Melodien eines anderen liefert. „Jeeves“ ist eine typische britische Boulevardkomödie, die erst durch die eingeflochtenen Songs Webbers zum Musical wird. Dabei hat Ayckbourn den Kunstgriff angewandt, ein Stück innerhalb eines Stückes anzusiedeln.

Hier liegt auch der besondere Reiz an dem amourösen und musikalischen Verwirrspiel: Bis dahin ahnungslose Mitarbeiter des JCBC, ihres Zeichens Techniker oder für den Kartenverkauf zuständig, sind plötzlich in der unglücklichen Lage, als Darsteller eines Theaterstücks zu fungieren und wahlweise für die Requisite zu sorgen oder sogar als Darsteller aufzutreten. Songs wie „Bei Gelegenheit“ oder „Hast du dieses Paar gesehn“ stellen dabei die vergnüglichen Höhepunkte dar. Hier funktioniert das Zusammenspiel zwischen Musik und Text besonders wirkungsvoll. Reicht das Improvisationstalent der Betroffenen nicht mehr aus, so steht Jeeves wie immer mit Rat und Tat zur Seite und führt durch den ungeplanten Theaterabend, bis am Ende das so dringlich herbeigesehnte Banjo endlich eingetroffen ist. Dass es leider keinen einzigen Ton von sich gibt, ist nicht allzu dramatisch, denn auch hierfür hat der treue Butler mit seinem schier unerschöpflichen Ideenreichtum natürlich eine Erklärung...

Mit der Produktion von „Jeeves“ ist es dem Theater Heilbronn gelungen, seinen inzwischen unantastbaren Ruf einer Musical-Hochburg zu sichern. Sorgt die Umsetzung auch nicht für uneingeschränkten Jubel, so ist dieses Musical jedoch einmal mehr ein Beispiel dafür, wie abwechslungsreich es bei entsprechendem Engagement anderer Häuser in dieser Sparte auf deutschsprachigen Bühnen aussehen könnte. Noch bis zum 01. März 2002 können Sie der Frage nachgehen, ob sich “Banjo Boy“ Bertram Wooster mit der von Jeeves gefundenen Erklärung zufrieden gibt.


Foto: (c) Jürgen Frahm