Jesus Christ Superstar in Bad Hersfeld


von Markus Zeller (Juni 2002)



Kann man einem Werk, das seit mehr als dreißig Jahren ununterbrochen in unterschiedlichsten Versionen aufgeführt wird, noch etwas Überraschendes hervorlocken? Wohl kaum. Im Bewusstsein dieser Erkenntnis trumpfte die Neuinszenierung des Klassikers von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice im Rahmen der diesjährigen Bad Hersfelder Festspiele mit einem Staraufgebot sondergleichen auf, das die Musicalszene trotz einer inzwischen einsetzenden Übersättigung an diesem Stück mit der Zunge schnalzen und begierig nach der bereits im Herbst vergangenen Jahres ausverkauften Produktion blicken ließ. Für diesen Verkaufserfolg sorgte einzig und alleine die Aufnahme der populären und scheinbar zeitlosen Rockoper in den Spielplan, denn weder die Besetzung noch die Aufführungsform stand zu diesem Zeitpunkt fest. Seit der Premiere am 14. Juni 2002 können sich nun Frühbucher und einige wenige, die eventuell verfügbare Restplätze ergattern können (zu erfragen bei der Kartenzentrale), einen Eindruck davon machen, ob die hohe Erwartungshaltung gerechtfertigt war oder nicht.


Foto: (c) Stefan Odry

In der beeindruckenden Kulisse der Stiftsruine, die übrigens weitaus besser für den dramatischen Stoff der Passionsgeschichte des Jesus von Nazareth geeignet ist als für das lateinamerikanische Sujet der Vorgängerproduktion „Evita“, präsentiert sich eine hochwertige Produktion in Originalsprache, die das in Scharen anreisende Festspielpublikum mit Sicherheit nicht enttäuschen wird. Allerdings hält man vergeblich Ausschau nach einer eigenen Handschrift, die hieraus eine Bad Hersfelder Fassung hätte machen können. Schnell kristallisiert sich heraus, dass die Inszenierung von Peter Lotschak die im Vorfeld aufgebaute Spannung während des Abends nicht halten kann. Dies zeichnet sich bereits zu Beginn der bekannten Story ab, denn die musikalisch dynamische Ouvertüre wartet mit einer nicht sonderlich originellen Demonstration auf, die von den römischen Ordnungskräften zerschlagen wird und somit auf bekannte Weise an die Straßenkämpfe der Sechzigerjahre anknüpft. Ein wenig mehr frischer Wind für die altehrwürdige Rockoper hätte der Freiluftaufführung nicht schlecht zu Gesicht gestanden. So ist es auch kein Wunder, dass aus dem Tempel, den es zu befreien gilt, ein Sadomasochistenclub geworden ist. Das klingt zwar modern, ist aber inzwischen ein alter Hut, zumal dieser Regieeinfall in keinerlei Kontext zu dem Gesamtkonzept dieser Aufführung steht. Die klassische Showeinlage des Stückes, der Auftritt von Herodes, wird sogar völlig in den Sand gesetzt. Inspiriert von der an Jesus gerichteten Aufforderung Herodes’ „walk across my swimming pool“ präsentiert Lotschak eine alberne und oberflächliche Revuenummer in der Szenerie von Badeutensilien und eines - wer kommt noch nicht drauf? - Swimming Pools. Keine Spur von einer menschenverachtenden Dekadenz des Herrschers, der dazu noch statisch über dem Geschehen thront und sich nicht weiter einbringt. Ansonsten ist die Aufführung geprägt von einem äußerst konventionellen Erscheinungsbild, das von Lagerfeuerromantik bei „Last Supper“ bis zu einem leicht verdaulichen Verhör durch Pilatus und den anschließenden „39 Lashes“ reicht. Besonders diese Szene läuft nie Gefahr, den Zuschauer gar zu erschrecken. Das will man auch nicht, Jesus Christ Superstar in Bad Hersfeld will gefallen, nicht fordern.


Foto: (c) Stefan Odry

Gleichwohl gelingt es dieser Produktion, sich entscheidend aus der Vielzahl anderer Inszenierungen des Stückes hervorzuheben, die in der jüngsten Vergangenheit im deutschsprachigen Raum dargeboten wurden. Dies liegt nicht zuletzt an der glücklichen Besetzung der Titelrolle, in der Yngve Gasoy-Romdal begeistern kann. Der sympathische Norweger, zuletzt als Hauptdarsteller in der Hamburger Aufführung von „Mozart!“ zu sehen, meistert den gesanglich wie darstellerisch höchst anspruchsvollen Part des Jesus mit Bravour. Er lässt Gottes Sohn „menscheln“, so dass die Auseinandersetzung mit den anderen agierenden Figuren die in diesem Stück so wichtige Theatralik entfalten kann. Damit kommt er der ursprünglichen Idee von Tim Rice deutlich näher als viele seine Vorgänger, deren Darstellungen oft zu „technisch“ wirkten. Sein Jesus ist harmoniebedürftig und streitbereit bis zur tätlichen Auseinandersetzung, gerecht und ungerecht, verletzlich und doch grenzenlos stark. Ihm gelingt die glaubhafte Charakterstudie eines Mannes, der zunächst sein gesamtes Umfeld fasziniert, in den letzten sieben Tagen seiner irdischen Existenz jedoch zusehends an Kraft verliert und sich am Ende in die ihm zugedachte Rolle fügt. Der entscheidende Wendepunkt in dieser Entwicklung ist der Song „Gethsemane“, mit dem ihm der intensivste und packendste Moment der gesamten Aufführung gehört. Eine wirklich beeindruckende Leistung, deren Genuss man sich nicht entgehen lassen sollte. Mit Anna Montanaro als Maria Magdalena und Nigel David Casey als Judas stehen ihm weitere hochkarätige Musicaldarsteller zur Seite, die die erstklassige Besetzung der Hauptrollen vervollständigen. Dabei bedient Anna Montanaro nicht das Klischee der unter ihrer Liebe zu Jesus leidenden Maria Magdalena, sondern sie zeigt eine selbstbewusste Frau, die schon viel erlebt hat und sich durchaus zu wehren weiß. Gegenüber ihrem Geliebten tritt sie als Verführerin auf, wegen seiner Unerreichbarkeit empfindet sie Zorn. Hierdurch lässt sie ein Spannungsfeld entstehen, das ihre Präsenz in dem Stück, das oft von dem Konflikt zwischen Jesus und Judas lebt, entscheidend verstärkt und die Rolle der Maria Magdalena aufwertet. Im Anschluss an „I don’t know how to love him“ besteht sogar kurzfristig die Gefahr, dass Jesus und seine treusorgende Dienerin gleich wild übereinander herfallen, wenn da nicht der Anstandsherr Judas auf den Plan treten würde. Nigel David Casey muss in Anbetracht dieser geballten Erotik-Power ein wenig zurückstehen und präsentiert eine etwas blasse Variante des Verräters mit Gewissen. Jimmie Earl Perry als Pilatus, Tom Tucker als Kaiphas und Reinhard Brussmann als Herodes wissen ihre Auftritte zu nutzen und können gesanglich wie auch darstellerisch überzeugen. Als giftiger Annas gefällt Hans Steunzer, Sven Sorring gibt den Petrus. Michael Kelley als Simon liefert bei seinem Song „Simon Zealotes“ einen mitreißenden Auftritt, mit dem er auf sich aufmerksam machen kann.


Foto: (c) Stefan Odry

Leider wird sich den Zuschauern an vielen Stellen nicht das gesamte Ausmaß der durchweg sehenswerten darstellerischen Leistungen erschließen, da bei dieser Produktion offenbar niemand für das Musical-Staging verantwortlich gezeichnet hat. Dieser Abstimmungsfehler zwischen Regie und Choreographie führt etwa dazu, dass Simon dem Publikum abgewandt sein Solo zum Besten gibt, während für angereiste Reinhard Brussmann - Fans das Mitbringen eines Opernglases (oder vielleicht noch besser: eines ausgewachsenen Feldstechers!) unbedingte Pflicht ist, denn angesichts des Verharrens von Herodes im hinteren Bühnenbereich kommt von ihm außer dem Gesang nichts mehr im Auditorium an. Die zurückhaltende Choreographie von Marvin A. Smith bietet nichts sonderlich Neues, kann aber bei den Massenszenen in Jerusalem gefallen. Die in der Stiftsruine traditionell spartanisch gehaltene Ausstattung verlässt sich auch in dieser Inszenierung auf die Wirkungskraft der Spielstätte und erzielt damit die besten Effekte. Lediglich für den letzten Auftritt von Judas lässt Ausstatter Axel Schmitt-Falckenberg ein mobiles Baugerüst auffahren, um ihm für „Jesus Christ Superstar“ den nötigen Blick von oben zu geben. Ein vermeintlicher Showhöhepunkt, der jedoch wie ein Fremdkörper wirkt und sich schnell als verzichtbar herausstellt. Die musikalische Leitung liegt bei Christoph Wohlleben, der mit seiner werkgetreuen Umsetzung durchweg überzeugen kann.


Foto: (c) Stefan Odry

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass von dieser Inszenierung die bestechende Leistung von Yngve Gasoy-Romdal haften bleiben wird - um zur Ausgangsfrage zurückzukehren. Mit Sicherheit nicht die letzte Inszenierungsidee des Abends, mit der Regisseur Peter Lotschak eine Stimmung schaffen will, die irgendwo zwischen österlicher Besinnung und der Ergriffenheit anlässlich der Passionsspiele von Oberammergau anzusiedeln ist. Die abstrakt gestaltete Kreuzigungsszene funktioniert noch bestens, denn in ihrer Reduzierung auf das Wesentliche kommt sie sogar ohne Kreuz aus und hinterlässt einen gelungenen Eindruck. Doch danach ist bei Lotschak noch lange nicht Schluss, denn er zeigt noch - zugegebenermaßen technisch perfekt und sehr beeindruckend - die Auferstehung Christi. In einem immens aufwändigen Schlussbild schickt er unter Einbeziehung von Lasertechnik den eben noch blutverschmierten Heiland in reinstem Weiß durch einen Lichttunnel in Richtung überirdische Sphären. Dies sorgt zwar für Standing Ovations beim begeisterten Festspielpublikum, hat jedoch nichts mit dem Stück und schon gar nichts mit der Intention der Autoren zu tun. Jesus Christ Superstar thematisiert das menschliche Schicksal von Jesus, seine Göttlichkeit wird bewusst außen vor gelassen. Dieser kolossale und zudem naiv wirkende Fehlgriff verwässert die Wirkung einer bis dahin ordentlichen Produktion, die vor allem durch die gezeigten Leistungen der exzellenten Darsteller glänzen kann.


Foto: (c) Stefan Odry